032016

Christ-Katholische Kirche

Administratur der Nordisch-Katholischen Kirche in Deutschland

 

Ein Ökumenisches Konzil?

Von Dr. Frederik Herzberg

 

Seit Beginn der ökumenischen Bewegung vor mehr als hundert Jahren wird in den Orthodoxen Kirchen über die Einberufung eines Konzils nachgedacht. Dieses soll in der Tradition der sieben Ökumenischen Konzilien der ungeteilten Kirche (Nizäa 325, Konstantinopel 381, Ephesus 431, Chalzedon 451 Konstantinopel 553, Konstantinopel 680/1, Nizäa 787) stehen und Antworten auf Anfragen "unserer Zeit" an die Orthodoxe Kirche geben. Seit 1965 wurde von einigen orthodoxen Theologen das Zweite Vatikanische Konzil als Vorbild eines aggiornamento der Orthodoxen Kirchen angeführt.

Seit 2014 wurden die Vorbereitungen durch die Primasse der autokephalen orthodoxen Landeskirchen intensiviert; als Beginn des "Großen und Heiligen Konzils" bzw. "Pan-Orthodoxen Konzils" wurde der heurige Pfingsttag nach dem Julianischen Kalender (der 19. Juni 2016 nach dem gregorianischen Kalender) vorgesehen und als Ort schließlich Kreta, das zur Jurisdiktion des Ökumenischen Patriarchats zählt. Die zu beratenden Texte wurden über mehrere Jahre erarbeitet und von den Primassen bereits im Januar 2016 ratifiziert. Kontroversen sind gleichwohl entstanden, die vor allem die Ekklesiologie und das Kirchenrecht betreffen.

Dies mag zunächst überraschen, denn der Gegenstand der Texte ist in erster Linie pastoraler Natur. Auch hier erkennt man das Vorbild des Zweiten Vatikanischen Konzils, das sich - ungeachtet der Verabschiedung von Dogmatischen Konstitutionen - zuvörderst als Pastoralkonzil verstand. Gleichwohl basiert pastorale Orientierung, sofern sie denn theologisch reflektiert sein will, natürlich auf theologischen Prämissen, die auch in "pastoralen" Dokumenten artikuliert werden. Es mag möglich sein, die Texte des Zweiten Vatikanischen Konzils im Sinne einer "Hermeneutik der Kontinuität" (Benedikt XVI.) zu interpretieren, aber es bleibt doch zumindest eine gewisse Innovation der theologischen Sprache.

Eine solche Innovation der theologischen Sprache finden wir auch in der umstrittensten Textvorlage des Großen und Heiligen Konzils der Orthodoxen Kirche. Es geht hierbei um die "Beziehungen der Orthodoxen Kirchen zur übrigen christlichen Welt". Der erste Satz bezeichnet die Orthodoxe Kirche noch traditionell als die "eine, heilige, katholische und apostolische Kirche". Während die römisch-katholische Theologie seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil lehrt, dass die Kirche Christi in der römisch-katholischen Kirche "subsistiert" (Lumen Gentium 8), lehrt die Orthodoxe Kirche, dass Christus nur eine Kirche gegründet hat - eben die Orthodoxe Kirche als Zusammenschluss der vierzehn kanonisch anerkannten autokephalen orthodoxen Landeskirchen. Andere Kirchen können, selbst wenn sie den orthodoxen Glauben bekennen - wie etwa die russischen Altritualisten, die griechischen Altkalendarier oder auch die Union von Scranton -nach einer solchen Auffassung streng genommen (kat'akribeian) nicht als Kirchen im Vollsinn gelten. Selbst die Tatsache, dass die außerhalb der Orthodoxie trinitarisch vollzogene Taufe von den meisten orthodoxen Landeskirchen nicht wiederholt wird, ist nicht etwa theologisch begründet, sondern erfolgt als pastorales Zugeständnis (kat'oikonomian), das sich noch dazu auf Kanon VII des Zweiten Ökumenischen Konzils (Konstantinopel 381) stützen kann.

Dass nun im Konzilsdokument über die "Beziehungen der Orthodoxen Kirchen zur übrigen christlichen Welt" an einer Stelle von weiteren "christlichen Kirchen" gesprochen wird, ist vor diesem Hintergrund ein absolutes Novum - auch wenn es sich im orthodox-römisch-katholischen Dialog seit 1965 angedeutet hat - und hat erheblichen Widerspruch hervorgerufen: von mehreren orthodoxen Landeskirchen (Georgisch-Orthodoxe Kirche, Bulgarisch-Orthodoxe Kirche, Serbisch-Orthodoxe Kirche, Russisch-Orthodoxe Kirche) und von den Klöstern des heiligen Berges Athos. Die georgisch-orthodoxe und bulgarisch-orthodoxe Kirche waren die ersten Landeskirchen, die ihre Teilnahme am Konzil abgesagt haben und haben dies mit theologischen Einwänden insbesondere gegen diesen Text begründet.

Neben dieser möglicherweise nicht hinreichend präzisen ekklesiologischen Terminologie in der orthodoxen ökumenischen Positionsbestimmung überschattet ein weiterer Konflikt den Vorabend des Konzils, weshalb die russische und serbische Kirche zu einer Verschiebung aufgerufen hatten: Zwei Patriarchate, nämlich die Kirchen von Antiochien und Jerusalem, stehen offiziell nicht mehr in Sakramentengemeinschaft. Grund dafür ist, dass das Patriarchat von Jerusalem eine Diözese in Qatar errichtet und dort einen Bischof geweiht hat, obwohl das Vierte Ökumenische Konzil dem Patriarchat von Antiochien die Jurisdiktion über Arabien zugesprochen hat. Als Gründe werden von Seiten Jerusalems insbesondere pastorale Umstände angeführt: Es gibt inzwischen bis zu 12.000 orthodoxe Gläubige in Qatar; aber aufgrund der Religionspolitik in Qatar wird nur griechischsprachigen Geistlichen des Jerusalemer Patriarchats, nicht aber den arabischsprachigen antiochenischen Geistlichen eine Aufenthaltserlaubnis erteilt. Die Vermittlung des griechischen Außenministers im Juni 2013 scheiterte; seit 2014 stehen die beiden Kirchen nicht mehr in eucharistischer Gemeinschaft.

Das Patriarchat von Antiochien, das zu den fünf Patriarchaten der alten Kirche gehört (Pentarchie) und auf das Wirken des Apostels Petrus selbst zurückgeht (wie in der Apostelgeschichte beschrieben), hat in der Folge auch nicht mehr an den Konferenzen der Primasse der orthodoxen Landeskirchen zur Vorbereitung des Konzils teilgenommen. Wenige Wochen vor dem Konzil hat der antiochenische Patriarch Johannes X. erklärt, dass seine Kirche nicht am Konzil teilnehmen wird, wenn keine Aussöhnung mit Jerusalem stattgefunden hat und die eucharistische Gemeinschaft nicht wiederhergestellt ist. Für die antiochenische Kirche ist das Konzil ein pneumatisches Ereignis, ein Wirken des Heiligen Geistes in der Kirche, die sich wiederum "in der Eucharistie verwirklicht" (Alexander Schmemann). Die Patriarchate von Georgien, Bulgarien und schließlich Russland haben ebenfalls gefordert, das Konzil zu verschieben und angekündigt, dem für die orthodoxe Pfingstoktav einberufenen Konzil fernzubleiben. Die serbisch-orthodoxe Kirche hat sich vorbehalten, das Konzil wieder zu verlassen, falls die Anliegen der abwesenden autokephalen Kirchen nicht hinreichend berücksichtigt werden. Die Anregung des serbischen Patriarchats ist es, dass Konzil so lange fortzuführen, bis ein Konsens, der auch die Haltungen der zunächst abwesenden Kirchen voll einbezieht, erreicht ist. Diese serbische Anregung hat eine gewisse Plausibilität: Wenn man bedenkt, dass das Zweite Vatikanische Konzil über drei Jahre lang getagt hat, ist eine Konzilsdauer von nur einer Woche auch tatsächlich sehr ambitioniert.

Wird es sich bei dem nun stattfindenden pan-orthodoxen Konzil trotzdem um ein "ökumenisches Konzil" handeln? Dass nur orthodoxe Kirchen vertreten sind, würde einer solchen Selbstzuschreibung nicht entgegen stehen, wenn man "ökumenisch" wörtlich (und nicht etwa im Sinne des Ökumenischen Rates der Kirchen oder der ökumenischen Bewegung) versteht: So wie die römisch-katholische Kirche ihre Synoden auch nach dem Schisma von 1054 zwischen Ost- und Westkirche stets als "ökumenisch" (den ganzen Erdkreis betreffend) bezeichnet hat, gelten manchen orthodoxen Theologen die konstantinopolitanischen Konzile von 879/880 (Wiedereinsetzung von Patriarch Photius) und 1341-51 (Rechtgläubigkeit des hl. Gregor Palamas in seiner Verteidigung der Hesychasten) als "ökumenisch".

Das neue Konzil aber heißt offiziell nicht 8. oder 10. Ökumenisches Konzil, sondern schlicht Großes und Heiliges Konzil. Patriarch Kirill, als Moskauer Patriarch das Oberhaupt der größten orthodoxen Landeskirche, hat klar gestellt, dass das Konzil keinesfalls als ökumenisch zu gelten hat, da es keine dogmatischen Definitionen oder liturgischen Entscheidungen treffen wird. Diese Klarstellung erfolgte, als man noch davon ausgehen konnte, dass die russische Kirche am Konzil teilnehmen wird.

In jedem Fall unterscheidet sich das Procedere des Konzils grundlegend von jenem der sieben oder neun Konzilien der Orthodoxen Kirche: Denn nicht allen Bischöfen ist die Teilnahme gestattet, sondern jede autokephale Kirche hat nur eine bestimmte "Delegiertenzahl". Metropolit Hierotheos (Vlachos) von Naftapaktos spricht daher auch von einem "Konzil der Primasse", in Abgrenzung zu einer Bischofssynode.

Oben war bereits erwähnt worden, dass die georgische, bulgarische, russischen und antiochenische (sowie auch, etwas verhaltener, die serbische) Kirche vor dem Hintergrund der Spannungen eine Verschiebung des Konzils angeregt hatten. Dem hat sich der Patriarchatsrat des Ökumenischen Patriarchat unter Patriarch Bartholomäus I. allerdings verweigert. Die Folge wird das Fernbleiben von mindestens vier orthodoxen autokephalen Landeskirchen sein, deren Gläubige zusammen mehr als die Hälfte der weltweiten Orthodoxie bilden.

Werden die Konzilsbeschlüsse trotzdem bindend sein? In der orthodoxen Theologie wird die Gültigkeit von Konzilsentscheidungen (zumindest seit Chomjakows Religionsphilosophie der sobornost') meist nicht formal-juridisch gefasst: Da der Heilige Geist der gesamten Kirche innewohnt und nicht nur den - wo auch immer und in welcher Zahl versammelten - Bischöfen, ist das entscheidende Kriterium die Rezeption der Gläubigen, der sensus fidelium der lateinischen Theologie. Gilt dies schon für dogmatische Definitionen, muss es für pastorale Entscheidungen erst recht gelten. Gleichwohl lässt sich diese Frage natürlich auch kirchenrechtlich beantworten: Schließlich verfügt das Konzil über eine Geschäftsordnung ("Organisations- und Arbeitsablauf des Heiligen und Großen Konzils der Orthodoxen Kirche"), die von der Synaxis der Primasse der orthodoxen Landeskirchen in Chambésy (bei Genf; dort befindet sich das Orthodoxe Zentrum des Ökumenischen Patriarchats) bei Stimmenthaltung der antiochenischen Kirche verabschiedet worden ist. Diese Geschäftsordnung sieht vor, dass alle Dokumente einstimmig von allen Kirchen verabschiedet werden müssen. Die Kirchen können ihre Stimmen nur geschlossen abgeben (ähnlich wie im Deutschen Bundesrat) und können über die Abgabe ihrer Stimme intern mit Mehrheit entscheiden (Art. 12). Über den Fall von abwesenden Kirchen ist hier nichts gesagt. Allerdings müssen zur Verkündigung und damit zum Inkrafttreten der Beschlüsse die Primasse aller orthodoxen Landeskirchen die Dokumente auf jeder Seite paraphieren und unterzeichnen (Art. 13).

Viel wird also von den Reaktionen der nicht beteiligten Kirchen, sowohl in ihrer Hierarchie als auch im gläubigen Volk, auf die anfänglich verlesene Botschaft des Konzils und die dort ratifizierten Texte abhängen (so auch der Münsteraner Professor für orthodoxe Theologie, Assaad Elias Kattan, jüngst im Deutschlandfunk). Des weiteren ist zu hoffen, dass die Zusammenkunft in Kreta nur der Beginn eines konziliaren Prozesses ist, zu dem die vier abwesenden Kirchen später hinzu stoßen werden. Wenn erstens die Botschaft und die Texte des Konzils an der Basis vermittelt werden und zweitens die Konzilssitzung in Kreta nur ein Auftakt für weitere Sessionen unter Beteiligung aller orthodoxen Kirchen (oder gar aller Bischöfe) ist, dann kann auf dem Wege der Rezeption das Konzil doch noch wegweisend für die Orthodoxe Kirche "auf dem ganzen Erdkreis" werden. Zumindest in diesem Sinne wäre es schließlich doch noch ein "ökumenisches Konzil".

