022020

Ad Fontes International

 Zeitschrift für Theologie, geistliches Leben und christliche Kultur


Internationaler Altkatholizismus
Bernd Wallet neuer Erzbischof von Utrecht


Das Metropolitankapitel des Erzbistums Utrecht wählte den Priester Bernd Wallet (48) zum 83. Nachfolger des Hl. Willibrord. Die Bischofsweihe wird voraussichtlich am 21. Juni stattfinden. Bernd Wallet wird als Erzbischof von Utrecht auch Ehrenvorsitzender der altkatholischen Utrechter Union sein. Die Bischöfe der Christ-Katholischen Kirche in Deutschland haben dem Neugewählten Glück- und Segenswünsche übermittelt.


Eine erste Botschaft gab Wallet in einem Interview mit der evangelisch-reformierten Zeitschrift der Niederlande. Umso weniger sich die Menschen einer Kirche zugehörig fühlen, umso wichtiger sei es, dass die Christen die Freude des österlichen Glaubens ausstrahlen. Die altkatholische Kirche sei nur klein, habe aber die Aufgabe in einer Mischung aus klassischer Liturgie, zeitgenössischer Verkündigung und einem offenem Blick auf die Welt, die Menschen neu anzusprechen. Auf die Frage, warum er und keine Frau gewählt worden sei, antwortete der neue Erzbischof, „weil die Zeit dafür noch nicht reif ist“. Im weiteren Dialog mit der röm.-kath. Kirche liege die größte Herausforderung nicht nur in den Fragen nach Frauenordination und Segnung homosexueller Gemeinschaften, sondern vor allem auch in der Kernfrage der Verhältnisbestimmung von Orts- und Weltkirche.


Erzbischof Wallet folgt Joris Vercammen (68) nach, welcher das Amt zwanzig Jahre innehatte und Ende vergangenen Jahres seinen Rückzug mit einem notwendigen Generationenwechsel begründete. Die Altkatholische Kirche der Niederlande ist seit 1723 eine von Rom unabhängige katholische Kirche und zählt heute ca. 5000 Gläubige. Von Utrecht ausgehend gelangte die apostolische Sukzession zu allen anderen später gegründeten altkatholischen Kirchen.



Querida Amazonia - geliebtes Amazonien
Eine Standortbestimmung des Katholizismus in der Gegenwart durch Papst Franziskus
von Klaus Mass


Das päpstliche Dokument „Geliebtes Amazonien“ hat in Deutschland zu einer erheblichen Ernüchterung geführt und sollte doch genauer gelesen werden.


Der Katholizismus unserer Tage steht in einer aufgewühlten Situation. Das Kirchenschiff ist, wie einst die Titanic, durch den durch Priester in aller Welt, über Jahrzehnte verübten sexuellen Missbrauch an Kindern, auf die Spitze des Eisberges gerammt. Die Spitze des Eisberges, da nicht nur Einzelne in dieser Situation versagt haben, sondern die gesamte Kirche. Um Schaden von der Institution abzuhalten wurde durch die Institution vertuscht, versetzt und gelogen. Nicht selten wurden die Täter geschützt und die Opfer und ihre Familien kriminalisiert.


Schon vor längerer Zeit kritisierte Papst Franziskus den Klerikalismus als Ursprungsquelle dieses falsch verstandenen Korpsgeistes. Der Begriff Korpsgeist bezeichnet die Ausformung des „Wir-Gefühls“ einer Eigengruppe, in diesem Fall des Klerus, er leitet sich aus dem französischen „esprit de corps“ ab, das zunächst begrifflich neutral eine Gemeinschaft von Personen des gleichen Standes bezeichnet.


Offensichtlich gab und gibt es nicht wenige Menschen in der Kirche, welche diesen Geist mit dem Heiligen Geist verwechselt haben. So rief der gelernte Jesuit Franziskus zur Unterscheidung der Geister auf und benannte vor den Mitarbeitern der Kurie die klerikalen Krankheiten unserer Zeit:


- Sich für unsterblich, immun oder unersetzbar zu halten, wer sich nicht selbst kritisiert ist auch nicht in der Lage sich zu erneuern.
- Die Arbeitswut und die Vernachlässigung der notwendigen Erholung.
- Funktionalismus, Planungswut und die Vereinzelung in der Arbeit.
- Die Krankheit des geistlichen Alzheimer, wer die Liebe und Berufung durch Gott vergisst, kann nur noch aus dem Bild leben, das er selbst von sich entwirft.
- Die Krankheit der Eitelkeit, der es um Titel und Auszeichnungen geht.
- Die Krankheit der existenziellen Schizophrenie, das Führen eines Doppellebens, in dem Kirche zum Verwaltungsapparat wird und die konkrete Seelsorge verloren geht.
- Die Krankheit des „Geschwätz“, indem man den anderen herabsetzt und den Ruf des Nächsten kaltblütig tötet, um selber besser dazustehen.
- Die Krankheit des übermäßigen Ansammelns von Gütern, die Härte und der Rigorismus gegenüber dem Nächsten.
- Das Gesicht der Melancholie und Strenge, der harte und arrogante Umgang mit Schwächeren.
- Die Krankheit des weltlichen Profits, die Dienst mit Macht verwechselt.


Soweit die durch den Papst zu Weihnachten 2014 vor den Mitarbeitern der römischen Kurie festgestellten kirchlichen Krankheiten.


Gleichzeitig traten von außen – aus den westlichen Gesellschaften - ganz andere Fragen an den Papst heran. Kirche wie stehst du zur Mitbestimmung der Laien, welche Rolle spielt die Frau im Katholizismus, müsste der Zölibat nicht doch aufgehoben werden, und wie sollen wir künftig mit gleichgeschlechtlich veranlagten Paaren umgehen? Wie anschlussfähig ist die Kirche an die sozialen Entwicklungen der liberalen Welt?


Es sollte zu einem Charakteristikum des Pontifikats von Papst Franziskus werden, diese Fragen - gerne auf Flugreisen - mit einem „peronistischen“ sowohl als auch zu beantworten.


„Wer bin ich, über diese Menschen zu urteilen?“

aber auch:

„Wer ein derart veranlagtes Kind hat, sollte mit ihm den Psychiater aufsuchen.“


Worte, welche die inner- und außerkirchliche Öffentlichkeit zutiefst verunsicherten und bis heute eine klare Richtungsweisung vermissen lassen.


Im Jahre 2015 veröffentlichte Papst Franziskus seine bis dahin wohl wichtigste Publikation, die Enzyklika "Laudto si“, in welcher er die Themen der Ökologie und der gerechten Wirtschaftsordnung zu seinen Kernthemen zukünftiger Theologie und christlicher Handlungsethik erklärte. Auf diesem Feld gibt es zwischen der Katholischen Kirche und der westlichen Welt keine Differenz. Hier hat die Kirche- um dieses Wort zu gebrauchen – volle soziale Anschlussfähigkeit gefunden.


Ein Jahr später 2016 veröffentlichte der Papst seine bisher wohl umstrittenste Publikation „Amoris laetitia“, in welcher er sich mit den Fragen der menschlichen Sexualität beschäftigt. In diesem Schreiben bestätigt er die bisherigen kirchlichen Lehraussagen zu Ehe und Sexualität, mahnt aber zugleich einen pastoral weitherzigen Umgang der Seelsorger mit den Gläubigen an. Das päpstliche Lehrschreiben enttäuschte sowohl liberale Reformer, als auch konservative Hartliner. Die einen kritisieren Bewegungslosigkeit, die anderen pastorale Beliebigkeit.


Gerade das Thema Sexualität ist zu dem großen Reizthema innerhalb der Kirche, als auch im Verhältnis zur liberalen Gesellschaft geworden. Wie kann die Kirche angesichts des Missbrauchsskandals überhaupt noch über dieses Thema glaubwürdig sprechen und für sich in Anspruch nehmen, verbindliche Lehraussagen zu treffen? Papst Franziskus ist es jedenfalls bisher nicht gelungen, den seit der Enzyklika „Humanae Vitae“ (1968) von Paul VI bestehenden Bruch zwischen kirchlicher Lehre und Lebenspraxis der Gläubigen auch nur ansatzweise zu heilen.


Mit der Wahl von Jorge Mario Bergoglio 2013 zum Papst entstanden umgehend weltweite Reformhoffnungen, die er durch ein bewusst anderes Auftreten als seine Vorgänger wohl auch mit Bedacht nährte. Ein einfacher Franziskus ist vom Ende der Welt gekommen, um in Rom aufzuräumen. Folgerichtig installierte der neue Papst einen Kardinalsrat, um sowohl die Kurienarbeit, als auch die Finanzverwaltung des Vatikans auf neue Füße zu stellen. Doch beide Projekte sind bis heute nicht abgeschlossen und zumindest in der Finanzverwaltung, sagen Insider, hätten sich die Probleme sogar noch vergrößert.