(In der kommenden Ausgabe folgt ein Blick auf die Konzilsbeschlüsse)

 

 

 

Interview

Notfallseelsorge mit Herzblut

Mit Klaus Klein gibt es künftig einen christ-katholischen Notfallseelsorger beim Roten Kreuz

 

1.Lieber Herr Klein, worin besteht die Aufgabe der Notfallseelsorge beim BRK ?

 

Hauptaufgabe der Notfallseelsorge ist es für Einsatzkräfte nach belastenden Einsätzen zur Verfügung zu stehen, damit das Erlebte auch angesprochen werden kann, wenn es einem selbst Probleme bereitet.

Die Prävention ist ebenso eine Aufgabe der Notfallseelsorge für Einsatzkräfte im Roten Kreuz. Wie gehe ich mit welcher Situation wie um. Eines der umfassendsten Themen stellt in der heutigen Zeit die Medizinethik in der Notfallversorgung dar. Durchaus sind auch Themen wie Nottaufe und Notbeichte immer wieder gefordert.

 

 

2.Was ist denn der Unterschied zwischen Krisenintervention und Notfallseelsorge?

 

Das Team der Krisenintervention kümmert sich um Angehörige oder Betroffene in einer Notfallsituation und bleibt auch bei diesen, wenn es gewünscht wird, vor Ort. Das Kriseninterventionsteam hat eine eigene Ausbildung hinsichtlich der Betreuung von Betroffenen und ist stets getrennt von der Notfallseelsorge für Einsatzkräfte.

 

Die Notfallseelsorge ist ausschließlich für die Einsatzkräfte vorhanden und wird auch oft erst nach belastenden Einsätzen gerufen. Hier gibt es die verschiedenen Angebote der Gruppen- oder auch Einzelgespräche. Notfallseelsorge kennt man schon lange im militärischen Bereich unter Militärseelsorge und auch bei den Feuerwehren oder bei der Polizei gibt es eigene Seelsorger für Einsatzkräfte, den Polizeiseelsorger und den Feuerwehrseelsorger. Neu ist, dass auch das Rote Kreuz eigene Seelsorger jetzt für Einsatzkräfte installiert.

 

3.Beim Roten Kreuz handelt es sich ja um eine Internationale Organisation, welche politisch und religiös neutral agiert. Warum braucht das Rote Kreuz Seelsorger?

 

Nicht die Organisatin Rotes Kreuz braucht einen Seelsorger, sondern die Menschen, die in dieser Organisation ihren Dienst, egal ob haupt- oder ehrenamtlich verrichten. Helfer werden mit Situationen konfrontiert, deren Bilder sie oftmals nicht mehr loslassen. Hier greift die Notfallseelsorge als Teil des betrieblichen Gesundheitsmanagements beim Roten Kreuz ein. Seitens der Organisation Rotes Kreuz wir ein Seelsorger zur Verfügung gestellt, der aus den eigenen Reihen kommt, genauso wie bei allen anderen Organisationen auch, und, der um die Geschehnisse bei Rettungseinsätzen aus eigener Erfahrung weiß. Denn das größte was wir können, ist Mensch zu sein und das spielt in den Momenten, in denen die Bilder von Einsätzen wiederkommen die größte Rolle.

 

4.Könnten die entsprechenden Aufgaben nicht besser durch Psychotherapeuten übernommen werden, gibt es hier eine Zusammenarbeit oder Konkurrenz?

 

Ich denke hier greift das besondere Vertrauensverhältnis von Einsatzkräften untereinander. Wenn man als Betroffener genau weiß, dass der mir gegenüber auch im Einsatzdienst tätig ist, spricht man eine eigene Sprache.

Notfallseelsorge hat auch ganz klare Grenzen im Zusammenhang mit psychisch belastenden Situationen. Alles was über eine vierwöchige Präsenz von Belastungen hinausgeht, wir auch seitens der Notfallseelsorge in die Hände von Psychologen gegeben. Hier gibt es ein hervorragendes Miteinander und keine Konkurrenz, denn im Mittelpunkt all unseres Handelns steht der Mensch.

 

5.Wie wird man überhaupt Notfallseelsorger?

 

Ich habe meine Ausbildung zum Notfallseelsorger am Domberg in Freising am Institut für Theologische und Pastorale Fortbildung absolviert. Das Erzbistum München und Freising bietet hierzu überregionale und konfessionsunabhängige Lehrgänge an, welche zusammen mit der Bundesvereinigung für Notfallseelsorge koordiniert und durch die LMU München begleitet werden. Auch andere Bistümer und Organisationen bieten eigene Weiterbildungen hierzu an. Nach Beendigung der Weiterbildungen erfolgt dann die Ernennung durch eine Organisation oder Behörde, in meinen Fall durch das BRK.

 

6.Hatte sich das BRK durch die Zusammenarbeit mit einen altkatholischen Seelsorger gegen die Zusammenarbeit mit einer der Großkirchen in Deutschland entschieden. Liegt diese Entscheidung auch daran, dass die großen Konfessionen mit dem Malteser- oder Johanniter Hilfsdiensten in einer gewissen Konkurrenz zum BRK stehen?

 

Hier kann ich nur für mich antworten. Ich denke eine Organisation wie das Rote Kreuz an sich, tut sich sehr schwer, sich aufgrund ihrer Grundsätze, in denen die Neutralität verankert ist, an eine große Konfession zu binden. Hier greift der kulturelle Kontext. Ich denke wir in Bayern sind überwiegend christlich geprägt und da fällt es einer Organisation natürlich schwer, Partei für eine Seite zu ergreifen. Die altkatholischen Sichtweisen, zu denen auch die christ-katholische Kirche steht, können sich hier sehr gut in Form einer Brückenkirche, die doch das tradierte Katholische in sich trägt, gut einbringen.

Konkurrenz zu den anderen kirchlichen Hilfsorganisationen sehe ich hier nicht, man hat nach einer möglichst breiten und zeitgemäßen Lösung, auch in Hinblick auf Neutralität und Ökumene, gesucht.

 

7.Bisher haben Sie mit der alt-katholischen Kirche in Deutschland zusammengearbeitet, woran hat es gehapert und was kann die kleine Christ-Katholische Kirche hier besser machen?

 

Der Wechsel von der alt-katholischen zur christ-katholischen Kirche ist in meiner eigenen Biografie und Spiritualität zu sehen. Ich war, seit ich 9 Jahre alt war, bei uns auf dem Bogenberg, der ältesten Marienwallfahrtskirche in Bayern, als Ministrant tätig. Seit meiner Kindheit gehört die Marienverehrung zu mir und meiner Familie. Diese Verehrungsform gibt es in der alt-katholischen Kirche so nicht und da fehlte in mir ein wichtiger Bestandteil dessen, was ich in mir trage und was auch mich als Mensch trägt. Die christ-katholische Kirche bietet mir die bereits erwähnten altkatholischen Sichtweisen, die mir sehr wichtig sind und das Tradierte Katholische auch im Hinblick auf meine persönliche Verortung im Glauben.

 

8.Sie bringen die St. Salvator Kirche in Bogen mit. Für die Christ-Katholische Kirche ist es wichtig, dass das kleine Gotteshaus auch zukünftig, ökumenisch offen ist, so dass Menschen aller Konfessionen sich dort zuhause fühlen können. Worin soll jedoch, aus Ihrer Sicht, der christ-katholische Akzent in diesem Gotteshaus und Wallfahrtsort künftig liegen?

 

Die Salvatorkirche auf den Bogenberg ist im Besitz der Stadt Bogen, welche diese dem Roten Kreuz für die Notfallseelsorge zur Verfügung stellt. Als Kirchenverwalter, so will ich das mal benennen, präge ich natürlich den Nutzen der Kirche mit. Mir ist seitens der alt-katholischen Kirche hier schwer gefallen, den historischen Teil der Salvatorkirche fallen zu lassen. Bis zur Säkularisierung 1802 war die Salvatorkirche auch eine Wallfahrtskirche zur Hl. Hostie. Diese Verehrungsform nebst der Aussetzung des Allerheiligsten gibt es in der alt-katholischen Kirche nicht, wohl aber bei den Menschen, die hier mit ihrer Salvatorkirche groß und alt geworden sind. Die Salvatorkirche hat als zweites Patrozinium „Mutter der Schmerzen“, auch dieses gab es in der alt-katholischen Kirche nicht. Da ich die Salvatorkirche unter dem Beritt des Roten Kreuzes verwalte, ist die Ökumene mir hier sehr wichtig, da auch die römisch-katholische Pfarrei Bogenberg in der Salvatorkirche Gottesdienste und Andachten feiert.

Der christ-katholische Ansatz liegt meines Erachtens darin, dass all das auch aktiv wieder zur Geltung kommen kann, woraus die Salvatorkirche seiner Zeit entstand und wofür sie auch heute noch steht.

Ein Ort der Ökumene, der Stille, des Gebetes und der Geborgenheit in unserer Zeit.

 

9.Können Sie sich vorstellen, dass auch eine kleine Christ-Katholische Gemeinde in Bogen entstehen könnte?

 

Ja, das kann ich mir gut vorstellen, jedoch bedarf dies der Zeit. Mir liegt am Herzen für Menschen da zu sein, die auf der Suche nach Heimat sind. Hierfür steht die christ-katholische Kirche und das war auch mit der Beweggrund, warum ich bei den Christ-Katholiken eingetreten bin.

 

Vielen Dank für dieses Interview und Gottes Reichen Segen für Ihre weitere Arbeit in der Notfallseelsorge.

 

 

Kurzmeldungen aus der PNCC:

 

Am 26. und 27. April tagte der oberste Rat der PNCC in Chicago

Auf der Tagesordnung standen die spirituellen und wirtschaftlichen Entwicklungen innerhalb der Kirche. Wie nicht anders zu erwarten bestehen diese aus Licht und Schatten. So wird einerseits über den Ankauf einer ehemals römisch-katholischen Kirche nachgedacht, da die örtliche Gemeinde entsprechend wächst. Gleichzeitig muss andernorts über die Aufgabe schrumpfender Gemeinden nachgedacht werden.

Unter anderem wurde auch über die Initiative „Frauenordination jetzt“ gesprochen. Da die Initiative einerseits von Mitgliedern der PNCC ausgeht, andererseits jedoch nicht der Lehre der Kirche entspricht, stellte sich die Frage des Umgangs mit der Initiative. Der Oberste Rat betonnte das Recht auf Meinungs- und Gewissensfreiheit aller Mitglieder der PNCC. Verlangte jedoch von der Initiative deutlich zu machen, dass deren Anliegen im Widerspruch zur Lehre der Kirche stehe und nicht der Eindruck erweckt werden dürfe, dass die PNCC Doktrin in dieser Frage unklar sei, auch könne nicht auf einer offiziellen Gemeindewebsite für die Initiative geworben werden. Aktuell beschäftigt sich die Initiative mit der vom Apostel Paulus im Römerbrief erwähnten Junia, die von späteren Theologen fälschlicherweise als Junias bezeichnet wurde.

 

Ehrung für den „Vater der Union von Scranton“ Bischof Thaddeus Peplowski

Am 15. Mai wurde der emeritierte Bischof der Diözese Buffalo-Pittsburgh für sein Lebenswerk, durch Enthüllung einer Gedenktafel geehrt. „Bischof Ted“ wurde 1936 als jüngstes von dreizehn Kindern geboren. Getauft und aufgewachsen in einer PNCC Gemeinde, empfing er 1958 die Priesterweihe. Es folgten mehrere Stationen als Jugendseelsorger, Pfarrer und Dekan bis er schließlich 1990 zum Bischof gewählt und geweiht wurde. In seine Amtszeit als Bischof fiel nicht nur der Bau der neuen Rosenkranzkathedrale, sondern auch die Verantwortung für den Aufbau der PNCC Missionen in Europa.

So leitete er von 1999 an, bis zur Konsekration eines eigenen Bischofs 2011, den Aufbau der Nordisch-Katholischen Kirche in Norwegen. Gleichsam errichtete er ein PNCC Dekanat in Italien. Seit 2012 genießt „Bischof Ted“ seinen Unruhestand. Ad multos annos!

 

Vom 17.-19. Mai 2016 tagte am Sitz der US Bischofskonferenz in Washington, DC die jährliche Sitzung der PNCC-RKK Dialogkommission.

 

 

Geschichte des Altkatholizismus

Die Nationalkatholischen Bewegungen in Europa vom 17. Bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts.