In dieser Gemengelage entfalte die Amazonassynode vom Oktober 2019 in Rom eine hochaufgeladene Symbolwirkung. Jetzt wird der Papst Nägel mit Köpfen machen und zumindest in der Abgeschiedenheit des Urwaldes Reformexperimente wagen, die sich über kurz oder lang in der ganzen Kirche entfalten könnten. Während viele Europäer mit spanungsvoller Hoffnung auf die Synode blickten, sahen vor allem in den USA nicht wenige konservative Katholiken bereits die Spaltung der Kirche kommen.


Dass sich die Synode selbst viel weniger mit den Reizthemen Aufhebung des Zölibats und Zulassung von Frauen zum Weiheamt befasste, als die Schlagzeilen und Kommentare dies in Nordamerika und Europa signalisierten, hatten wohl nur wenige im Blick.


Vor allem ging es um die Fragen von sozialer Gerechtigkeit und Umweltschutz, um den Zusammenhang von Ökologie und Ökonomie. Es ging um die Frage nach der indigenen Kultur, um deren Wertschätzung und deren vertiefte Aufnahme in die Liturgie und Spiritualität der dortigen Ortskirche. Es ging darum Nachfolgemodelle zu finden, um die Arbeit der in die Jahre gekommenen Basisgemeinden fortzuführen. Es ging um die Frage der Anerkennung von weiblichen Gemeindeleiterinnen, der Bildung und Ausbildung der Menschen und der pastoralen Mitarbeiter vor Ort. In diesem ganzen Kontext wurde dann eben auch – aber nicht vorrangig – über den Zölibat und die Frauenordination gesprochen.


Das eigentlich herausragende Thema war die Frage nach der Inkulturation des Christentums in die indigene Kultur. Zum Symbolbild der Synode wurden daher ganz zu Recht die „Pachamama“-Figuren. Bei diesen Figuren handelt es sich um zwei nackte schwangere Frauen, die in einem christlichen Sinn als Maria und Elisabeth gedeutet werden könnten, aber ebenso als pagane Darstellungen von Mutter Erde. Zunächst waren die Figuren Teil einer indigenen Zeremonie an der auch Papst Franziskus teilgenommen hatte, daraufhin wurden sie während der Synode in der Kirche Santa Maria in Traspontina in Rom vor einem Altar aufgestellt. Einige junge europäische Christen haben dies nicht ausgehalten, die Figuren entwendet und in den Tiber geworfen.


Damit stellte sich die brisante Frage, in wieweit das in europäischer Kultur verankerte Christentum auch die Gestalt anderer Kulturen annehmen kann, beziehungsweise inwieweit es überhaupt das Recht hat, deren kulturelle Überlieferungen für sich zu vereinnahmen.


Nun lag es am Papst, die hier aufgeworfenen Themen und Fragen zu ordnen, zu gewichten und in einem nachsynodalen Schreiben zu entfalten, womit er zugleich auch eine Standortbestimmung des Katholizismus in unserer Zeit liefern würde.


Mit Querida Amazonia hat Papst Franziskus dies im Februar 2020 dann auch tatsächlich vorgelegt und seine Vision eines heutigen Katholizismus, nicht nur in Amazonien, ausgebreitet. Nur wenige Stunden nach Veröffentlichung des Textes waren sich die deutschsprachigen Medienkommentatoren weitgehend einig darin, dass der Text für jeden reformgesinnten Katholiken eine Enttäuschung sei und damit auch für den synodalen Weg in Deutschland nicht mehr viel zu erwarten bliebe.


Doch welche Vision des Papstes schält sich für die Kirche der Gegenwart bei genauerer Lektüre des Textes tatsächlich heraus?


1. Eine missionarische, an den Armen orientierte Kirche


Ausgangspunkt für den Papst ist zunächst nicht die soziologische Gestalt der Kirche, ihre Dienste, Ämter und Strukturen. Es geht ihm nicht darum, wo wie viele Menschen zu versorgen sind, woher die Mittel dazu stammen, oder wo die Versäumnisse und Missstände der vergangenen Jahrzehnte liegen. Der Papst setzt auf einer ganz anderen Ebene an. Am Anfang der Reflektion über die Kirche steht bei ihm die Option des Glaubens. Wir haben das Evangelium empfangen, leben in Freundschaft mit Jesus, identifizieren uns mit seiner Botschaft und sind verpflichtet diese weiterzugeben. „Weh mir, wenn ich das Evangelium nicht verkünde!“ (1 Kor 9,16).


Die Option des Glaubens ist, laut Franziskus, dann richtig verstanden und wahrhaftig umgesetzt, wenn es eine Option für die Ärmsten und Vergessenen ist. Die Kirche hat an der Seite der Armen zu stehen und sie von ihrem materiellen Elend zu befreien und ihre Rechte zu verteidigen. Gleichzeitig besteht ihr Auftrag aber auch darin die Menschen zur Freundschaft mit dem Herrn einzuladen, der ihnen weiterhilft und Würde verleiht. Die Option des Glaubens und die Option für die Armen müssen also Hand in Hand gehen und dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden.


Es wäre traurig, wenn sie von uns nur eine Sammlung von Lehrsätzen oder Moralvorschriften erhielten, aber nicht die große Heilsbotschaft, jenen missionarischen Ruf, der zu Herzen geht und allem einen Sinn verleiht. Wir können uns auch nicht mit einer sozialen Botschaft zufriedengeben. Wenn wir uns mit unserem Leben für sie einsetzen, für die Gerechtigkeit und die Würde, die sie verdienen, können wir nicht vor ihnen verbergen, dass wir dies tun, weil wir in ihnen Christus erkennen und weil uns bewusst geworden ist, welch große Würde Gott, der Vater, der sie unendlich liebt, ihnen verleiht.


Die Menschen haben ein Recht auf die Verkündigung des Evangeliums, besonders auf jene grundlegende Verkündigung, die als Kerygma bezeichnet wird und die die hauptsächliche Verkündigung ist, die man immer wieder auf verschiedene Weisen neu hören muss und die man in der einen oder anderen Form immer wieder verkünden muss.


Es ist die Verkündigung eines Gottes, der jeden Menschen unendlich liebt und der uns diese Liebe vollkommen in Christus geoffenbart hat, der für uns gekreuzigt wurde und als der Auferstandene in unserem Leben gegenwärtig ist.

Ohne diese leidenschaftliche Verkündigung würde jede kirchliche Struktur nur zu einer weiteren NGO werden, und wir würden damit auch nicht der Weisung Jesu Christi entsprechen, die da lautet: „Geht hinaus in die ganze Welt und verkündet das Evangelium der ganzen Schöpfung!“ (Mk 16,15).


2. Eine auf die Menschen hörende, zum Dialog bereite, vielgestaltige Kirche authentischer Tradition


Die Kirche setzt sich stets von Neuem mit ihrer eigenen Identität auseinander, indem sie auf die Menschen, die Wirklichkeiten und die Geschichten des jeweiligen Gebietes hört und mit ihnen in einen Dialog tritt. So wird sich mehr und mehr ein notwendiger Prozess der Inkulturation entwickeln, der nichts von dem Guten, das in den Kulturen bereits existiert, außer Acht lässt, sondern es aufnimmt und im Lichte des Evangeliums zur Vollendung führt.


Die Kirche hat ein vielgestaltiges Gesicht nicht nur aus einer räumlichen Perspektive, sondern auch aus ihrer zeitlichen Wirklichkeit heraus. Dies ist die authentische Tradition der Kirche, die keine statische Ablagerung oder ein Museumsstück ist, sondern die Wurzel eines wachsenden Baumes. Die Jahrtausende alte Tradition bezeugt das Wirken Gottes in seinem Volk und hat die Aufgabe, „das Feuer am Leben zu erhalten, statt lediglich die Asche zu bewahren“


Der heilige Johannes Paul II. lehrte, dass die Kirche mit ihrem Zeugnis des Evangeliums nicht beabsichtigt die Autonomie der Kultur zu verneinen. Ganz im Gegenteil, sie achtet sie hoch, denn die Kultur ist nicht nur Gegenstand der Erlösung und Erhöhung, sondern kann auch Mittlerin und Mitarbeiterin sein. In seiner Ansprache an die Bevölkerung des amerikanischen Kontinents erinnerte er daran, dass ein Glaube, der nicht zur Kultur wird, ein Glaube ist, der nicht vollständig angenommen, nicht vollständig durchdacht und nicht treu gelebt wird. Die von den Kulturen ausgehenden Herausforderungen laden die Kirche zur Haltung eines wachen kritischen Geistes, aber auch eines vertrauensvollen Verständnisses ein. Die Glaubens-verkündigung und die jeweilige Kultur gehen eine Synthese miteinander ein, befruchten sich gegenseitig und schenken der Kirche stets ein neues Gesicht.


Aus diesem Grund verfügt das Christentum, wie wir in der Geschichte der Kirche sehen können, nicht über ein einziges kulturelles Modell, und es würde der Logik der Inkarnation nicht gerecht, an ein monokulturelles und eintöniges Christentum zu denken. Die Gefahr für die Verkündiger des Evangeliums, die neu an einen Ort kommen, besteht jedoch darin, zu glauben, dass sie nicht nur das Evangelium, sondern auch die Kultur, in der sie selbst aufgewachsen sind, vermitteln müssen, wobei sie vergessen, dass es nicht darum geht, eine bestimmte Kulturform durchsetzen zu wollen, so schön und alt sie auch sein mag. Es ist notwendig, die Neuheit des Geistes mutig anzunehmen, der fähig ist, mit dem unerschöpflichen Schatz Jesu Christi immer etwas Neues zu schaffen, denn die Inkulturation verpflichtet die Kirche zu einem schwierigen, aber notwendigen Weg.

Obwohl diese Prozesse immer langwierig sind, lähmt uns manchmal zu sehr die Angst, und wir enden als Beobachter einer sterilen Stagnation der Kirche. Lasst uns furchtlos sein, stutzen wir dem Heiligen Geist nicht die Flügel.


Unsere, von einem beängstigenden Konsumdenken, geprägte Kultur kennt das Phänomen urbaner Vereinsamung. Als Gegenmittel kann das Instrument der Nächstenliebe dienen, in dem die Gemeinden nicht nur für ihren eigenen Bereich missionarisch tätig sind, sondern auch die Armen aufnehmen, die vom Elend getrieben zu ihnen kommen. Ein solches kirchliches Wirken aus Nächstenliebe spielt innerhalb eines Inkulturationsprozesses eine wichtige Rolle. Denn vom Kern des Evangeliums her erkennen wir die enge Verbindung zwischen Evangelisierung und menschlicher Förderung und das bedeutet für die christlichen Gemeinschaften auch ein klares Engagement für das Reich der Gerechtigkeit durch eine Förderung derer, die ins Abseits geraten sind. Dazu ist eine angemessene Unterweisung der pastoral Tätigen in der Soziallehre der Kirche äußerst wichtig.


3. Die missionarische Kirche begegnet den Esoterikern, dem Volksglauben und dem Aberglauben und hat den Weizen vom Unkraut behutsam zu trennen.


Wir sollten nicht vorschnell einige religiöse Ausdrucksformen, die sich spontan aus dem Leben der Menschen ergeben, als Aberglaube oder Heidentum bezeichnen. Vielmehr gilt es den Weizen zu erkennen, der inmitten des Unkrautes wächst, denn in der Volksfrömmigkeit kann man die Art und Weise wahrnehmen, wie der empfangene Glaube in einer Kultur Gestalt angenommen hat und ständig weitergegeben wird.


Es ist möglich, sich in irgendeiner Weise auf ein Symbol zu beziehen, ohne dass man es notwendigerweise als Götzendienst betrachten müsste. Ein Mythos von spirituellem Sinngehalt kann aufgegriffen und muss nicht immer als heidnischer Irrtum angesehen werden. Einige religiöse Feste enthalten eine sakrale Bedeutung und sind Gelegenheiten des Zusammenkommens und der Brüderlichkeit, auch wenn eventuell ein langsamer Reinigungs- oder Reifungsprozess erforderlich ist. Ein echter Missionar befasst sich damit, die berechtigten Anliegen hinter diesen religiösen Ausdrucksweisen zu entdecken, die manchmal unvollkommen und bruchstückhaft sind oder Irrtümer enthalten, und versucht, aus einer inkulturierten Spiritualität heraus darauf eine Antwort zu finden.


4. Die christliche Spiritualität, geerdet, lebensnah und barmherzig.


Dies wird zweifelsohne eine Spiritualität sein, die ausgerichtet ist auf den einen Gott und Herrn. Zugleich soll sie aber auch fähig sein, mit den alltäglichen Bedürfnissen der Menschen in Kontakt zu kommen, die ein würdiges Leben suchen, die sich an den schönen Dingen des Lebens erfreuen wollen, die Frieden und Harmonie finden, sowie familiäre Probleme lösen wollen, die Heilung ihrer Krankheiten ersehnen und ihre Kinder glücklich aufwachsen sehen wollen. Die schlimmste Gefährdung für sie wäre es, wenn man sie von der Begegnung mit Christus fernhalten würde, indem man ihn als Feind der Freude oder als jemanden darstellt, der den Wünschen und Ängsten der Menschen gegenüber gleichgültig ist. Heute ist es unerlässlich zu zeigen, dass die Heiligkeit den Menschen nichts an Kraft, Leben oder Freude nimmt.


In der Eucharistie wollte Gott auf dem Höhepunkt des Geheimnisses der Inkarnation durch ein Stückchen Materie in unser Innerstes gelangen. Sie vereint Himmel und Erde, umfasst und durchdringt die gesamte Schöpfung. Aus diesem Grund kann sie eine Motivation hinsichtlich unserer Sorgen um die Umwelt sein und richtet uns darauf aus, Hüter der gesamten Schöpfung zu sein. Wir entfliehen also nicht der Welt, noch verleugnen wir die Natur, wenn wir Gott begegnen möchten. Das erlaubt uns, in der Liturgie viele Elemente der intensiven Naturerfahrung aufzugreifen und eigene Ausdrucksformen in den Liedern, Tänzen, Riten, Gesten und Symbolen anzuregen. Bereits das Zweite Vatikanische Konzil hatte zu einem solchem Bemühen um die Inkulturation der Liturgie aufgerufen, aber es sind mehr als fünfzig Jahre vergangen, und wir sind in dieser Richtung kaum vorangekommen.


Mit dem Sonntag verbindet die christliche Spiritualität den Wert der Ruhe und des Festes. Der Mensch neigt dazu, die kontemplative Ruhe auf den Bereich des Unfruchtbaren und Unnötigen herabzusetzen und vergisst dabei, dass man so dem Werk, das man vollbringt, das Wichtigste nimmt: seinen Sinn. Wir sind berufen, in unser Handeln eine Dimension der Empfänglichkeit und der Unentgeltlichkeit einzubeziehen. Wir wissen um diese Unentgeltlichkeit und gesunde kontemplative Muße. Unsere Feiern sollten uns helfen, diese Erfahrung in der Sonntagsliturgie zu machen und dem Licht des Wortes und der Eucharistie zu begegnen, das unser konkretes Leben erhellt.


Die Sakramente zeigen und vermitteln den nahen Gott, der barmherzig zu seinen Kindern kommt, um sie zu heilen und zu stärken. Sie müssen daher vor allem für die Armen zugänglich sein und dürfen niemals aus finanziellen Gründen verweigert werden. Auch ist angesichts der Armen und Vergessenen kein Platz für eine Disziplin, die ausschließt und entfernt, weil sie auf diese Weise von einer Kirche, die zu einer Zollstation geworden ist, letztlich verworfen werden. Vielmehr gilt: In den schwierigen Situationen, welche die am meisten Bedürftigen erleben, muss die Kirche besonders achtsam sein, um zu verstehen, zu trösten, einzubeziehen, und sie muss vermeiden, diesen Menschen eine Reihe von Vorschriften aufzuerlegen, als seien sie felsenstark. Damit bewirkt man nämlich im Endeffekt, dass sie sich gerade von der Mutter verurteilt und verlassen fühlen, die berufen ist, ihnen die Barmherzigkeit Gottes nahezubringen. Für die Kirche kann die Barmherzigkeit zu einem rein romantischen Ausdruck werden, wenn sie nicht konkret im pastoralen Wirken sichtbar wird.


5. Der priesterliche Dienst


Es ist notwendig, dass der kirchliche Dienst so gestaltet wird, dass er einer größeren Häufigkeit der Eucharistiefeier dient, auch bei den Gemeinschaften, die ganz entlegen und verborgen sind. Die Art und Weise der Gestaltung des Lebens und der Ausübung des Priesteramtes ist nicht monolithisch und nimmt an verschiedenen Orten der Erde unterschiedliche Ausformungen an. Deshalb ist es wichtig, zu bestimmen, was dem Priester in besonderer Weise zukommt, was nicht delegierbar ist. Die Antwort liegt im heiligen Sakrament der Weihe begründet, das ihn Christus, dem Priester, gleichgestaltet. Und die erste Schlussfolgerung ist, dass dieser ausschließliche Charakter, der in den heiligen Weihen empfangen wird, ihn allein befähigt, der Eucharistie vorzustehen. Das ist sein spezifischer, vorrangiger und nicht delegierbarer Auftrag.