 

Vorlesung von Mag. theol. Günther Thomann ThD (Hon)

Dozent für Kirchengeschichte am neuen Studienhaus St. Benedikt - Anglikanisch- Theologisches Seminar, Schwarzenborn (www.benedikt-seminar.de) und Pfarrer der anglikanischen Mission „King Charles the Martyr“ in Nürnberg. Zuletzt erschien von Günther Thomann, gemeinsam mit Arne Giewald: The Lutheran High Church Movement in Germany and its Liturgical Work, bei LuLu.

 

Prolegomena:

Ich möchte dieser Vorlesung einige Bemerkungen vorausschicken, die jedem Kirchenhistoriker klar sind, aber vielleicht nicht jedem Hörer. Wir behandeln in dieser Vorlesung die Entwicklungen, die im 19. Jahrhundert dann zur Bildung altkatholischer Kirchen und der Utrechter Union, aber auch zu der aus ihr entstandenen Union von Scranton zu Beginn des 21. Jahrhunderts, sowie etlicher Nebenlinien schon im 19. Jahrhundert führte. Wir werden sehen, daß diese Kirchen und Bewegungen die Denkvoraussetzungen ihrer Vorläufer oft teilen und daß ihre Existenz ohne diese Entwicklungsgeschichte nicht verständlich ist.

 

Nationalkirchliche Bewegungen entstehen nicht aus dem Nichts, sondern sie haben geistige, kirchliche und politische Voraussetzungen, die ihr Entstehen, und ihr Überleben in einem bestimmten Land erst ermöglichen, aber auch ihre Abgrenzung zu artverwandten Bewegungen im selben Land, oder in anderen Ländern gegebenenfalls nötig machen. Es wird sich zeigen, daß sie keine ‚Exportartikel‘ sind und auf anderem Boden mit unterschiedlichen kirchlichen und politischen Strukturen sowie mit anderen Denkvoraussetzungen nicht gedeihen oder überleben können. Diese Vorlesung wird daher nicht ein dürres Anhäufen von Fakten einschließlich Sukzessionslinien sein, sondern strukturell und analytisch vorgehen, wie es jede historische Arbeit sein sollte. Das heißt, die Bewegungen und die Kirchen, die aus ihnen hervorgegangen sind, werden in ihren theologiegeschichtlichen, kirchengeschichtlichen und zeitgeschichtlichen Zusammenhang gestellt, ohne den ihr Entstehen und ihre Entwicklung unverständlich bleiben muß. Das Schicksal des Utrechter Domkapitels ist ohne Kenntnis der kirchlichen und politischen Verhältnisse der Niederlande im 16. und 17. Jahrhundert nicht nachvollziehbar, da ein ähnliches Phänomen auf deutschem oder französischem Boden in diesem Zeitraum niemals entstanden wäre beziehungsweise nicht überlebt hätte. Der Jansenismus bleibt ohne die Kenntnis der spätmittelalterlichen augustinischen Schule, in deren Tradition er stand, ein befremdliches Phänomen nicht zuletzt angesichts der Entwicklung der neueren katholischen und auch anglikanischen Theologie seit dem 19. Jahrhundert. Der Gallikanismus konnte nur auf dem Boden eines starken, zentralistischen Nationalstaats entstehen und sich gegenüber Rom behaupten. Ähnliches gilt auch für den Josephinismus, wenngleich hier die Verhältnisse angesichts der konservativeren Staatsstrukturen und des Vielvölkerstaats komplizierter waren. Der Alt-Katholizismus ist ohne den Hintergrund des gegenaufklärerischen und restaurativen Ultramontanismus sowie der bürgerlich-liberalen und konstitutionellen Bewegungen des 19. Jahrhunderts als Erscheinung nicht nachvollziehbar, aber zum Verständnis seiner Geschichte und Entwicklung muß man auch die Vorgänger der Bewegung kennen und verstehen. Wir werden uns daher auch mit den Voraussetzungen dieser Vorläuferbewegungen beschäftigen und dabei ein größeres Stück der Geschichte und Kirchengeschichte dieses Zeitraumes, besonders Frankreichs und der Niederlande, vortragen müssen.

Jede historische Arbeit dient ja letztendlich der Bewußtwerdung von Zusammenhängen, die oft in die Gegenwart hineinwirken, ohne daß wir uns dessen wirklich bewußt sind. Diese Vorlesung hat ihr Ziel erreicht, wenn diese Bewußtwerdung bei uns entstanden ist. Jeder Historiker muß Zusammenhänge und Dokumente kritisch hinterfragen und tendenziöse Darstellungen erkennen, kritisieren und aussondern können. Dazu bedarf es eines besonderen Handwerkszeugs, dem wir uns hier im Seminar aber leider nur ansatzweise nähern können. Ich möchte in diesem Zusammenhang nur auf die Bedeutung der Chronologie und der historischen Geographie hinweisen. Ohne dieses Gerüst ist eine historische Arbeit eben so wenig möglich wie ein Betonbau ohne Stahlträger.

 

Selbstverständlich muß man auch historische Quellen und Sekundärliteratur in ihrem Wert richtig erfassen und zur Kirchengeschichte gehört selbstverständlich auch die Geschichte der Theologie, der Liturgie und der Spiritualität. Gerade der Jansenismus war primär eine spirituelle Bewegung! Die Bedeutung einer Gruppe liegt auch nicht immer in deren nummerischen Größe, obwohl wir quantitative Methoden, wo immer das möglich ist, wenigstens teilweise hinzuziehen müssen, sie liegt auch in den Ideen ihrer Zeit, die sie verkörperte und in den Idealen, die sie zu verwirklichen trachtete. Nicht selten waren ihre ideengeschichtlichen Wirkungen größer und beständiger als die Gruppe selbst, die sie hervorbrachte. Nicht selten legen diese Bewegungen Zeugnis für einen theologischen oder strukturellen Wandel in der Mutterkirche ab, gegen den sie sich wandten oder den sie nicht nachvollziehen konnten oder wollten. Alle diese Bewegungen und Gemeinschaften, die wir hier ansprechen und charakterisieren wollen, sind im Schoß der römisch-katholischen Kirche

entstanden.

 

Erst im 20. Jahrhundert werden wir dann auf Gruppen oder Personen treffen, die einen anglikanischen oder sogar schwedisch-lutherischen Hintergrund hatten, aber in der Regel zuerst auf dem amerikanischen Kontinent. Eine Ausnahme bildet nur die Ancient British Church von Richard Williams Morgan (ca. 1815-1889), deren Ideen auf anglikanisch walisischem, also keltischen Boden entstanden, ohne daß sich eine nummerisch einigermaßen nachvollziehbare und in Erscheinung getretene Kirche daraus entwickelt hätte. Morgans Ideen blieben fast nur im literarischen und ideengeschichtlichen Rahmen stecken, in dem sie aber eine umso größere Wirkung entfalteten (Celtic Revival, British Israel Movement). Um den Rahmen des Vortrags und dem Verständnis der Entfaltung von Ideen und kirchlichen Strukturen nicht zu sprengen oder zu beeinträchtigen, werden wir uns mit diesen Vorstellungen erst im Rahmen des zweiten Teils der Vorlesung, aber eher am Rande, beschäftigen. Das gilt auch für die polnischen Mariaviten, die durchaus auch nationalkirchliche Züge trugen. Sie sind aber erst, wie die PNCC (Polish National Catholic Church) im 20. Jahrhundert in die Utrechter Union eingetreten und dann zwei Jahrzehnte später wieder aus ihr entfernt worden. Im Rahmen der Geschichte der österreichischen und tschechischen Altkatholiken und der neo-gallikanischen Gruppen in Frankreich und artverwandten Gruppen in Italien wird es einige Überlappungen ins 20. Jahrhundert geben, die unvermeidlich schienen, aber im Allgemeinen wird unsere Vorlesung mit dem Ende des 19. Jahrhunderts abschließen. Tatsächlich bedeutet das Jahr 1918 auch eine massive politische und geistesgeschichtliche Zäsur in Europa, was an der Kirchengeschichte natürlich nicht vorüberging und auch nicht vorübergehen konnte so wie die Französische Revolution und die Napoleonischen Kriege das Ende des alten Europa bedeuteten und eine Neuordnung der politischen und kirchlichen Verhältnisse in Europa notwendig gemacht hatten!

 

1. Kapitel: Cornelius Jansen, der jansenistische Streit in Frankreich, die Bulle ‚Unigenitus‘ und die Kirche von Utrecht.

 

1.1 Der mittelalterliche Augustinismus als Vorläufer

Bevor wir uns dem 17. und 18. Jahrhundert zuwenden können, müssen wir uns vergegenwärtigen, daß kein Theologe für diesen Zeitraum immer noch so relevant war wie Augustin (354-430, gestorben als Bischof von Hippo in der römischen Provinz Africa proconsularis, heute Annaba in Algerien). Er wurde der Theologe des Abendlandes schlechthin. Kein Denker hat die Jahrhunderte vom 6. bis zum 17. Jahrhundert so dominiert wie der Bischof von Hippo. Keiner wurde so oft abgeschrieben, exzerpiert und diskutiert wie er. Kein Kirchenvater hinterließ ein vergleichbar großes Oeuvre, vor allem nicht in lateinischer Sprache, denn Augustin war Römer und lebte in einer Zeit des beginnenden Niedergangs des Imperium Romanum. Allerdings war seine Rezeption im Westen über die Jahrhunderte nicht gleichmäßig, es gab also im Laufe der Jahrhunderte mehrere Augustinsynthesen! War im 6. Jahrhundert in Gallien seine Gnadenlehre von Relevanz, trat dieser Aspekt seiner Lehre bereits in der Karolingerzeit (7.-9/10. Jahrhundert) wieder ins Hintertreffen. Einflußreicher wurde damals seine Trinitätslehre, also der doppelte Ausgang des Heiligen Geistes aus dem Vater und dem Sohn (‚filioque‘; besonders in ‚De Trinitate‘, ‚Von der Dreifaltigkeit‘). Seine Psychologie und Erkenntnislehre (besonders in ‚De quantitate animae‘ ‚Von der Beschaffenheit der Seele‘ ,‚De immortalitate animae‘ ‚Von der Unsterblichkeit der Seele‘, ‚Contra Academicos‘‚Gegen die Akademiker d.h. Platoniker‘, ‚Soliloquia‘ ‚Selbstgespräche‘, ‚Retractationes‘‚Rückbesinnungen‘) wurde für die beginnende Scholastik von Bedeutung, seine Zwei-Reiche-Lehre beeinfußte die politische Theorie des Mittelalters (‚De civitate Dei‘, ‚Vom Gottesstaat‘ ). Augustins Schriften gegen das Schisma der Donatisten, eine Form des altkirchlichen Purismus in Nordafrika, bekamen eine doppelte Relevanz für die Sakramentenlehre des Westens: Auch die Sakramente eines unwürdigen Priesters wären gültig, was die Donatisten bestritten hatten, und die Sakramente einer getrennten Kirche wären ebenfalls gültig, aber nicht in derselben Weise heilswirksam wie in der Großkirche.

 

Augustin betonte also die Objektivität der sakramentalen Gnade! Seine Schriften über die Gnadenlehre und Prädestination gegen die Pelagianer, deren Hauptvertreter der keltische Mönch Pelagius (ca.350-420, vermutlich die gräzisierte Form des Namens Morgan) und Julian von Eclanum (ca. 386-454, Bischof von Eclanum in Apulien) waren, führten schließlich zu einer Verurteilung des Pelagianismus in der Person des Celestius, eines weiteren Briten (Lebensdaten unbekannt) auf dem Konzil von Ephesus 431 (sogenanntes IV. Ökumenisches Konzil). Die mildere Form des Pelagianismus, der sogenannte Semipelagianismus, deren Hauptvertreter die Mönche von Lerin (Lerinum, Lérins), einer Insel vor Marseille (Marsilia, daher Massilienses; zu ihnen gehörte übrigens auch Vinzenz von Lerin (gestorben vor 450), der Verfasser des berühmten ‚Commonitoriums‘, das die Katholizität der Kirche definierte) wurde jedoch von der Kirche, abgesehen von einer Phase in Gallien, nicht vollständig verurteilt, da bereits die Kirche der Karolingerzeit die Willensfreiheit des Menschen und die Synergie (Zusammenwirken) der göttlichen Gnade wieder betont hatte, also eher im Sinne der

Semipelagianer. In dieser Zeit ist besonders der Kampf Hincmars (ca. 806-882, Erzbischof von Reims, also Primas Galliae) gegen den sächsischen Mönch Gottschalk (ca. 804- ca.869), der eine extreme Form der augustinischen Prädestinationslehre vertrat, von Bedeutung. Die Schriften Augustins gegen die Pelagianer und Semipelagianer über die Gnadenlehre sollten jedoch im Zeitalter der beginnenden Reform der Kirche (ab ca. 1300) wieder von größter Bedeutung werden!

 

Um die späteren nationalkirchlichen Bewegungen verstehen zu können, muß man sich zunächst die Vorgeschichte dieser Bewegungen ansehen. Auf den ersten Blick hat der Jansenismus mit Nationalkirchentum wenig gemeinsam, aber durch Aufnahme gallikanischer Ideen und durch das Schisma von Utrecht wurde er zum Vorläufer und Wegbegleiter nationalkirchlicher Strömungen. Nur wenigen ist es heute bewußt, daß es in der katholischen Theologie bis zur Bulle ‚Unigenitus‘ eine starke augustinische Richtung gab. Eine Hochburg der augustinischen Schule war die Universität Löwen (Leuven, Louvain), besonders unter Michel de Bay (latinisiert Michael Baius (1513-89). Obwohl dieser wegen seiner extremen augustinischen Position sogar vom Kanzler seiner Universität zensiert worden war, genoß er weiterhin die Achtung seiner Kollegen. Er hatte einen bedeutenden Einfluß auf Cornelius Jansen. Die bedeutendsten Theologen der augustinischen Schule des Mittelalters waren jedoch Gregor von Rimini (latinisiert Gregorius Ariminensis, gestorben 1358, ‚doctor authenticus‘) und Thomas Bradwardine (latinisiert de Bradwardina, ca. 1295-1349, gestorben als Erzbischof von Canterbury). Mit seiner Schrift ‚De causa Dei contra Pelagium‘ (1344) bereitete Bradwardine den Boden für John Wycliff (ca. 1330-1384). Wycliff brachte durch seinen Radikalismus, besonders seinen Kampf gegen die Bettelorden (Dominikaner, Franziskaner, Karmeliter und Augustiner-Eremiten), die sich zunehmend an den Universitäten etabliert und dabei dem Weltklerus Privilegien entzogen hatten, die augustinische Schule zunächst in Verruf. Gleichsam eine mildere Richtung überlebte im Orden der Augustiner-Eremiten, der auch der Orden Luthers war. Der Augustinismus war das wesentlichste theologische Bindeglied zwischen dem ausgehenden Mittelalter und der Reformation. Stärker als im Luthertum, das seit Melanchthon die Willensfreiheit lehrte und verteidigte, zeigte sich

dies im Calvinismus, der ja gerade in den Niederlanden ständig an Boden gewann. Die wesentlichsten Punkte des Augustinismus sind: 1. Die Unfreiheit des Willens. Der Mensch kann im gefallenen Zustand ohne die Gnade nichts Gutes tun. 2. Der menschliche Wille und Verstand sind durch den Fall verdunkelt (Erbsünde, peccatum originale, die physisch übertragen wird). 3. Die Unwiderstehbarkeit (irresistibilitas) der Gnade. Die Gnade zieht den Willen vollständig. 4. Die doppelte und ewige Prädestination. Gott bestimmt die einen allein durch seinen absoluten Willen zum ewigen Leben, die anderen zur ewigen Verdammnis. Das Vorauswissen (praescientia) des Handelns und Glaubens eines Menschen durch Gott ist dabei nicht maßgeblich, lediglich der Wille Gottes (voluntas). Dies führt natürlich auch zu einem großen sittlichen Ernst, aber auch zur Einschränkung der Wirksamkeit der Sakramente, besonders der Taufe und Buße, besonders wenn dieser sakramentale Aspekt von der anderen Seite des sakramentalen Denkens Augustins, nämlich seiner Schriften gegen die Donatisten getrennt wird, wie es in der Reformation und nicht selten auch im Jansenismus der Fall war. In seinen Schriften gegen die Donatisten behandelte ja Augustin die Frage der Gnade in den Sakramenten und lehrte dabei die Objektivität der sakramentalen Gnade.

 

In der eucharistischen Theologie und Praxis bedeutete der Augustinismus des 16. und 17. Jahrhunderts eine strenge Vorbereitung, verbunden mit einem seltenen Empfang der Kommunion wegen der damit verbundenen Gefahren- der unwürdige Empfang führt zur Verdammnis, die Verdammten machen ihren Zustand durch den unwürdigen Empfang noch schlimmer. Der spätmittelalterliche und auch reformatorische Augustinismus ist der Triumpf des theologischen Voluntarismus, zu dem auch bereits die Franziskanerschule (z.B. Johannes Duns Scotus ca.1265-1308; William Ockham, ca.1285-1347) geneigt hatte. Gott bestimmt sein Wirken durch seinen Willen (voluntas), nicht durch sein Vorherwissen (praescientia), seine Liebe (caritas) oder Güte (bonitas). Obwohl diese Eigenschaften in Gott letztendlich zusammenfallen, hat doch der göttliche Wille Priorität. Tatsächlich ist der extreme Augustinismus in dieser Form eine spätmittelalterliche Theologie, eine Reaktion auf die theologischen Tendenzen seiner Zeit, die Willensfreiheit (liberum arbitrium), Gnade (gratia) und Verdienst (meritum) betont hatten. Eine frühere extreme Form des Augustinismus war schon in der Karolingerzeit in mehreren Synoden unter Erzbischof Hincmar von Reims (ca.806-882) in der Gestalt des Gottschalk (ca. 804- ca.869) verurteilt worden. Wir finden also in dieser Zeit durchaus eine Rückkehr der westlichen Kirche zu einer Art Semipelagianismus. Der extreme Augustinismus findet sich also nicht nur bei Cornelius Jansen, sondern auch schon bei seinen Vorläufern und bei Johannes Calvin (1509-1564), dessen Lehre sich in den Niederlanden den Weg bahnte, aber gleichzeitig zu schweren innerreformierten Kontroversen, besonders wieder in den Niederlanden Anlaß gab (Synode von Dordrecht 1618/19; Ausschluß der Arminianer oder Remonstranten, die die Willensfreiheit betont hatten und die sich stark in den Bahnen der Theologie des Erasmus von Rotterdam, 1466 oder 1469-1536, bewegt hatten). Tatsächlich finden sich diese vier oben genannten Positionen bezüglich Gnade und Willensfreiheit bei Augustin (345-430), insbesondere in seinen Schriften gegen die Pelagianer (die Anhänger des keltischen Mönchs Pelagius) und Semipelagianer (Massilienses, die Mönche von Lerin), aber seine Positionen wurden, abgesehen von einer Phase in Gallien (Synode von Orange 529) kirchlich nicht rezipiert, wie wir bereits betont hatten. Ihre explizite kirchliche Verurteilung stieß sich jedoch immer mit dem Ansehen des Kirchenvaters Augustin, dessen Positionen man nicht expressis verbis verurteilen wollte und konnte. Kein Denker hatte die mittelalterliche Theologie sowie die Theologie des 16. und 17. Jahrhunderts so stark beherrscht wie Augustin. Erst Ende des 17. Jahrhunderts sollte es zu kritischen Bemerkungen hinsichtlich seiner Lehre und seines Einflusses kommen, die aber nicht unwidersprochen blieben, wie wir bei Bossuet sehen werden.

 

1.2 Die politische und kirchliche Entwicklung der Niederlande im 16. und 17. Jahrhundert.

Die spanischen Niederlande (das heutige Belgien), in denen Cornelius Jansen lebte, waren im Dauerkonflikt mit den seit 1540 zunehmend reformierten Gebieten der Niederlande. Die calvinistische Reformation hatte dort erhebliche Fortschritte gemacht und nur in einigen wenigen Städten wie Utrecht lebte noch eine nennenswerte katholische Bevölkerung. 1555 kam der gesamte burgundische Reichskreis (17 Gebiete), zu denen auch die Niederlande gehörten, an Philipp II. von Spanien (spanische Habsburger), was seit 1564 zum Widerstand reformierter Adliger führte. 1579 einigte Wilhelm von Oranien in der Union von Utrecht die sieben nördlichen Provinzen, 1571 setzten sie Philipp II ab und schlossen sich zu einem losen Staatenbund, den Generalstaaten (Republik der Vereinigten Niederlande) zusammen, während die südlichen Niederlande (etwa heute Belgien) von Spanien erneut unterworfen wurden. Dazu gehörten auch die Städte Löwen, Ypern und Antwerpen. Das hatte natürlich konfessionelle Konsequenzen. 1559 hatte Papst Paul IV. auf Bitten Philipps die Zahl der Bistümer in den Niederlanden deutlich erhöht, um der Reformation entgegentreten zu können. Utrecht wurde wieder Erzbistum- zwischenzeitlich hatte es seinen Status verloren und hatte zur Kirchenprovinz Köln gehört-, Harlem, Deventer, Groningen, Middelburg, Leeuwarden, Antwerpen und Ypern (letztere zwei in den südlichen Niederlanden) wurden Bistümer. Allein die Maßnahme kam zu spät, die meisten der oft schlecht aus dem Vermögen von Stiftskirchen dotierten Bistümer vermochten ihre Aufgabe nicht mehr zu erfüllen, der Reformation Einhalt zu gebieten. Dies war besonders in den nördlichen Niederlanden der Fall.

 

1.3. Cornelius Jansen

Cornelius Otto Jansen wurde am 28.10.1585 in Acquoy bei Leerdam (Friesland) in den nördlichen Niederlanden, aber aus einer katholischen Familie geboren. Er studierte zwei Jahre am Collège de Faucon in Löwen, bevor er 1604 nach Paris ging. Dort traf er seinen lebenslangen Freund Saint-Cyran (1581-1634), eigentlich Jean Duvergier de Hauranne, Titularabt von Saint-Cyran, einer damals in Frankreich üblichen Art der Pfründe (daher der französische Titel des Geistlichen Abbé= Abt), der später sein bischöflicher Hauskaplan wurde und am Ende Jansens Vermächtnis, sein Buch ‚Augustinus‘ posthum herausbrachte. Ein aufschlußreicher Briefwechsel mit Saint-Cyran ist ebenfalls erhalten und wurde bereits 1654 veröffentlicht. Von 1612 bis 1617, also fünf Jahre, studierten die beiden zusammen in Bayonne und Champré die Werke Augustins. In dieser Zeit wuchs sein Widerwille gegen die jesuitische Form der Gegenreformation. 1617 wurde Jansen Direktor des neuen Collegiums für niederländische Theologiestudenten Sainte-Pulchérie in Löwen und verteidigte 1626/27 seine Universität gegen die Vorwürfe der Jesuiten. Unmittelbar danach (1628) begann er an seinem magnum opus, dem ‚Augustinus‘ zu arbeiten. 1630 wurde er Professor für biblische Exegese in Löwen und veröffentlichte einen Kommentar zum Pentateuch. 1636 wurde er Bischof von Ypern (niederländisch Ieper, westflämisch Yper, französisch Ypres), starb aber bereits am 6.5.1638 in Ypern an der Pest, durchaus im Frieden mit Rom, denn sein Buch war noch nicht erschienen. Jansen war lebenslang ein Mann asketischer Lebensführung geblieben. Er war ein Gegner der scholastischen und besonders der aristotelischen Philosophie, die er für die Mutter des Pelagianismus hielt. Dies steht im krassen Widerspruch zu den Tendenzen seiner Zeit, die eine Renaissance des Aristotelismus erlebte. Diese Renaissance ging nicht zuletzt von den Jesuiten aus, besonders von Francisco Suarez (1584-1617). Auch Jansens reformierte Gegner huldigten dem Aristotelismus, besonders Gisbert Voetius (1589- 1676) und die Universität Utrecht. Jansen erstrebte eine Reform der katholischen Kirche auf biblischer und patristischer Grundlage. Er war der Meinung, die katholische Kirche seiner Zeit biete den einfachen Gläubigen nur Zeremonien und den Gebildeten eine Moral, die näher an den Stoikern wäre als an den Kirchenvätern, besonders natürlich Augustin. Die reformatorische Rechtfertigungslehre verwarf er und war der Überzeugung, ein wirkliches Verhältnis zu Christus wäre nur in der katholischen Kirche möglich. In dieser Hinsicht blieb Jansen auf dem Boden des Konzils von Trient. Anonym griff er auch die Politik Frankreichs, besonders Kardinal Richelieus (1585-1642) an, der im Inneren den Protestantismus unterdrückte, aber außenpolitisch mit den Generalstaaten gegen die katholischen spanischen Niederlande paktierte. Für die Katholiken der spanischen Niederlande waren die katholischen Habsburger natürlich die Schutzmacht ihres Glaubens. Diese Ablehnung der aristotelisch-scholastischen Philosophie und der Politik Frankreichs gegen die spanischen Niederlande sollte ebenfalls Jansens Erbe an die jansenistische Bewegung werden. Der politische Aspekt, nämlich die Kritik am Bündnissystem Frankreichs, wurde später ein nicht unwesentliches Moment für die Zerstörung des Klosters Port-Royal. Der Jansenismus stand also im Widerspruch zum Geist seiner Zeit, was ihn bei vielen Intellektuellen unbeliebt machte, und Antoine Arnaulds Versuch, ihn in die Nähe des Cartesianismus als Gegensystem zum Aristotelismus zu bringen, erleichterte die Position des Jansenismus keineswegs.