Einige meinen, dass das, was den Priester auszeichnet, die Macht ist, die Tatsache, dass er die höchste Autorität innerhalb der Gemeinschaft ist. Aber der heilige Johannes Paul II. erklärte, dass, obwohl das Priestertum als „hierarchisch“ betrachtet wird, dieser Dienst keine Überordnung gegenüber den anderen bedeutet, sondern dass sie völlig auf die Heiligkeit der Glieder des mystischen Leibes Christi ausgerichtet ist. Wenn gesagt wird, dass der Priester „Christus das Haupt“ darstellt, dann bedeutet das vor allem, dass Christus die Quelle der Gnade ist: Er ist das Haupt der Kirche, denn er hat die Kraft, allen Gliedern der Kirche Gnade einzuflößen.


Der Priester ist Zeichen dieses Hauptes, das die Gnade vor allem im Feiern der Eucharistie ausgießt, die Quelle und Höhepunkt allen christlichen Lebens ist. Darin besteht seine große Amtsgewalt, die nur im Weihesakrament empfangen werden kann. Deshalb kann nur er sagen: „Das ist mein Leib“. Auch andere Worte kann nur er sprechen: „Ich spreche dich los von deinen Sünden“. Denn die sakramentale Vergebung steht im Dienst einer würdigen Eucharistiefeier. Diese beiden Sakramente bilden die Mitte seiner exklusiven Identität.


Die Laien können das Wort verkünden, unterrichten, ihre Gemeinschaften organisieren, einige Sakramente feiern, verschiedene Ausdrucksformen für die Volksfrömmigkeit entwickeln und die vielfältigen Gaben, die der Geist über sie ausgießt, entfalten. Aber sie brauchen die Feier der Eucharistie, denn sie baut die Kirche, und daraus folgt, dass die christliche Gemeinde aber nur auferbaut wird, wenn sie Wurzel und Angelpunkt in der Feier der Eucharistie hat. Wenn wir wirklich glauben, dass dies so ist, ist es dringend notwendig zu verhindern, dass den Menschen diese Nahrung des neuen Lebens und des Sakraments der Versöhnung vorenthalten wird.


6. Die Entwicklung dynamischer Gemeinden unter der Leitung von Laien


Andererseits ist die Eucharistie das große Sakrament, das die Einheit der Kirche darstellt und verwirklicht , und sie wird gefeiert, damit wir, die wir weit verstreut leben und einander fremd und gleichgültig sind, vereint und gleichberechtigt zu Freunden werden. Wer der Eucharistie vorsteht, muss Sorge tragen für die Gemeinschaft, die keine verarmte Einheit ist, sondern die vielfältigen Reichtümer an Gaben und Charismen aufnimmt, die der Geist in der Gemeinde ausgießt.


Deshalb erfordert die Eucharistie als Quelle und Höhepunkt, dass dieser vielgestaltige Reichtum entfaltet wird. Priester werden benötigt, dies schließt aber nicht aus, dass für gewöhnlich die ständigen Diakone, die Ordensfrauen und die Laien selbst wichtige Verantwortung für das Wachstum der Gemeinschaften übernehmen und dass sie in der Ausübung dieser Aufgaben dank einer angemessenen Begleitung reifen.


Es geht also nicht nur darum, eine größere Präsenz der geweihten Amtsträger zu ermöglichen, die die Eucharistie feiern können. Dies wäre ein sehr begrenztes Ziel, wenn wir nicht auch versuchen würden, neues Leben in den Gemeinden zu wecken. Wir müssen die Begegnung mit dem Wort und das Wachstum in der Heiligkeit durch verschiedene Laiendienste fördern, was eine biblische, dogmatische, spirituelle und praktische Ausbildung als auch verschiedene Programme zur Fortbildung voraussetzt.


Eine erneuerte Kirche erfordert die stabile Präsenz reifer und mit entsprechenden Vollmachten ausgestatteter Laien-Gemeindeleiter, die die Sprachen, Kulturen, geistlichen Erfahrungen sowie die Lebensweise der jeweiligen Gegend kennen und zugleich Raum lassen für die Vielfalt der Gaben, die der Heilige Geist in uns sät. Denn dort, wo eine besondere Notwendigkeit besteht, hat der Heilige Geist bereits für die Charismen gesorgt, die darauf antworten können. Dies setzt in der Kirche die Fähigkeit voraus, der Kühnheit des Geistes Raum zu geben sowie vertrauensvoll und konkret die Entwicklung einer eigenen kirchlichen Kultur zu ermöglichen, die von Laien geprägt ist. Die Herausforderungen verlangen von der Kirche eine besondere Anstrengung, um eine Präsenz in der Fläche zu erreichen, was nur zu verwirklichen ist, wenn die Laien eine wirksame zentrale Rolle innehaben.


Unsere kirchlichen Planungen können nicht immer stabile Gemeinschaften zum Ziel haben, da es große Mobilität und eine ständige Migration – oft eine Pendelmigration – gibt, die Transhumanz ist als pastorales Problem bisher weder gut verstanden noch angemessen bearbeitet worden. Aus diesem Grund müssen wir an Gruppen von Wandermissionaren denken, und die Ordensfrauen und -männer sollte man dabei unterstützen, sich an die Seite der Ausgeschlossenen und Ärmsten zu begeben, um mit ihnen auf dem Weg zu sein. Andererseits sind hier auch unsere städtischen Gemeinden gefragt, vor allem in den Peripherien einfallsreich und großzügig verschiedene Angebote zur Begleitung und Aufnahme für die Familien und die jungen Menschen, die als Migranten zu ihnen kommen, zu entwickeln.


7. Die Berufung der Frau in der Kirche


Es gibt Orte auf der Welt, an denen sich der Glaube auch ohne Präsenz von Priestern Jahrzehntelang gehalten hat. Dies ist der Präsenz von starken und engagierten Frauen zu verdanken, die, gewiss berufen und angetrieben vom Heiligen Geist, tauften, Katechesen hielten, den Menschen das Beten beibrachten und missionarisch wirkten. Die Frauen hielten die Kirche an diesen Orten mit bewundernswerter Hingabe und leidenschaftlichem Glauben aufrecht.


Dies ist eine Einladung an uns, unseren Blick zu weiten, damit unser Verständnis von Kirche nicht auf funktionale Strukturen reduziert wird. Ein solcher Reduktionismus würde uns zu der Annahme veranlassen, dass den Frauen nur dann ein Status in der Kirche und eine größere Beteiligung eingeräumt würde, wenn sie zu den heiligen Weihen zugelassen würden. Aber eine solche Sichtweise wäre in Wirklichkeit eine Begrenzung der Perspektiven: Sie würde uns auf eine Klerikalisierung der Frauen hinlenken und den großen Wert dessen, was sie schon gegeben haben, schmälern, als auch auf subtile Weise zu einer Verarmung ihres unverzichtbaren Beitrags führen.


Jesus Christus zeigt sich als der Bräutigam der Eucharistie feiernden Gemeinschaft in der Gestalt eines Mannes, der ihr vorsteht als Zeichen des einen Priesters. Dieser Dialog zwischen Bräutigam und Braut, der sich in der Anbetung vollzieht und die Gemeinschaft heiligt, sollte nicht auf einseitige Fragestellungen hinsichtlich der Macht in der Kirche verengt werden. Denn der Herr wollte seine Macht und seine Liebe in zwei menschlichen Gesichtern kundtun: das seines göttlichen menschgewordenen Sohnes und das eines weiblichen Geschöpfes, Maria. Die Frauen leisten ihren Beitrag zur Kirche auf ihre eigene Weise und indem sie die Kraft und Zärtlichkeit der Mutter Maria weitergeben. Auf diese Weise bleiben wir nicht bei einem funktionalen Ansatz stehen, sondern treten ein in die innere Struktur der Kirche. So verstehen wir in der Tiefe, warum sie ohne die Frauen zusammenbricht, so wie viele Gemeinschaften auseinandergefallen wären, wenn es dort keine Frauen gegeben hätte, die sie aufrechterhalten, bewahrt und sich ihrer angenommen hätten. Hier wird sichtbar, was ihre spezifische Macht ist.