 

1.3.1. Der Charakter des Buches ‚Augustinus‘

1588 hatte der spanische Jesuit Luis de Molina (1536-1600) sein Werk ‚De concordia liberi arbitrii cum gratiae donis‘ (‚Die Übereinstimmung des freien Willens mit den Gaben der Gnade‘) in Lissabon veröffentlicht. Dieser hatte besonders die Willensfreiheit des Menschen betont und damit den Widerwillen Jansens hervorgerufen (Molinismus). Um Molinas Positionen zu widerlegen las Jansen sämtliche Schriften Augustins zehnmal, die Schriften gegen die Pelagianer und Semipelagianer sogar dreißigmal! Sein Werk besteht daher fast ausschließlich aus Zitaten Augustins, die in eine logisch stringente Ordnung gebracht wurden. Die Zensur hatte daher Probleme, ketzerische Aussagen herauszufischen, ohne zugleich Augustin selbst zu verurteilen. An einer Stelle äußerte sich Jansen sogar wohlwollend über Calvin, dem er jedoch eine Lehrabweichung gegenüber Augustin nachwies. Hätte Calvin diese Lehrabweichung nicht getan, würde er sogar zu den katholischen Vätern zählen. Das war schon eine Spitzenaussage eine katholischen Theologen und sie wurde von der Zensur kaum bemerkt. Gleichzeitig wollte Jansen die Reformation mit ihren eigenen Waffen schlagen. Dennoch macht das Buch einen deprimierenden Eindruck. Wer versucht, die über 900 Seiten zu lesen (Ich hatte es in meiner Studienzeit versucht!), wird langsam depressiv. Herrschte im Calvinismus noch eine subjektive Erwählungsgewißheit (Gewißheit der Prädestination), sind bei Jansen sämtliche Fallnetze gerissen, denn Jansen betonte mit dem Konzil von Trient, daß der Mensch nur durch eine spezielle göttliche Offenbarung Gewißheit über seine Erwählung

bekommen könnte. Der Jansenismus ist also nachtridentinischer Katholizismus. Man hat aber dennoch den Eindruck, daß Jansen Schwierigkeiten hatte, das katholische Sakramentensystem (besonders Taufe und Buße) in sein System zu integrieren, worauf er natürlich bestand und bestehen mußte. Die Antwort Roms kam prompt. 1642 verurteilte Urban VIII. vier Sätze aus dem Buch ‚Augustinus‘, die jedoch aus dem Zusammenhang gerissen waren, in der Bulle ‚In eminenti‘. 1653 eneuerten Papst Innozenz X. die Verurteilung erneut in der Bulle ‚Cum occasione‘ und Alexander VII. in der Deklaration ‚Ad sacram beati Petri sedem‘. Damit waren bereits Grundpositionen Augustins verurteilt worden, die spätere Bulle ‚Unigenitus‘ war dann nur noch die Konsequenz in der Verurteilung eines Werks von Pasquier Quesnel. Der Versuch von Ronald Knox in seinem Buch ‚Enthusiasm‘ (1950) den Jansenismus in die Nähe mittelalterlicher Häresien zu bringen, ist abwegig und wurde von der Jansenismusforschung aufgegeben. Das Konzil von Trient hatte zwar Luthers forensische Rechtfertigungslehre, das sola fide und seine Ablehnung des Verdienstes des Menschen (meritum) verurteilt, die Differenzen innerhalb der katholischen Theologie jedoch unberücksichtigt gelassen. Die augustinische Schule war durch das Konzil von Trient nicht verurteilt worden und konnte damals noch in legitimer Weise vertreten werden. Die Kritik Roms an der jansenistischen Position führte aber bald die Bewegung in den Gallikanismus und Konziliarismus nach deren Theorie ein allgemeines Konzil die letzte Instanz in Fragen der Lehre bilden würde. Dies schloß natürlich die Möglichkeit der Appellation an ein allgemeines Konzil ein.

 

1.4 Der Jansenismus in Frankreich

Als Saint-Cyran 1640 in Löwen den ‚Augustinus‘ herausbrachte, kam es sofort zum Skandal. Seit 1623 hatte sich bereits Saint-Cyran mit reformfreudigen katholischen Theologen zusammengetan, besonders mit Antoine Arnauld (1612-1694) und der Zisterzienserinnenabtei von Port-Royal nähe Paris (seit 1633). Mit Saint-Cyran und Arnauld nahm der Jansenismus auch deutlicher gallikanische Züge an, was ihn in weiten Kreisen, nicht nur bei den Jesuiten zusätzlich verhasst machte. Dank der schriftstellerischen Begabung Arnaulds, der gemäßigter war als Cornelius Jansen, und der Unterstützung des Philosophen Blaise Pascal (1623-1662) sowie des Oratorianers Pasquier Quesnel (1634-1719)- man sieht eine jüngere Generation am Werk- wurde die Reformbewegung des Jansenismus in Frankreich zu einer Massenbewegung. Der Jansenismus fand nun Eingang in Klöster und Priesterseminare. Eine wesentliche Rolle spielte dabei auch die Kolonie von ‚Solitaires‘ (Einsiedlern) um die ehemalige Zisterzienserinnenabtei von Port-Royal. In der Praxis führte das zu einer rigorosen Beicht- und Kommunionspraxis, einer intensiven Lektüre der heiligen Schrift und der Kirchenväter, aber auch zu mystischen und paranormalen Erscheinungen wie Krankenheilung, Wunder, Prophetie und Zungenrede (Glossolalie). Dafür war besonders das Grab des jansenistischen Diakons Francois de Paris auf dem Friedhof von Saint-Médard in Paris bekannt (‚Convulsionairs‘).

 

1.5 Port-Royal

Das Kloster Port-Royal des Champs erhielt 1608 eine Reform durch Arnaulds Schwester Jacqueline (Ordensname: Angelique), die bereits 1602 im Alter von zehn Jahren (!) zur Äbtissin gewählt wurde, was in Frankreich in dieser Zeit keineswegs unüblich war. 1608 war sie gerade erst 16 Jahre alt, aber ihr Reformeifer war entfacht! Die Zahl der Novizinnen stieg an und 1625 wurde ein Ordenshaus in Paris erworben und eingerichtet (Port-Royal de Paris), um den ungesunden Lebensverhältnissen im Mutterhaus- Port-Royal lag in sumpfigen Gelände- zu entgehen. 1627 wurde Port-Royal ein eigener Orden mit zwei Häusern und aus der Kongregation von Citeaux (dem Mutterhaus der Zisterzienser) gelöst. Sie nannten sich nun ‚Ordre du Saint Sacrament‘ (Orden des heiligen Sakraments). 1635 wurde Saint-Cyran der Spiritual des Klosters. Viele, die von ihm bekehrt wurden, lebten nun als ‚Solitaires‘ ohne Gelübde um das Kloster herum und das Kloster wurde zum Zentrum des Jansenismus. Auch Pascals Schwester Jacqueline legte in Port-Royal ihre Profess ab. 1661 kam es zu ersten Maßnahmen gegen das Kloster als sich die Nonnen geweigert hatten, eine antijansenistische Erklärung zu unterschreiben. 1664 brach der Sturm gegen Port-Royal los, Ludwig XIV. wurde durch seinen Kardinalminister Jules Mazarin (1602-1661) gegen Port-Royal aufgehetzt. 1668 kam es jedoch zum sogenannten Kirchenfrieden, als Clemens IX. die Unterwerfung von vier französischen Bischöfen annahm. Der Friede wurde 1669 päpstlich bestätigt. Die Nonnen wurden dennoch gezwungen, die antijansenistische Deklaration Alexanders VII. zu unterschreiben, was die Mehrheit verweigerte. Die Mehrheit der Nonnen, die die Unterschrift verweigert hatte, blieb in Port-Royal des Champs, die Minderheit, die sie leistete, ging ins Ordenshaus in Paris. Daher kam es 1679 zu erneuten Maßnahmen gegen Port-Royal, denn die Zahl der Nonnen war inzwischen wieder stark angestiegen. Die Aufnahme von Schülern und Novizinnen wurde dem Kloster verboten, doch erst 1709 kam es zum Niedergang des Klosters. Papst Clemens XI. hatte in der Bulle ‚Vineam Domini‘ von 1705 alle, die sich eine reservatio mentalis bei der Unterschrift der Deklaration von 1668 erlaubt hatten, verurteilt. Streng genommen gehörte die Lehre von der reservatio mentalis eher zum Arsenal der Jesuiten, hatte aber die katholische Moraltheologie dieser Zeit bereits stark beeinflußt. Die Nonnen verweigerten die Unterschrift unter diese neue Interpretation, wurden dann verfolgt und 1709 vertrieben. 1710 wurden die Gebäude schließlich von der weltlichen Macht zerstört und bewußt desekriert. Port-Royal aber wurde zum Mythos, so sehr zum Mythos, daß es immer wieder zu Neugründungen im 19. und 20. Jahrhundert, oft mit phantasievoller Legende, kam. So nannten sich die Utrechter Alt-Katholiken in Frankreich nach 1871 ‚port-royalistisch‘. Auch die heute zur Union von Scranton gehörende Abtei St. Severin (Zisterzienserorden von Port-Royal) hat mit dem historischen Port-Royal nichts zu tun.

 

1.6 Pasquier Quesnel und die Bulle ‚Unigenitus‘

Mit der Person Pasquier Quesnels (1634-1719) erreichte der jansenistische Streit in Frankreich seinen Höhepunkt. Gleichzeitig setzte sich der Konflikt nun auch in den Niederlanden fort und endete dort im Schisma der Utrechter Kirche. Pasquier Quesnel hatte an der Sorbonne studiert und trat in den Oratorianerorden ein, der Hochburg jansenistischer Sympathien. 1672 veröffentlichte er ein spirituelles Werk unter dem Titel ‚Abregé de la morale de L’Évangile‘ (Abriß der Moral des Evangeliums). Eine erweiterte Fassung mit einer vollständigen französischen Übersetzung des Neuen Testaments unter dem Titel ‚Le Nouveau Testament en francais, avec les réflexions morales sur chaque verset‘ (‚Das Neue Testament in Französisch mit moralischen Betrachtungen über jeden Vers‘) wurde ein gewaltiger Erfolg und stellt zugleich ein Novum dar: Neben einer Übersetzung des Neuen Testaments bot es eine Spiritualität dar, die sich eng an die Sätze des Neuen Testaments anschloß. Da Quesnel in Orleans die Unterschrift unter eine antijansenistische Formel verweigert hatte, mußte er nach

Brüssel in die spanischen (südlichen) Niederlande ausweichen, wo er mit Antoine Arnauld lebte. Philipp V. ließ ihn inhaftieren, aber er entkam in die nördlichen Niederlande, die reformierten Generalstaaten. Damit wurde der Streit in die bereits ohnehin isolierte und sich ständig verringernde katholische Minderheit in den Generalstaaten hineingetragen. Quesnels Buch blieb ein Erfolg, da es auch die Empfehlung des Erzbischofs von Paris, Kardinal Louis Antoine de Noailles (1651-1729), eines Mannes mit starken gallikanischen und jansenistischen Sympathien, hatte. Papst Clemens XI. (Kardinal Giovanni Francesco Albani, 1649-1721, Papst von 1700-1721) verurteilte das Buch jedoch in der berühmten Bulle ‚Unigenitus‘ im Jahr 1708, die alle Kleriker und Ordenspersonen unterschreiben mußten. Viele verweigerten jedoch die

Unterschrift oder leisteten sie nur mit einer aufgezwungenen reservatio mentalis und appellierten dabei an ein allgemeines Konzil. Sie nannten sich daher ‚Appellanten‘. Quesnel behauptete Zeit seines Lebens, daß die Sätze aus dem Zusammenhang gerissen worden wären und viele seiner Sätze die Lehren Augustins wären. Die Bulle verurteilte unter anderem die Sätze, daß man der Gnade nicht widerstehen könnte, daß sie nur in der Kirche gegeben werde und daß der Mensch ohne Gnade unfähig wäre, etwas Gutes zu tun. Allerdings sind das streng augustinische Lehrsätze! Die Bulle ‚Unigenitus‘ bedeutete damit den Todesstoß für die augustinische Schule innerhalb der römischkatholischen Kirche. Sie wurde unter Ludwig XIV. Staatsgesetz und damit zur ‚Testakte‘ für die Mitgliedschaft in der Kirche, für Priester und Ordensleute wenigstens. Eine Appellation an ein allgemeines Konzil war aber nach dem damaligen Kirchenrecht noch möglich, wenn man die Beschlüsse des Konzils von Konstanz in Betracht zieht. Das war auch die Argumentationslinie der Appellanten. Nach dem Vatikanum I. wäre dies natürlich nicht mehr möglich gewesen und ist es in der römisch-katholischen Kirche jetzt natürlich auch nicht mehr.

 

Alle Rechte vorbehalten. Copyright: Günther Thomann. Schwarzenborn , Studienhaus St. Benedikt,

REKD, 2016 Fortsetzung folgt

 

 

 

800 Jahre Dominikanerorden

 

Jubiläumsausstellung vom 11.Mai bis 15. August 2016 in der Regensburger Dominikanerkirche St. Blasius (Albertus-Magnus-Platz 1 / Bismarckplatz) für unsere Leser besucht von Axel Stark.