Wir müssen die vom Volk geschätzten Fähigkeiten, welche die Frauen so in den Mittelpunkt gerückt haben, weiterhin fördern, auch wenn die Gemeinden heute neuen Gefahren ausgesetzt sind, die es zu anderen Zeiten nicht gab. Die gegenwärtige Situation verlangt, dass wir das Entstehen anderer spezifisch weiblicher Dienste und Charismen anregen, die auf die besonderen Bedürfnisse der Menschen ihres Kulturkreises in diesem Moment der Geschichte reagieren.


In einer synodalen Kirche sollten die Frauen Zugang zu Aufgaben und auch kirchlichen Diensten haben, die nicht die heiligen Weihen erfordern, und es ihnen ermöglichen, ihren eigenen Platz besser zum Ausdruck zu bringen. Es sei daran erinnert, dass ein solcher Dienst Dauerhaftigkeit, öffentliche Anerkennung und eine Beauftragung durch den Bischof voraussetzt. Das bedeutet auch, dass Frauen einen echten und effektiven Einfluss in der Organisation, bei den wichtigsten Entscheidungen und bei der Leitung von Gemeinden haben, ohne dabei jedoch ihren eigenen weiblichen Stil aufzugeben.


8. Konflikte können gelöst werden, indem wir unseren Horizont erweitern


Dies bedeutet keineswegs, Probleme zu relativieren, ihnen auszuweichen oder die Dinge so zu belassen, wie sie sind. Wahre Lösungen werden nie dadurch erreicht, dass man die Kühnheit verwässert, sich vor konkreten Anforderungen drückt oder die Schuld woanders sucht. Im Gegenteil, der Ausweg wird durch ein „Überfließen“ gefunden, indem man über die Dialektik, die die Sicht begrenzt, hinausgeht, um das Größere zu erkennen, das Gott uns schenken will. Aus diesem mutig und engagiert angenommenen Geschenk, aus dieser unerwarteten Gabe, die eine neue und größere Kreativität weckt, werden wie aus einer üppigen Quelle die Antworten fließen, die die Dialektik uns nicht sehen ließ. In seinen Anfängen verbreitete sich der christliche Glaube in bewundernswerter Weise dank dieser Logik; sie ermöglichte es ihm, sich von seinem hebräischen Ursprung her in den griechisch-römischen Kulturen zu inkarnieren und bei seinem Übergang verschiedene Gestalt anzunehmen.


9. Die Kirche ökumenisch weit gedacht.


Wir Katholiken besitzen in der Heiligen Schrift einen Schatz, den andere Religionen nicht annehmen, auch wenn sie manchmal mit Interesse darin lesen und sogar einige ihrer Inhalte schätzen lernen. Wir versuchen etwas Ähnliches zu tun im Blick auf die heiligen Texte anderer Religionen und Religionsgemeinschaften, deren Vorschriften und Lehren nicht selten einen Strahl jener Wahrheit erkennen lassen, die alle Menschen erleuchtet. Wir haben ebenso einen großen Reichtum in den sieben Sakramenten, die einige christliche Gemeinschaften nicht in ihrer Gesamtheit oder im gleichen Sinne annehmen. Wir glauben fest an Jesus als den einzigen Erlöser der Welt, gleichzeitig hegen wir eine tiefe Verehrung für seine Mutter. Obwohl wir wissen, dass dies nicht bei allen christlichen Konfessionen der Fall ist, fühlen wir uns verpflichtet, den Reichtum dieser herzlichen mütterlichen Liebe zu vermitteln, als deren Hüter wir uns fühlen.


All das sollte uns nicht zu Feinden machen. In einem wahren Geist des Dialogs wächst die Fähigkeit, den Sinn dessen zu verstehen, was der andere sagt und tut, auch wenn man es nicht als eigene Überzeugung für sich selbst übernehmen kann. Auf diese Weise wird es möglich, aufrichtig zu sein und das, was wir glauben, nicht zu verbergen, dabei aber doch weiter im Gespräch zu bleiben, Berührungspunkte zu suchen und vor allem gemeinsam für das Wohl der einen Kirche zu arbeiten und zu kämpfen. Die Kraft dessen, was alle Christen eint, ist von unermesslichem Wert. Wir schenken dem, was uns trennt, so viel Aufmerksamkeit, dass wir manchmal das, was uns verbindet, nicht mehr schätzen oder würdigen. Und was uns verbindet, ist das, was es uns möglich macht, in der Welt zu sein, ohne von irdischer Immanenz, geistiger Leere, bequemem Egozentrismus, oder einem konsumorientierten und selbstzerstörerischen Individualismus verschlungen zu werden.


Als Christen sind wir eins im Glauben an Gott, den Vater, der uns das Leben schenkt und uns so sehr liebt. Uns verbindet der Glaube an Jesus Christus, den einzigen Erlöser, der uns mit seinem heiligen Blut und seiner glorreichen Auferstehung befreit hat. Uns eint die Sehnsucht nach seinem Wort, das unsere Schritte leitet. Uns eint das Feuer des Geistes, das uns zur Mission antreibt. Uns verbindet das neue Gebot, das Jesus uns hinterlassen hat, die Suche nach einer Zivilisation der Liebe, die Leidenschaft für das Reich, das mit ihm zu errichten der Herr uns ruft. Uns eint der Kampf für Frieden und Gerechtigkeit. Uns eint die Überzeugung, dass nicht alles mit diesem Leben einmal endet, sondern dass wir zum himmlischen Festmahl berufen sind, wo Gott alle Tränen trocknen und entgegennehmen wird, was wir für die Leidenden getan haben.


All das verbindet uns. Warum sollten wir dann nicht auch gemeinsam kämpfen, gemeinsam beten und Seite an Seite arbeiten, um die Armen zu verteidigen, um das heilige Antlitz des Herrn sichtbar zu machen und uns seiner Schöpfung annehmen?


Soweit die Ausführungen von Papst Franziskus zur Kirche in der Gegenwart. Ich habe seine Aussagen an einigen Stellen gekürzt und in die neun genannten Punkte untergliedert.


In einem zweiten Durchgang möchte ich die Vision des Papstes nun noch einmal prägnant zusammenfassen und sie zur Diskussion stellen:


- Die christliche Gemeinde soll nicht um sich selbst kreisen, sondern eine klare Mission vor Augen haben. Sie ist vom Evangelium her beauftragt zu den Menschen zu gehen, insbesondere zu den Armen und Notleidenden, ihnen hat sie die Person und Botschaft Jesu zu vermitteln.


- Mission kann nur gelingen, wenn die christliche Gemeinde die Sprache der Menschen vor Ort erlernt und ihnen zuhört, in Dialog mit ihnen tritt und konkrete Antworten auf deren Fragen und Probleme gibt. Die Kirche tritt dabei nicht uniform auf, sondern kann viele Gesichter annehmen, ist nicht auf eine bestimmte Kultur festgelegt, stets aber schöpft sie aus ihrer authentischen Tradition.


- Die missionarische Kirche begegnet bei ihrer Arbeit den Esoterikern, dem Volksglauben und dem Aberglauben und hat den Weizen vom Unkraut behutsam zu trennen. Die Missionare dürfen dabei nicht vorschnell urteilen und verwerfen, sondern müssen das Gute und Wahre herausfiltern und fördern.


- In der Gemeinde soll sich eine christliche Spiritualität entfalten, welche der Lebensfreude der Familie dient und diese nicht zerstört. Höhepunkt der Spiritualität ist die Feier der Eucharistie. Zur christlichen Spiritualität gehört es, den Sonntag als Tag der Muße und der Kontemplation zu fördern. Die Gemeinde darf nicht als Zollstation betrieben werden, in welcher den Menschen unerträgliche Lasten aufgebürdet werden, sondern muss ein Ort erlebter, konkreter Barmherzigkeit sein.


- Die Priester dienen der Gemeinde und sind den Laien nicht übergeordnet, sondern ein Bild der Gnadenquelle aus der sie in der Feier der Sakramente schöpfen. Priester sind in der christlichen Gemeinde unersetzlich, da nur sie die Eucharistie feiern und die Sünden vergeben können.


- Laien, Männer wie Frauen, können nicht nur Verantwortung in der Gemeinde übernehmen, sondern diese auch leiten. Wo nötig, taufen, den Religionsunterricht übernehmen, das Wort Gottes verkünden, die Caritas in der Gemeinde organisieren, mit Menschen beten, Wortgottesdiensten und Andachten vorstehen, Tote begraben. Der Bischof kann permanente GemeindeleiterInnen beauftragen. Die dynamische Gemeinde muss nicht als starre und stabile Gemeinschaft gedacht werden, sondern gemäß den Migrationsflüssen des Lebens. Auch wenn die Kultur einer solchen Gemeinde von Laien bestimmt ist, bedarf es in ihr der Priester, die nicht als Fremde, sondern als Team von Wandermissionaren regelmäßig vor Ort präsent sind.