 

Der Dominikanerorden (Ordo Praedicatorum, abgekürzt: OP) blickt 2016 auf acht Jahrhunderte seiner päpstlichen Bestätigung am 22. Dezember 1216 zurück. In der Regensburger Dominikanerkirche, eine der größten und bedeutendsten Bettelordenskirchen Deutschlands, findet die zentrale Jubiläumsausstellung des weltweit aktiven Ordens statt. Im Kreuzgang, der angrenzenden Albertus-Magnus-Kapelle und im Refektorium des ehemaligen Klosters führen Exponate vom 13. Jh. bis zur zeitgenössischen Kunst exemplarisch durch die reiche Geschichte und Gegenwart des Ordens hauptsächlich im deutschen Sprachraum. Bereits in der Kirche wird der Besucher in die Frühzeit des Ordens mit vielen Sehenswürdigkeiten wie den erzählenden Wandmalereien hineingenommen. In den angrenzenden Räumen veranschaulichen mittelalterliche Buchmalereien, Grafiken wie Albrecht Dürers „Die Philosophie“, Skulpturen, Gemälde, Goldschmiedearbeiten und zeitgenössische Kunstinstallationen sowie Film- und Hörstationen die Ordensgeschichte. Diese ist nicht nur eine „Erfolgsgeschichte“, sondern auch eine „Leidens-geschichte“: die Mitwirkung an der kirchlichen Inquisition und an Hexenverfolgungen durch Ordensmitglieder (der „Hexenhammer“ wurde vom Dominikaner Heinrich Kramer verfasst) wird nicht verschwiegen. Der Ablassprediger Tetzel, der Luther 1517 zu seinen 95 Thesen herausfordert, ist Dominikaner.Aber auch die großen Mystiker Meister Eckhart, Johannes Tauler und Heinrich Seuse gehören auch dem Orden an. Albertus Magnus und Thomas von Aquin sind Dominikaner genauso wie Katharina von Siena dem weiblichen Ordenszweig angehört. Bartolomé de Las Casas setzte sich für die Rechte der Indios ein, Francisco de Vitoria verteidigt im 16.Jh. die Menschenrechte. Franziskus M. Stratmann engagiert sich trotz Verfolgungen durch die Nationalsozialisten für den Friedensbund deutscher Katholiken. Eberhard Welty regt die Soziallehre in der jungen Bundesrepublik an. 1958 erhält der Dominikaner Dominique Pire den Friedensnobelpreis für seine Flüchtlingsarbeit. Yves Congar und Edward Schillebeeckx sind wichtige Theologen auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil.

Neben einem kleinen Ausstellungskatalog ist ein Begleitband (Elias H. Füllenbach (Hg.), Mehr als Schwarz und Weiß. 800 Jahre Dominikanerorden, Regensburg 2016, Verlag Pustet) zur Ausstellung erschienen. Interessant ist auch, dass es in der streng hierarchisch verfassten katholischen Kirche möglich ist, 800 Jahre eine „demokratische“ Ordensverfassung (z.B. auf Zeit von allen Ordensmitgliedern gleichberechtigt gewählte Ordensobere) zu haben und dennoch „katholisch“ zu bleiben.

 

Impressum:

Redaktion: Klaus Mass, Kapellenstraße 7, 85254 Einsbach, pfarramt-christ-katholisch@web.de

Namentlich gekennzeichnete Artikel müssen nicht unbedingt die Lehrmeinung der Kirche wiedergeben.

Leserbriefe sind stets erwünscht.

 

TRINITATIS, Gedanken zum Dreifaltigkeitssonntag

Von Pater Gerhard Seidler

 

Wir feiern tiefstes Glaubensgeheimnis, das in unserer irdischen Wirklichkeit immer unergründlich bleiben wird. Alles was wir mehr oder minder klug darüber reden bleibt Gestammel. Niemand kann hier und jetzt, in Raum und Zeit, Gott schauen. Wir können klug über Gott reden. Doch er ist und bleibt immerdar „Der Ganz-Andere“. Gott zeigt sich den Menschen, ja seiner ganzen Schöpfung „wohl-dosiert“. Wer Gott in seiner „ganzen Herrlichkeit“ – was immer das auch bedeuten mag – sieht, hat die Grenzen des Geschaffenen überstiegen. Das meint: Er ist tot für diese Endlichkeit und neu geboren für die Ewigkeit.

Gott zeigt sich im brennenden und doch nicht verbrennenden Dornbusch. Er zeigt sich als der Ich-bin-für-dich-da. Er zeigt sich im Zenit der Zeiten in Jesus von Nazaret. Gott begeistert durch den verheißenen Beistand, den Heiligen Geist. Immer offenbart er sich selbst, immer ganz und gar, niemals nur einen Teil von sich, aber ganz so, wie wir Erdlinge es „verkraften“ können. Salamitaktik ist nicht seine Art, ist kein göttlicher Wesenszug.

Wer es fassen kann, der fasse es!

So erfahren wir, dass am Anfang seines Weges mit seiner Schöpfung die Schaffung der Weisheit steht. Damit beginnt die Geschichte Gottes mit uns Menschen, die uns durch sein Wort und den Beistand in allen Zeiten begleitet wird.

Zugang zu diesem Mysterium (Geheimnis) erlangen wir in und durch Jesus, den Christus. Durch ihn und den Beistand, den Tröster, Gottes Geschenk für uns, werden wir Teil des „lebendigen Tempels“ in dem Gott wohnt. Durch ihn sind wir selbst „Tempel des Heiligen Geistes“, begeisterte „Geist-Träger“, kostbarer als jede noch so prunkvolle Kathedrale.

Wer es fassen kann, der fasse es!

Erst im Blick zurück erkennt der Evangelist den „roten Faden“, das „Drehbuch Gottes“ für das Geschehene. Für uns stellt sich die Frage: Leben wir aus dem Heiligen Geist? Wie sieht mein roter Faden aus? Erkenne ich sein Drehbuch für seine Geschichte mit mir? Vorausschauend erkennen wir gar nichts. Vorhersage bleibt immer spekulativ. Der Heilige Geist lässt mich und dich bescheiden werden und dankbar für die Momente der Wahrheit und der Klarheit, in denen er sich uns zu erkennen gibt. Wer es fassen kann, der fasse es!

Meine Gedanken zu diesem Fest sollen nun einmünden in den Lobgesang des altkirchlichen Theologen Symeon:

 

Preis sei dir, o Herr, der du uns von Anbeginn in deiner Freiheit erschaffen hast.

Preis sei dir, o Herr, der du uns zu deinem lebendigen Ebenbild berufen hast.

Preis sei dir, o Herr, der du uns geadelt hast mit den Gaben der Freiheit und der Vernunft.

Preis sei dir, du gerechter Vater, der du uns durch die Liebe besitzen wolltest.

Preis sei dir, allheiliger Sohn, der du unseren Leib angenommen hast, um uns zu retten.

Preis sei dir, Geist des Lebens, der du uns mit deinen Gaben beschenkst.

Jeder Mund soll dich loben, Vater, Sohn und Heiliger Geist.

Von den Höhen herab bis zu den Tiefen,

sei Preis der Dreifaltigkeit durch Zeit und Ewigkeit. Amen.

 

 

Credo

Wissen, was man glaubt

Von Klaus Mass

Während eines kurzen Moments schweifte ich im Geiste über das heimische Bücherbrett, als mir vor kurzem das kleine Büchlein des Berliner Philosophen Dr. Josef Bordat „Credo“ in die Hände fiel, augenblicklich erinnerte ich mich an zwei dort zu findende Schriften gleichen Titels. Bereits 1970 hatte Henri de Lubac, in deutscher Übersetzung natürlich von Hans Urs von Balthasar, sein Credo vorgelegt, die Schrift eines erfahrenen theologischen Lehrers für eine neue Theologengeneration. Satte achtzehn Jahre später brachte der genannte Übersetzer dann, kurz vor seinem Tode, gleichsam als geistiges Vermächtnis, sein eigenes Credo heraus.

Balthasar, stets frei vom universitären Betrieb, wollte nicht mehr lehren, sondern meditieren und verabschiedete sich, wie nicht anders von ihm gewohnt, mit einer zutiefst spirituellen Schrift.

Sollte Bordat, welcher in der Bloggerszene als Jobo72, über eine gewisse Bekanntheit verfügt, an diese beiden ganz großen anknüpfen wollen? Schon ein kleines Einlesen in seinen Text genügt, um hier Entwarnung geben zu können. Hier spricht weder ein theologischer Lehrer, noch ein spiritueller Meister. Hier spricht ein Philosoph, der seinen Glauben, im Bekenntnis seiner Kirche, rational verantwortet.

Die im kleinen Lepanto Verlag herausgegebene Schrift wurde mit einem geradezu kongenialen Titelbild des russischen Malers Nikolai Nikolajewitsch Ge von 1890 versehen: Was ist Wahrheit? Christus und Pilatus.

Hier geht es also um einen Philosophen, der seinen Glauben, welchen er als persönlich, jedoch nicht als privat erachtet, vor seiner Vernunft begründet. Doch an welchen Leser wendet sich der Autor? Die oft philosophisch-akademische Sprache lässt das Werk für den „kleinen Mann auf der Straße“ als kaum gedacht erscheinen, dennoch durchbrechen immer wieder persönliche Erfahrungen des Autors (so erfolgte die Schlusskorrektur am Krankenbett seines Vaters) und Beispiele aus seinem Blog („Ich glaube weder an Gott, noch an den Weihnachtsmann“) den oft allzu akademischen Stil. Hier zeigt sich, dass der ganzen Arbeit mehr Mut zur Einfachheit der Sprache ausgesprochen gutgetan hätte.

Dennoch zeichnet sich ein ziemlich klares Bild des potentiellen Lesers schnell ab. „Credo“ ist in der Lage, sowohl den gymnasialen Oberschüler, welcher mit sich selbst um die „Wahrheit“ ringt, als auch den Studenten der unteren Semester, noch bevor dieser die großen Werke der Religionsphilosophie oder der Fundamentaltheologie liest, anzusprechen, und auf seinem, persönlichen Weg gut zu begleiten.

Der Autor selbst scheint mit seiner Schrift auf Joseph Ratzingers Einführung ins Christentum hinführen zu wollen. Der jüngere Theologe denkt vielleicht auch an eine Vorbereitung auf Klaus von Storchs Einführung in die systematische Theologie. Dem älteren Leser bietet der Autor, nun frei von jedem akademischen Ehrgeiz, die Möglichkeit sich einmal aus dem Getriebe des Alltags heraus zu nehmen und über den eigenen Glauben neu zu reflektieren und nachzusinnen.

Auf das grundlegende Strukturproblem des Glaubens-BEKENNTNIS geht der Autor jedoch leider nicht weiter ein. Ursprünglich sind die Glaubensbekenntnisse nicht geschrieben worden um sie der Öffentlichkeit bekannt zu geben und sich mit den paganen Philosophen auseinander zu setzen. Es handelt sich nicht um Texte der rationalen Auseinandersetzung (extra ekklesia), sondern um Worte, die allein im Licht des Glaubens gesprochen und aufgefasst werden können. Wie auch das große Dankgebet der Eucharistie, war der Text des Credos in der alten Kirche den Gläubigen vorbehalten. Selbst die Katechumenen mussten das Gotteshaus verlassen, bevor die Getauften das Credo sprachen und das GEHEIMNIS des Glaubens feierten.

Genau diese Balance zwischen dem öffentlichem Bekenntnis und der Feier des Geheimnisses, scheint der heutigen Kirche allzu oft abhandengekommen zu sein.

 

Möge die im Lepanto Verlag 2016 erschienene Schrift „Credo“ von Dr. Josef Bordat auch heute dazu geeignet sein, suchenden Menschen einen stets persönlichen, doch nie privaten Zugang zum Glaubensgeheimnis zu ermöglichen.

 

 

Abenteuer Medjugorie

Bericht über die Wallfahrt nach Medjugorje vom 8.-12. Mai 2016

Von P Gerhard Seidler

Im Vorfeld empfohlen, auf „Herz und Nieren“ von den Verantwortlichen „geprüft und für gut befunden“ begann für mich das „Fremde“ und das „Abenteuer Medjugorje“ um Mitternacht am Muttertag. Drei Mannsbilder, Bernhard, Meinrad und Meinereiner, machen sich aus Oberschwaben auf den Weg nach Eggenthal im Allgäu, um von dort aus zusammen mit weiteren 24 Pilgern eine ganz besondere Marienwallfahrt zu beginnen. Schon etliche Reisebusse haben sich von hier aus und unter der Regie von Lilo, Moni, Lotte und Josl – alle aus dem „Gabriel-Clan“ vor Ort - auf den Weg, auf den weiten Weg nach Bosnien-Herzegowina gemacht. Gut 1200 Kilometer in 17 Stunden, das ist der Weg dorthin. Ich war neugierig darauf, denn schon meine Mutter war begeistert von diesem Ort und dem Geschehen dort.