- Ohne Frauen gibt es keine Kirche. Die dynamische Gemeinde darf jedoch nicht auf Ämter, Strukturen und Machtfragen reduziert werden. Würde die Kirche die männlichen Dienste auch auf die Frauen übertragen, so würden auch diese dem zu überwindenden Klerikalismus verfallen. Wie uns Christus und Maria entgegentreten, so haben die Männer den Dienst Christi und die Frauen den mütterlichen Dienst Mariens zu übernehmen. Wenn der Priester der Eucharistie vorsteht und die Frauen aktiv daran teilnehmen, spiegelt die Gemeinde den Dialog von Christus und der Kirche wider, von Braut und Bräutigam. Dies ist das Wesen der Kirche jenseits aller Strukturfragen.


- Konflikte innerhalb der Kirche können besser dadurch gelöst werden, dass man sich nicht auf ein „entweder oder“ begrenzt, sondern die Fragestellung erweitert um dabei zu einer Antwort des „sowohl als auch“ gelangt.


- Die christliche Gemeinde kann sich nicht selbst genügen, sondern ist der Liebe und der Wahrheit verpflichtet mit allen Kirchen zusammenzuarbeiten und damit das heilige Antlitz des Herrn sichtbar zu machen und sich seiner Schöpfung anzunehmen.




Nachträgliche Sprachglättung durch den Vatikan?
Eine Anmerkung von Klaus Mass zu einem kirchenrechtlichen Detail von Bedeutung


Kurz vor Redaktionsschluss fand ich in der katholischen Tagespost den Hinweis, dass der Papst, anders als oben beschrieben, nicht von „mit entsprechenden Vollmachten ausgestatteter Laien-Gemeindeleitern“ gesprochen habe, sondern lediglich von „mit entsprechenden Vollmachten ausgestatteter verantwortlicher Laien“.
Verwundert habe ich nicht nur meinen Text noch einmal angeschaut, sondern auch auf der Seite des Vatikans die offizielle Textfassung. Und tatsächlich „verantwortliche Laien“. Dabei habe ich doch aus dem Wortlaut zitiert. Wie kann das möglich sein? Offensichtlich wurde die deutsche Fassung des Papsttextes nach deren Veröffentlichung noch einmal verändert. Aus Gemeindeleitern waren verantwortliche Laien geworden. In der englischen Textfassung war die Veränderung allerdings nicht eingetreten, hier heißt es nach wie vor: lay-leaders.
Hintergrund der Veränderung ist offenbar ein Streit zwischen dem Befürworter von Laien-Gemeindeleitern Theologie-Professor Michael Böhnke (Wuppertal und Münster), sowie Kardinal Joseph Cordes (Rom), der eine entsprechende Beauftragung ablehnt.
Nun entspringt der Terminus Laien-Gemeindeleiter nicht, wie Karlheinz Menke behauptet, dem Wunschdenken von Michael Böhnke, sondern tatsächlich der ursprünglichen vatikanischen Übersetzung, welche unter: https://www.vaticannews.va/de/papst/news/2020-02/exhortation-querida-amazonia-papst-franziskus-synode-wortlaut.html am 27. März 2020 noch abrufbar war. Hier heißt es Laien-Gemeindeleiter. Im selben Wortlaut haben auch die katholischen Medien Verlagsgruppe Bistumspresse (14.02.); Kirche und Leben (12.02.), wie auch die Nachrichten der Schönstatt-Bewegung (12.2.) berichtet.
Der Professor für Kirchenrecht Thomas Schüller kommentiert in Kirche und Leben wie folgt: Der Papst greift „eine interessante Formulierung des Schlussdokuments der Synodenväter auf. Er bestätigt das, was längst seit Jahrzehnten Realität ist: dass es nämlich Laien als Gemeindeleiterinnen und -leiter gibt. Das sagt er, das sei fortzuführen. Dazu zitiert er in der Fußnote den berühmten Canon 517,2, der im Kirchenrecht die Situation vorsieht, dass es einem Bischof nicht möglich ist, auf längere Zeit einer Pfarrei einen eigenen Pfarrer zu geben. Damit steht im Text des Papstes das, was die Synodenväter aus der Praxis bestätigt haben: dass diese Gemeindeleiter – übrigens ein Begriff, den die Kleruskongregation 1997 verboten hat und den der Papst jetzt erlaubt – predigen und Wortgottesdienste halten dürfen und die seelsorglichen Ansprechpersonen sind. Sie dürfen auch taufen und beerdigen. Eucharistie, Krankensalbung, Sündenvergebung bleiben jedoch dem Priester vorbehalten, der das aber bitteschön nicht als Macht zu verstehen habe. Da kommt dann die bittersüße Metapher des Dienstes – aber das kennen wir ja zu Genüge.“


Die Krise der Kirche als Chance der Erneuerung?
Gedanken von Gerhard Seidler


Wir stehen nun einmal auf den Schultern unserer „Altforderen“, unserer Ahnen, Vorläufer und Vorgänger, gleich wie man diese nun bezeichnen mag. Und eben diese wurden über Jahrhunderte, auf jeden Fall aber seit der Mitte des 19. Jahrhunderts, im Hinblick auf ihren ganz konkreten Glauben systematisch entmachtet. Es war und ist eben nur das wahr, dargelegt in Katechismus und Kirchenrecht, was durch die Autoritäten der Kirche als wahr und recht erkannt und benannt worden ist. Diesem Regelwerk widersprechende ganz persönliche Glaubenserfahrungen und Meinungen sind nicht erwünscht, sind falsch gelten zumindest nicht. So wurden unsere Vorfahren in Glaubensangelegenheiten entmündigt. Man glaubt und traut sich selbst nicht mehr, zieht sich zurück oder emigriert in Gottverlassenheit oder eine andere Konfession. Wenn es denn dort nur besser wäre! Das religiöse Glaubensestablishment diktiert was zu glauben ist. Abweichler haben keine Chance.
Wie es auch anders gehen könnte zeigen die Schriften eines Johannes Duns Scotus oder eines Meister Eckhart. Zugegeben sie haben weit vor unserer Zeit gelebt. Ihr Oeuvre ist aktueller denn je! Kathrin Gallegos Sánchez schreibt in der Herder-Korrespondenz 2/2020: „Die Herrschenden, also jene, die nach geltender Ordnung legitimiert den Glauben auslegen und über die Glaubensauslegung entscheiden, haben ihre Herrschaftsmacht dazu genutzt, die Wirkmöglichkeit jener zu beschränken, die ihren Glauben verstehen und leben wollen.“ Wer sich dabei auf sein Gewissen und die Freiheit desselbigen beruft ist trotz anderslautenden Beteuerungen der Sanktionsgewalt der Kirche ausgeliefert. Oder er/sie geht!
Doch heute, im Jetzt, finden sich auch die scheinbar Herrschenden als machtlose Gestalten. Sie herrschen über potemkinsche Dörfer! Wer verinnerlicht die Verlautbarungen des „Heiligen Stuhls“? Wer befolgt moralinsaure Anordnungen des Vatikans oder bischöflichen Schreiben zu Fragen des alltäglichen Lebens? Wer befolgt die auf kirchenrechtlichem Mist gewachsenen Erlasse zur Kommunion von Wiederverheirateten, zur Segnung von Paaren, die nicht mehr römisch-katholisch heiraten dürfen? Wer lauscht andächtig den Hirtenworten der Bischöfe? Wer nimmt die barock gewandete Panoptikums-Gestalten – einen Müller, Gänswein, Sarah, Burke, Brandmüller, Voderholzer, einen papalen Ratzinger ... noch ernst, außer man heißt Gloria und ist eine von Thurn und Taxis? Kein Woelki ist am Himmel. Auch der Reformer vom „Ende der Welt“, Franziskus, tut sich schwer. Ist seine Botschaft mehr Fisch denn Fleisch oder gleich vegan?
Ich spare mir die anderen selbstzerstörerischen Gebaren und systemimmanenten Ge- und Verbote und „Katechismuswahrheiten“ aufzulisten. Jeder kennt sie zur Genüge. Gilt es nicht endlich SEINE BOTSCHAFT, ich meine die von Jesus dem Christus, wirklich ernst zu nehmen und zu vergegenwärtigen - ohne dogmatisch - ekklesiogenes Machtgebaren und Unfehlbarkeitsgelüsten? Wie unlauter und verwerflich ist es, dieses Machtgeflecht in seinem ganzen Ausmaß jesuanisch zu begründen! Man suche sich ein Thema aus und siehe da, was ich gesagt habe stimmt. Wo bleiben Herzensgüte und Barmherzigkeit? Aber lassen wir das.
„Gegen das Desaster einer glaubensschwächelnden Kirche und Gesellschaft kann durchaus etwas unternommen werden – wenn man es denn wirklich will. Nachzudenken wäre über eine Kirchenentwicklung im Sinne einer Wieder-Ermächtigung aller Gläubigen. Es gilt wieder zu entdecken, dass die Glaubensverkündigung in der Macht und der Kompetenz (!) aller Gläubigen steht und nicht bloß den Herrschenden zu überlassen ist.“ So Frau Gallegos Sánchez. Und weiter schreibt sie: „Es geht darum, Gott wieder eine größere Rolle einzuräumen, seinem Willen mehr Raum zu geben – nur eben anders, als es von jenen, die Herrschaft inne haben, bislang konzipiert worden ist. Gottes Wille und Wirkmacht kann eben auch zum Ausdruck kommen, in Eloquenz, Wissen, Charisma oder in den Erkenntnissen von Sozial-, Natur- und Humanwissenschaften. Er könnte wieder mehr Wirkmacht durch jene entfalten, die im Vertrauen auf Gottes Begeisterung wirken.“
Unschwer ist der „Römische“ Hintergrund, der bislang gemachten Ausführungen zu erkennen. Doch sind auch synodalverfasste Glaubensgemeinschaften, also die Familie der altkatholischen Kirchen sowie das jüngste Pflänzchen in diesem „notkirchlichen“ Konglomerat, eben unsere kleine Christ-Katholische Kirche, damit unmittelbar angesprochen. Es geht auch um uns, um unser Kirchenverständnis.
Kirchliche Re-formen (also ein Wieder-in-Form-bringen) scheitern, so zeigen es die „Würzburger Synode“, unzähligen römischen Bischofssynoden und sonstigen Aufbrüche, die das gemeinsam auf dem Weg zu sein betonen, am Schweigen Roms, an der scheinbaren Unvereinbarkeit mit kirchlichem Recht, dem Ablenken auf „Nebenkriegsschauplätze“. Und dabei scheint die Amtsfrage eine besonders sperrige Angelegenheit zu sein. „Festzuhalten“ ist zunächst der altkirchliche Kernsatz, dass die „Kahal“, die „heilige Gemeinde“, die Versammlung der Christgläubigen, eben schon seit früher Zeit wohl einen benötigte, der für eine gewisse Ordnung und Außenvertretung wahrnahm: den „Episkopus“ (Aufseher, Hüter und Schützer), der für die ihm anvertraute Herde verantwortlich ist. In alter Zeit wurde er durch diese gewählt! Ohne „Herde kein Hirt“ und umgekehrt gilt dann ebenso: „Ohne Hirt keine Herde“, die mit anderen gleichgesinnten Gemeinden im Austausch und in eucharistischer Gemeinschaft steht. ...
In ihm, dem Bischof, ist mittlerweile die geistige, die administrative und rechtsprechende Leitungsgewalt gebündelt. Ob das „schon immer“ so war und ob das unbedingt sein muss? Nicht umsonst steht hier ein Fragezeichen. Ist es nicht „vernünftiger“ und auch hilfreicher die genannten drei Bereiche aufzuteilen? Irgendwie hat das alles mit der sogenannten „Amtsfrage“, einer schwierigen und sperrigen Angelegenheit, zu tun. Unzählige Texte sind darüber geschrieben worden. Jetzt kommen noch ein paar Überlegungen dazu. Eigentlich müssen wir nur im Schatz der Tradition stöbern, das aufgefundene abstauben und in unsere Zeit übertragen. Da findet man u.a., dass alle Getauften Anteil am dreifachen Amt Jesu Christi haben. Sie sind, wie es bei der Taufe formuliert wird, gesalbt zum Priester, König und Propheten. Sie tragen das weiße Kleid Christi, sie handeln in seiner Person. Ihre Taufkerze wird an der Osterkerze entzündet, so tragen sie das Licht des auferweckten in die Welt. Im Effata-Ritus werden ihnen Ohren und Mund geöffnet, um das Amt, das ihnen übertragen ist, auch ausführen können. Eigentlich hat das letzte Konzil unserer römischen Glaubensgeschwister den Klerikalismus schon überwunden. Unter Berufung auf oben erwähnte Taufformel hat es in seiner dogmatischen Konstitution „Licht der Völker“ die Unterscheidung zwischen dem geistlichen Stand und den Laien aufgehoben (Lumen Gentium 31). Das meint nach Thomas Ruster, Professor für Katholische Theologie an der TU Dortmund, wenn er schreibt, dass priesterliches Heilen, prophetisches Lehren und königliches Leiten Tätigkeiten sind, die alle Getauften ausüben können. Eine Frage bleibt: wer übt diese Ämter öffentlich aus, das heißt laut der Liturgie-Konstitution „vor der himmlischen und irdischen Öffentlichkeit im Namen der Kirche“? Dazu bedarf es einer Beauftragung. Daraus ergibt sich eine (über-)lebensfähige feiernde Gemeinde vor Ort. Ruster schlägt nun vor, diese Vorgabe des Konzils endlich umzusetzen. Die drei Ämter werden auf verschiedene Personen aufgeteilt. Wir folgen damit dem Erfahrungsschatz des biblischen Israels. Gott hat sein Volk durch Könige, Priester und Propheten geleitet. Das ist sozusagen Gewaltenteilung im Alten Testament. Es gibt genügend Beispiele wie klug das war. Übersteigerungen der Macht traten immer wieder die beiden anderen entgegen. Die Ämter rieben sich aneinander und mussten gemeinsame Lösungen finden. Es wird ein spannendes Unterfangen sein, in den Gemeinden Charismen aufzuspüren, die jemand für das priesterliche Heilen und Heiligen, das prophetische Verkündigen und das
königliche Leiten hat. Diese Ämter in der Gemeinde sollten zeitlich befristet sein und der Bischof ordiniert die ihm vorgeschlagenen Kandidaten, nachdem er ihre Eignung geprüft hat. „Nichts spricht dagegen und sehr viel spricht dafür, diese Ämter auch getrennt zu übertragen.“ Die Gemeinde als Gemeinschaft der Berufenen spricht Berufungen aus. Sie folgt damit dem Vorbild Gottes, der die Welt, so erzählt es die Bibel, dadurch regiert, dass er bestimmte Menschen in eine Aufgabe für andere beruft. Folgt man diesen Vorgaben, dann haben sich viele der aktuellen strittigen Fragen, die vor allem die römisch-katholische Welt bewegen, von selbst erledigt. „Das lateinische Wort für „Amt“ lautet übrigens „munus“. Es wird immer dann ausgesprochen, wenn man sagt, Kirche sei commuino. Wörtlich meint dies: „im Amt“ oder besser, „in den Ämtern vereint zu sein“ und nicht einfach „Gemeinschaft“, wie oft verkürzend
gesagt wird. Es sind die Ämter Jesu Christi, mit denen er heute wirken will. Durch eine Kirche,
die an den Ämtern teilhat. Es ist an der Zeit das Wort „com-munio“ richtig zu übersetzen – und so Kirche zu sein.“

Quellen:
Herder Korrespondenz 2/2020, S. 43ff.
Thomas Ruster, Balance of Power, Verlag Friedrich Pustet, Regensburg 2019.


Die altkatholische Kirche des Vereinigten Königreichs
The Old Catholic Church of UK


Die Geschichte der Altkatholiken in Großbritannien geht auf Bischof Arnold Mathew zurück, welcher 1908 durch die Bischöfe der Utrechter Union zum Missionsbischof für das Vereinigte Königreich konsekriert wurde. Bekanntermaßen entzweite sich Bischof Mathew mit den altkatholischen Bischöfen und wurde auch zu einem Stolperstein der Annäherung zwischen der Utrechter Union und den Anglikanern (siehe Ad Fontes International 4/2018). Inhaltlich warf Mathew seinen Amtsbrüdern vor, sich mehr und mehr von der römisch-katholischen Kirche zu entfernen und damit Verrat an der Ursprungsintention der altkatholischen Bewegung zu nehmen. Er wollte schlicht katholisch bleiben, katholisch, aber nicht römisch, katholisch, auch in einer ökumenisch großen Nähe zur Orthodoxie. Nach dem plötzlichen Tod Mathews 1919 zerfiel seine Bewegung in die Alt-Römisch Katholische Kirche, sowie in die Liberalkatholische Kirche. Von ihm ausgesandte Missionsbischöfe trugen wesentlich zum Aufbau der Altkatholischen Kirche in den USA bei, von hier aus kam es gut hundert Jahre nach Mathew zu einer Neubelebung seiner Missionsarbeit in Großbritannien.