Die Frage ist: Was hat es auf sich mit Medjugorje? Südwestlich von Mostar liegt dieser Ort. Bis zum 24. Juni 1981 war es ein unbedeutendes Dorf in Mitten der Karstlandschaft. Fuchs und Has‘ haben sich dort gute Nacht gesagt. Titos Kommunisten hatten das Sagen. Die Katholiken waren benachteiligt, waren Menschen zweiter Ordnung. Doch dann: Eine Frau, die Mutter Gottes, erscheint sechs Kindern auf dem Berg der Erscheinung. Ihre Botschaften gehen um die Welt. Die Mitte ihrer Mitteilungen an die Gemeinde St. Jakob zum einen und an die ganze Welt zum anderen ist der Friede! Und sie nennt die vier Mittel, um diesen zu erspüren: das Gebet mit dem Herzen (z.B. der Rosenkranz), die Feier der Danksagung, die Eucharistie; das Lesen der Heiligen Schrift, das Fasten und die dauernde Umkehr. Ein wahrhaft gutes „Programm“. Und die Erscheinung sagt den Kindern, die zu Sehern wurden: „Wenn Du wüsstest, wie sehr ich Dich liebe, würdest Du vor Freude weinen.“ Das bedarf keiner Auslegung! Seither sind Erscheinungen der „Gospa“ (Mutter Gottes) fester Bestandteil der Wallfahrt und monatlich, am 25., tut sie ihre Botschaft kund, die anhebt mit dem Aufruf: „Betet, Kinder, betet! …“

 

Wirklich ein Wallfahrtsort?

Eines muss jedoch angemerkt werden: von den Offiziellen der Römisch Katholischen Kirche ist diese Wallfahrt nicht gut gelitten. Der Präfekt der Glaubenskongregation, Kardinal Gerhard Ludwig Müller, ließ verlauten, dass es Katholiken nicht erlaubt sei, an Veranstaltungen teilzunehmen, bei denen die Glaubwürdigkeit der Erscheinungen von Medjugorje als gegeben angenommen wird. Die Erklärung von Zadar, der Jugoslawischen Bischofskonferenz aus dem Jahr 1991, vertritt eine distanziert neutrale Haltung. Dort heißt es: "Auf der Basis dieser Untersuchungen kann bis jetzt nicht bestätigt werden, dass es sich hier um übernatürliche Erscheinungen und Offenbarungen handelt."

Ich glaube aber, dass auch hier die Mahnung des heiligen Paulus an die Gemeinde von Thessaloniki gilt: "Betet ohne Unterlass! Löscht den Geist nicht aus! Verachtet prophetisches Reden nicht! Prüft alles und behaltet das Gute! Meidet das Böse in jeder Gestalt!" (1 Thess 5, 17. 19-22)

Auf der Autobahn in den Süden, kurz nach Mindelheim, und nach herzlicher Begrüßung auch durch unsere Busfahrer Dieter und Franz, die mit zur Pilgerschar zählten, spende ich den

 

Reisesegen:

Wenn wir reisen, nach Medjugorje wallfahren,

begleitet uns – und das ganz umsonst – eine neue Stille.

Das wünsche ich uns jedenfalls.

Und wenn wir die Zeit finden zu lauschen, werden wir hören,

was unsere Herzen am liebsten zu sagen hätten.

Unsere Wallfahrt zur Mutter Gottes kann zu etwas Heiligem werden.

Nehmen wir uns die Zeit, diesen Weg zu segnen,

unser Herz von allem Ballast zu befreien,

auf dass der Kompass unserer Seele uns führen möge

zu den Quellen des Geistes, zur Begegnung mit Ungeahntem.

Auf dass wir wach wallfahren,

auch bei unserem Aufbruch inmitten der Nacht,

auf dass wir dann klug gesammelt sind in unserem inneren Grund,

auf dass wir die Einladungen nicht vergeuden mögen,

die uns entlang des Wegs und der Zeit dort vor Ort erwarten,

um uns zu verwandeln.

Mögen wir sicher wallfahren und reisen und erfrischt ankommen

und unsere Zeit dort bis zur Neige leben,

dass wir das Leben verkosten, das uns dort geschenkt wird

und dass wir dann froh und bereichert heimkehren,

beschenkt und frei. Das gewähre uns der allmächtige Gott, der Vater mit dem Sohn und dem Heiligen Geist.

 

Nach dem folgenden Rosenkranz versinkt die Wallfahrtsgruppe in schläfrigen Dämmer. Durch München und an Salzburg vorbei geht die Fahrt. Nach dem Aufscheinen der Morgenröte macht sich Frohsinn und Fröhlichkeit breit. Spielerisch werden wir zu Schutzengeln und sind Betreute von einem anderen. Die Auflösung dieses Rätsels erfolgt dann erst auf der Heimfahrt. Jeder wird zum Beschützenden eines Pilgers, wiewohl er von einem anderen beschützt wird. Tauerntunnel, Katschberg- und Karawankentunnel. Zügig geht’s voran.

Im Herzen Sloweniens Mittagspause, dann Kontrolle an der Grenze nach Kroatien. Die Zeit steht still, wenn der Zöllner es so will. Dann endlich: Weiter! An Zagreb vorbei durch Landschaften, in denen die Winnetou-Filme gedreht wurden, bis nach Sibenik einer alten Stadt am adriatischen Meer. Schön. Eine Stunde Pause. Füße vertreten. Eis essen. Split bleibt am Meer liegen und die Grenze zu Bosnien-Herzegowina ist erreicht. Warten. Geduld, obwohl niemand sonst da ist. Das einzige, über was wir verfügen, ist Zeit. Und das spüren wir. Irgendwie auch gut!

 

Kurz nach dieser Erfahrungsgrenze ist unser Ziel erreicht. Eine prosperierende „Kleinstadt“, in der 3000 Menschen wohnen und die jährlich nahezu eine Million Menschen beherbergt. Der Bus benötigt eine kostenpflichtige Aufenthaltsgenehmigung. Es geht vorbei an Devotionalien- und Andenkenläden zu unserer Herberge, der „Pansion Karolina“. Seit „urdenklichen Zeiten“ die Bleibe der „Allgäuer Pilger“. Herzliches Willkommen. Quartierverteilung. Abendessen. Vorher ein Tischgebet für alle, das meine Eindrücke erwartungsfroh und kritisch ins Wort fasst: Was bedeutet Wallfahren für uns, für jeden Einzelnen von uns? Es ist schön, dass wir als fröhliche Schar Frohbotschaft leben wollen, doch Frohsinn und Stille – Beides hat seinen Wert, Beides ist wichtig, Beides muss, sollte möglich sein! Und wir sind dankbar für unsere Gemeinschaft, für alles, was uns umgibt. Ich bin gespannt auf das, was ich hier erleben darf. Mahlzeit! Einfach und gut speisen, begleitet von Hauswein und Wasser – ein Genuss!

Das persönliche Wunder, Gebet und Begegnung.

Drei Pilgertage und die Orte des Geschehens: Jeden Morgen ist um 9°° Uhr Hl. Messe in deutscher Sprache in der Kirche, die bereits weit vor den Erscheinungen im Jahr 1969 erbaut worden ist – damals viel zu groß für eine kleine Gemeinde, nun zu klein für die vielen Wallfahrer. Eine Altarinsel wurde angebaut. 10.000 Gläubige finden nun Platz. Der „größte Beichtstuhl der Welt“ wurde errichtet. In vielen Sprachen und mit vielen Geistlichen ist Umkehr angesagt. Die Kirche ist voll. Wir erklimmen – und das im wahrsten Sinn des Wortes – den „Berg der Erscheinung“. Betrachtungen an den Stationen des Rosenkranzes und Stille, unendliche Stille, am Ort des Geschehens. Du sitzt da und die Tränen beginnen zu fließen. Einfach so. Wasser von Innen, das die Seele reinigt, was mir im Soll- und Ist-Vergleich meines Seins aufblitzt und klar wird. Stille und drunten im Tal: Händler und Bettler. Sie alle wollen teilhaben am Reichtum des Geschehens. Irgendwo kann ich es sogar verstehen.

Programm in der Gruppe und die Möglichkeit, sich selbst in das Geschehen vor Ort einzubringen, sind die Grundideen der Allgäuer Pilgerschar. So nutzen manche das Angebot, den Franziskusgarten zu erkunden, andere persönliche Begegnungen in Kirche, vor der Gospa, der Anbetungskapelle, im Lichtbezirk mit seinen tausend Kerzen oder vor dem Auferstandenen im Kreuzweggarten des heiligen Bezirks. An diesem heißen Abend wurde auch zur eucharistischen Anbetung geladen. Mir wird bedeutet, dass man/frau ab 18:30 Uhr ungeschützt in die Sonne schauen und dabei „sein heiliges Wunder“ erleben kann. Und in der Tat: ich sehe eine riesige Hostie von Feuerzungen umrandet. Mit der Zeit baut sich ein strahlendes Kreuz auf, das diese Erscheinung trägt. Eine Sonnen-Kreuz-Monstranz. Die Augen sind nicht verbrannt, vielmehr sehe ich klarer. Unglaublich - aber wahr. Die Tränen fließen. Zweite Reinigung am ersten Wallfahrtstag. Nach den Tränen fließt auch der Wein. Mit der Komplet beende ich mein Tageswerk. Es ward Morgen und es ward Abend: der erste Tag. Und es war ein schöner, ein guter Tag.

 

Im Mittelpunkt des zweiten Tages steht neben dem Gebet zum einen der Besuch des „Mutterdorfes“ einer Art von SOS-Kinderdorf, das der von der Bevölkerung schon heiliggesprochene Franziskanerpater Slavko Barbaric (*1946 / +2000) gegründet hat und zum anderen der Besuch in der nur 24 Kilometer entfernten Stadt Mostar, dem Grenzgebiet zwischen Katholizismus und Islam. Dort gibt’s Abendessen und „zuhause“ wird der Abend betend und „weinend“ erlebt.

 

Um 5°° Uhr beginnt der Aufstieg auf den Kreuzberg. Eine Herausforderung auch für geübte Pilger und Wallfahrer. Bronze-Relieftafeln sind die Wegmarken. Drei Stunden sind eingeplant, um betend den Kreuzweg auf die höchste Erhebung der Umgebung zu erleben und den Abstieg zu bestehen. Die Gospa gilt als Initiatorin dieses Geschehens, das in die Tiefen und die Grenzen meines Seins führt. Der Rest des Vormittags ist für die persönliche Frömmigkeit und das obligatorische Einkaufserlebnis in den Souvenirläden reserviert. Nach dem Mittagessen (Mittwoch ist Fasttag, nur Fisch und Käse kommt auf den Tisch, am Freitag gibt’s nur Wasser und Brot) segne ich die Mitbringsel für die Daheimgebliebenen. Am Nachmittag besuchen wir die Wasserlandschaft von Caplina und feiern danach dort in einer kleinen Kirche, mit dem Segen des Ortspfarrers, unseren Pilgergottesdienst.

Alle sind mit ganzem Herzen dabei: vor der Kirche das Schuldbekenntnis und die Lossprechung, dann betreten wir singend das Gotteshaus. Zu Beginn der Predigt lade ich alle ein, ganz genau die Innenseite unserer Hände zu betrachten. M&M ist dort „verzeichnet“. Der alte Marketinggag einer Sektkellerei lässt sich wohl auch christlich deuten: In die Hände meine Lieben ist euch Mutter Maria geschrieben. Wir können es auch wenden und sagen: Maria in Medjugorje. Die neueste Mittteilung der Gospa vom 25. April soll die Homilie abschließen. Dort sagt sie, dass ihr Herz ob der Sündhaftigkeit der Welt blutet. Sie mahnt Umkehr an und stiftet uns an, das Reich Gottes im kleinen Kreis ansatzweise sichtbar zu machen. Nutzen wir die Zeit die uns bleibt, um im Zusammenspiel mit allen guten Kräften, Mächten und Gedanken alle Unbillen der satanischen „Spiele“, die weit mehr sind als Kinderkram, zu überwinden. Und dazu, zu dieser Botschaft die Frieden in unseren Herzen stiften will, kann jeder selbstbewusst JA sagen. Und aus diesem Ja wächst die Kraft, und die Bereitschaft Barmherzigkeit walten zu lassen in unserem Umfeld, in der Familie, am Arbeitsplatz, im Verein … und zwar mit allen Konsequenzen.

 

Den Vorabend beschließen wir mit einem Fischessen in Caplina, bei der Verwandtschaft unserer Herbergsmutter Karolina. Frischkäse samt Gebäck, Polenta, Fischsuppe, gebratener Karpfen, vorsorglich ein kräftiger Aperitif, viel Wein, delikate Süßspeisen und ein kräftiger Absacker: Pilger was willst du mehr? – Ja, nach der Heimkehr Anbetung im großen Forum, Zeit zum Gebet in aller Stille und dann Abschied bei Karolina. Es ward Morgen und es ward Abend, der dritte Tag. Und es war gut so, wie es war.

 

Donnerstag. Heimreise. Nach dem Frühstück um 7°° Uhr ist die Abfahrt auf 8°° Uhr terminiert. Zeit für sich selbst und die Gemeinschaft im Bus. Rosenkranzgebet wie auf der Anreise. Strömender Regen und doch auch lichte Momente - die Zeit vergeht nicht, obwohl wir die Grenzen verhältnismäßig zügig passieren können. Nachmittags, unter viel Hallo und mit mancherlei Überraschung, folgt die Auflösung des „Schutzengelgeheimnisses“ und um 19:30 Uhr meine Marienbesinnung zum Thema „Neue Eva“ als Abschluss dieser geistig-geistlichen Tage. Um 23:30 Uhr ist Eggenthal erreicht.

 

Noch liegen 90 Minuten vor uns, bis wir die Heimatgefilde in Oberschwaben erreichen. Bernhard und Meinrad sei Dank! Ich bin daheim und begeistert. Mir bleibt nur Dank zu sagen, für die Möglichkeit diese Wallfahrt zu begleiten, die mir rundum gut getan hat. Dank für das Lachen und die Fröhlichkeit, wir verkünden ja die frohe Botschaft. Dank aber auch für die Stille und Nachdenklichkeit, für die Texte, Gebete und Impulse, die das Erklimmen der Berge begleitet haben, für die Lichtmeditation. Danke für das Geschenk dieser Fahrt, für die Begegnungen, Gespräche und Erfahrungen, für alles, das ich erleben durfte.

 

Kurz und knapp mein Resümee: Alles was ins Weite führt, ist gut, tut gut, fordert mich auf, dem Wesentlichen Raum zu geben. Das Wesentliche ist die Liebe und der Friede. Das schimmert durch in Medjugorje und ich bin der festen Überzeugung, dass „Es“ gut ist, gut tut, dass es diesen Ort gibt. So Gott will und wir das Leben haben, gibt es ein nächstes Mal. Pfingsten steht vor der Tür. Hoffen wir auf die Geisteswehen!

 

 

 

Buchbesprechungen von Axel Stark, Passau

 

Thomas Eggenberg, Kirche als Zeichen des Reiches Gottes.

Eine Studie zur Bedeutung des Reiches Gottes für die Kirche in Auseinandersetzung mit Küng, Moltmann, Pannenberg und Hauerwas, Zürich 2016, LIT Verlag, Studien zu Theologie und Bibel Bd. 14, 391 S., 54.90 €.

 

Pastor Thomas Eggenberg promovierte mit dieser Arbeit an der Ev.-Theol. Fakultät Leuven.

Es geht ihm um die Verhältnisbestimmung von Reich Gottes und Kirche. In der gegenwärtigen systematischen Theologie wird dieses Thema aber meist nicht sehr ausführlich behandelt. Wer diese Geringachtung des Themas nicht mitmacht, der kann folgende Erfahrung machen: „Die Einsicht, dass das Kommen des Reiches Gottes in der Kirche und durch die Kirche geschehen kann und soll, hat nicht nur meine Ekklesiologie, sondern auch meinen Dienst als Pastor und die Gestaltung des kirchlichen Lebens nachhaltig herausgefordert und geprägt.“

In Auseinandersetzung mit den theologischen Ansätzen von Hans Küng (Kirche als Vor-zeichen des Reiches Gottes), Jürgen Moltmann (Kirche als Antizipation des Reiches Gottes), Wolfhart Pannenberg (Kirche als sakramentales Zeichen des Reiches Gottes) und Stanley Hauerwas (Kirche als soziale Verkörperung des Reiches Gottes) und im Rückgriff auf biblische Theologie entwickelt Eggenberg ekklesiologische Folgerungen für den Grund, die Gestalt und den Auftrag der Kirche. Er sieht z.B. ein noch nicht ausgeschöpftes ökumenisches Potential in der Ausrichtung der Kirche am Reich Gottes, weil das Reich Gottes weder geteilt noch konfessionell vereinnahmt werden kann. Aus der Einheit des Reiches Gottes ergibt sich, dass die Kirche diese Einheit ebenfalls zeichenhaft verwirklichen soll.

 

Franz Segbers, Ökonomie, die dem Leben dient.

Die Menschenrechte als Grundlage einer christlichen Wirtschaftsethik, Kevelaer 2015,

248 S., Butzon & Bercker.

 

Der Autor war früher römisch-katholischer Betriebsseelsorger, dann alt-katholischer Priester,

Dozent an der Ev. Sozialakademie Friedewald, Referent im Diakonischen Werk Hessen Nassau

und außerplanmäßiger Professor für Sozialethik an der Ev.-Theol. Fakultät der Universität Marburg. Er nimmt die Menschenrechte zum Ausgangspunkt und Maßstab für seinen Neuansatz in der Wirtschaftsethik, näherhin das Menschenrecht auf eine Wirtschaftsordnung, welche die sozialen Grundrechte gewährleistet und verwirklicht. Dass die modernen Menschenrechte unter anderem in der biblischen Tradition eine ihrer Wurzeln haben, schafft eine solide Gesprächsbasis zwischen Theologie und säkularer Ethik. Den vermeintlichen Sachzwängen einer globalen Wirtschaft, die dem privaten Profitinteresse unterworfen ist, setzt Segbers eine „Ökonomie des Genug“ entgegen, die imstande ist, unsere natürlichen Lebensgrundlagen zu erhalten, und allen Menschen weltweit ein „gutes Leben“ ermöglicht. Das ist das Gegenteil einer auch von Papst Franziskus abgelehnten Wirtschaft, „die (auf direkte und noch mehr auf indirekte Weise) tötet“. Segbers macht deutlich, dass Fragen der Wirtschaftsgestaltung Christen, den Kirchen und den Theologen nicht gleichgültig sein können.

 

 

Norbert Scholl, Glauben im Zweifel.

Der moderne Mensch und Gott, Darmstadt 2016, L. Schneider/Wiss. Buchgesellschaft, 224 S.

 

Gott und Naturwissenschaft: Verträgt sich dies? Im modernen naturwissenschaftlich-technischen Weltbild wird Gott oder der Glaube oft als Relikt aus vormoderner Zeit, als rückständig abgetan. Im Gegensatz dazu steht die wachsende „Sehnsucht nach etwas Höherem“. Der Wunsch nach einem individualisierten Glauben, der nicht mehr an die oft starren Glaubensformen und -sprache der Kirchen gebunden ist, wird immer deutlicher.

Mit seinem Buch will Norbert Scholl, pensionierter Theologieprofessor an der PH Heidelberg,

zum Zweifeln anstiften. An den großen Themen der Naturwissenschaft (Urknall, Materie, Energie, Leben, Evolution, Bewusstsein usw.) legt er dar, wie viele Fragen hier noch offen sind. Jede neu gewonnene Erkenntnis wirft neue Fragen auf und auf manche wird es wohl nie eine Antwort geben. Doch auch allzu selbstverständlich erscheinende Antworten der Theologie (Glaube, Gottesbilder, Jesus, Erlösung, Gebet usw.) stellt Scholl in Frage. Zugleich zeigt er, dass der Glaube in modernen Zeiten sich durchaus mit den Erkenntnissen der Naturwissenschaft verträgt. Und dass man auch heute noch beten kann.

 

 

Pater Gerhards Kräuterkolumne

GUNDERMANN, Glechoma hederacea, auch GUNDELREBE, ERDEFEU, ALLERMANNS THYMIAN oder ZICKELKRÄUTCHEN genannt.

 

Dieser wahre Menschenfreund wuchert mit seinen kriechenden Ausläufern im Rasen, liebt feuchte, kühle Stellen unter Hecken und am Mauerwerk. „Menschenfreund“ oder auch anthropochore nennt man das Pflänzchen deshalb, weil es sich wie Holunder oder auch Brennnessel mit Vorliebe in der Nähe von Haus und Hof breit macht. Wie Minze, Melisse, Dost, Thymian, Salbei, Bergbohnenkraut, Lavendel oder Rosmarin zählt der Gundermann zu den Lippenblütlern. Allen gemein ist das starke Aroma ätherischer Öle, welche die ganze Pflanze durchwallen. Diese aromatischen Öle haben etwas Himmlisches an sich, was schon der Name „Äther“ verrät.

Bei Hildegard von Bingen lesen wir über die Gundelrebe: „Sie ist mehr warm als kalt, und sie ist trocken, und sie hat gewisse Kräfte der Farbstoffe, weil ihr Grün nützlich ist, so dass ein Mensch, der matt ist und dem die Vernunft verschwindet, mit erwärmtem Wasser baden und die Gundelrebe in Mus oder in Suppen kochen soll, und er esse sie entweder mit Fleisch oder mit Cucheln, und sie wird ihm helfen. Und wenn jemand mit Lauge seinen Kopf häufig mit ihr wäscht dann vertreibt er viele Krankheiten von seinem Kopf, und er verhindert, dass er krank wird. Aber wenn üble Säfte den Kopf wie doum plagen, so dass auch seine Ohren tosen, der bringe sie in warmem Wasser zum Sieden, und nach Ausdrücken des Wassers lege er sie so warm um seinen Kopf und sie mindert das doum, das in seinem Kopf ist, und öffnet sein Gehör. Und wer in der Brust und um die Brust Schmerzen hat, wie wenn er innerlich Geschwüre hätte, der lege die im Bade gekochte und warme Gundelrebe um seine Brust, und es wird ihm besser gehen.“

Die Grün-Donnerstags-Suppe war bei Hirten und Bauern sehr beliebt. So gab man auch den jungen Ziegen, den Zicklein, davon zu fressen, damit sie eine starke Fresslust entwickeln und kräftig werden. Ziegen fressen, im Gegensatz zu den meisten anderen Haustieren, sehr gerne das würzige, ölhaltige Kräutlein. Der eigentliche Grund aber ist in Vergessenheit geraten: Die weiße Geiß, die früh im Jahr ihre Zicklein wirft, galt bei den indogermanischen Völkern als das Tier der Göttin, welches die wonnige, sonnige Jahreszeit wiederbringt, die Felder und Wiesen, erneut ergrünen lässt.

Die Bitterstoffe, vor allem das noch nicht erforschte Glechomin, regen die Verdauung an und stärken Herz und Leber. Die Gerbstoffe festigen und trocknen wundes, verletztes, eiterndes, wässriges, gequetschtes und schlecht heilendes Gewebe. Bei leichten Durchfallerkrankungen und wundem Zahnfleisch findet Tee aus der Pflanze aus eben diesem Grund ebenfalls Anwendung. Besonders bei eiternden Geschwüren zeigt die Gundelrebe, was in ihr steckt. „Gund“ ist das altgermanische Wort für „Eiter“, „Beule“, „faulige Flüssigkeit“ und „Gift“. In Tirol legt man Blättlein des Gundermanns auf die Wunden. Noch wirksamer ist das „Wunderkrautöl“. Das Rezept hat Susanne Fischer-Rizzi vor dem Vergessen bewahrt: „Man sammelt frische, blühende Stängel der Gundelrebe, presst sie in ein Glas und stellt dieses, fest verschlossen, für vier Tage an die Sonne. Am Boden des Glases sammelt sich eine helle Flüssigkeit. Diese wird abgeseiht und im Kühlschrank oder kühlen Keller aufbewahrt. Zur Hälfte mit hochprozentigem Alkohol versetzt, erhält man eine lange haltbare und hochwirksame Wundtinktur.“ Und Cotton Mather schreibt im Jahre 1724: „Da sich unsere Vorfahren aus diesem Kräutlein ihr Lieblingsgetränk brauten, galten die Engländer einst als die langlebigsten Menschen der Erde. Eine handvoll Gundermannblätter in Ale gekocht, morgens und abends getrunken, wirkt Wunder bei allen Kopfschmerzen, Entzündungen, geröteten Augen, Gelbsucht, Husten, Schwindsucht, Milz- und Steinerkrankungen und Verstopfungen jeglicher Art.“

Gundelreben-Kartoffelsuppe: Kartoffel kochen und stampfen. Gewürfelten Speck, 1 Möhre und 1 fein gehackte Zwiebel dazugeben. Mit Brühe aufgießen und nach Geschmack würzen. Kurz vor dem Servieren fein geschnittene Gundelrebenblätter dazugeben.

Gundelreben-Eis: 2 Bananen und 1 Apfel schälen und fein zerkleinern. Den Saft einer Zitrone dazugeben. 5 g feingewiegte Gundelrebenblättchen samt den Blüten mit etwas Sahne pürieren. 300 g Sahne steif schlagen und unter die Masse heben. Mit Honig abschmecken, in Förmchen füllen und gefrieren lassen. Guten Appetit!

Gott befohlen und herzlichst – Ihr Pater Gerhard.

 

 

 

Christ-Katholische Kirche in Deutschland