An die altkatholische Tradition Englands anknüpfend

Ehemalige anglikanische Geistliche versuchen seit 2009 die von Arnold Mathew gegründete altkatholische Kirche im Vereinigten Königreich neu zu beleben. Das Zentrum dieser kleinen englischen Kirche, mit aktuell vier Geistlichen, ein fünfter kommt in den nächsten Monaten aus den Philippinen zurück, liegt im Städtedreieck Manchester – Liverpool – Birmingham.
Neben einer großen Kathedrale, der ehemaligen Dominikanerklosterkirche St. Thomas, gibt es mehrere kleine Hauskapellen, in welchen die Geistlichen regelmäßig, zum Teil auch täglich, die Eucharistie feiern. Zu entsprechenden Anlässen können auch röm.-kath. Gotteshäuser genutzt werden. Der Schwerpunkt der Seelsorge liegt in der Kranken- und Altenseelsorge und somit auch im Beerdigungsdienst. Taufen, Kommunionen, Firmungen und Hochzeiten kommen allerdings bedeutend seltener vor. An einigen Orten ist die Feier der Eucharistie regelmäßig mit Krankensalbungen verbunden.
Die Kathedralkirche wurde bis Anfang der Zweitausender Jahre als Dominikanerkloster mit angeschlossener Schule geführt. Vor Ort hat es offenbar auch Missbrauchsfälle gegeben, die zur Schließung der Schule führten. Das gesamte Gelände einschließlich der Kirche wurde an einen privaten Investor verkauft, welcher die Anlage heute als Altenheim betreibt. Die Kirche wird seitdem durch die altkatholische Kirche im Vereinigten Königreich betreut.


Ein reiches liturgisches Leben


In den vergangenen zehn Jahren hat die Kirche einen kompletten Satz an liturgischen Büchern herausgegeben. Es liegen ein Messbuch, ein Lektionar, ein Rituale, sowie ein Gebetbuch vor.
Grundlage der Liturgie ist die durch Arnold Mathew herausgegebene englische Übersetzung der Tridentinischen Messe, dabei sind die Altkatholiken allerdings nicht stehengeblieben. So wurden wichtige liturgische Reformen des zwanzigsten Jahrhunderts eingefügt. Im Credo wurde das Filioque gestrichen, Fürbitten (das Allgemeine Gebet) eingefügt, der Friedensgruß an das Ende des Wortgottesdienstes gesetzt, die Epiklese wird ausdrücklich betont, die Eucharistie unter beiderlei Gestalten gereicht, wobei die Gläubigen nach Möglichkeit auch tatsächlich aus dem Kelch trinken sollen. Andererseits wurde allerdings auch die Grundstruktur der tridentinischen Messe, mit ihren Verneigungen, Kreuzzeichen und Elevationen beibehalten, sowie der Name des römischen Bischofs eingefügt. Am Ende der Eucharistiefeier erfolgt ein Mariengruß, je nach Jahreszeit mit dem Angelus oder dem Regina Coeli. Das Lektionar folgt der aktuellen röm.-kath. Leseordnung im drei-Jahres-Zyklus, wobei allerdings nicht zwei, sondern lediglich eine Lesung vorgetragen wird. Diese Regelung erfolgt leider meistens zu Lasten der alttestamentlichen Lesungen. Im Rituale sind die niederen Weihen beibehalten worden, die Ordinationen zum Diakon, Priester und Bischof erfolgen weitgehend nach dem aktuellen römisch-katholischen Pontifikale.
Neben der Feier der Eucharistie werden regelmäßig auch eucharistische Anbetungen angeboten, darüber hinaus gibt es ein eigenes Gebetbuch mit Modellen für Laudes und Vesper.
Neben den üblichen Heiligengedenktagen gibt es eigene Formulare zum Gedenken an die Bischöfe Arnold Mathew und Carlos Durate Costa, womit einerseits die spirituelle Ausrichtung der Kirche und andererseits auch ihre apostolische Sukzession ablesbar ist.
Das eindeutig katholische Profil der Gemeinschaft zeigt sich auch an mehreren Romwallfahrten, welche in den vergangenen Jahren unternommen wurden. Darüber hinaus verfügt die Kirche über zwei kleine geistliche Gemeinschaften, einmal eine benediktinische Gemeinschaft für Männer und zum anderen eine franziskanische Gemeinschaft für Frauen.
Die Kirche ist nicht auf England begrenzt, sondern steht in Verbindung mit zahlreichen altkatholischen Gemeinden in Nord- und Südamerika, in Afrika, sowie in Asien. Besonders interessant dürfte die altkatholische Mission in Pakistan sein. Ein einheimischer, ehemals anglikanischer Geistlicher hat hier eine Schule aufgebaut, um die herum er christliche Missionsarbeit leistet.
Seit 2020 steht die altkatholische Kirche des Vereinigtem Königreichs in Interkommunion mit der Christ-Katholischen Kirche in Deutschland. Die Zukunft der kleinen englischen Kirche wird wesentlich davon abhängen, ob es ihr gelingen wird, junge und qualifizierte Geistliche und Gläubige zu finden, die das begonnene Werk auch in der nächsten Generation weiterführen werden.


Impressum:
Redaktion: Klaus Mass, Kapellenstraße 7, 85254 Einsbach, pfarramt-christ-katholisch@web.de
Namentlich gekennzeichnete Artikel müssen nicht unbedingt die Lehrmeinung der Kirche wiedergeben.
Leserbriefe sind stets erwünscht.



Nachrichten aus der Ökumene

Einheit der Evangelisch-Methodistischen Kirche zerfällt


Der lange Streit in der methodistischen Kirche um die Homosexualität könnte ein Ende finden. Die Kirche steht vor einer Teilung, aber sie könnte geordnet ablaufen.
In die Auseinandersetzung angesichts der strittigen Fragen zur Homosexualität innerhalb der weltweiten Evangelisch-methodistischen Kirche (EmK) ist Bewegung gekommen. Eine international besetzte Arbeitsgruppe veröffentlichte jetzt mit Befürwortung durch den Bischofsrat einen Vorschlag, der eine respektvolle Teilung der weltweiten Kirche beinhaltet.
Diesem Vorschlag waren Gespräche vorausgegangen, an denen Vertreter der Kirche von innerhalb und außerhalb der Vereinigten Staaten beteiligt waren. Auch Meinungsführer der meisten Gruppierungen mit weit auseinanderliegenden Überzeugungen waren einbezogen. Die einstimmige Einigung auf einen gemeinsamen Vorschlag ist das Besondere in dieser Situation. Zugleich soll dieser Vorschlag alle anderen bisher vorliegenden Trennungspläne ersetzen. Er wird den Delegierten der im Mai in Minneapolis im US-Bundesstaat Minnesota tagenden Generalkonferenz zur Beschlussfassung vorgelegt.
Zentral für den jetzt vorgelegten Vorschlag ist der Fortbestand der weltweiten Evangelisch-methodistischen Kirche (United Methodist Church) als einer Kirche, in der es weiterhin Platz für verschiedene Frömmigkeitsausprägungen und Überzeugungen geben wird. Hinsichtlich der Segnung gleichgeschlechtlicher Paare und der Ordination Homosexueller wird sich die bestehende Kirche öffnen, ohne dass diese Neuausrichtung für alle Teile der bestehenden Kirche umgesetzt werden müsste. Zugleich ist die Bildung einer neuen, traditionell orientierten methodistischen Kirche vorgesehen. Diese wird sich von der Evangelisch-methodistischen Kirche trennen und eigenständig strukturieren.
Jeder Teil der Kirche könne so „seinem theologischen Verständnis treu bleiben und gleichzeitig die Würde, Gleichheit, Integrität und den Respekt gegenüber jeder Person bewahren“.


Früherer Hauskaplan der Queen ist katholisch


Bis 2017 war Gavin Ashenden der Hauskaplan von Königin Elisabeth II. Des Öfteren sorgte er mit kritischen Aussagen gegenüber der anglikanischen Kirche für Schlagzeilen. Jetzt wählt der 65-Jährige einen anderen Glaubensweg.
Der ehemalige anglikanische Hauskaplan von König Elisabeth II., Gavin Ashenden, ist bereits im Advent vergangenen Jahres zum Katholizismus konvertiert. Die anglikanische Kirche habe „einen Zusammenbruch ihrer inneren Integrität" erlebt, weil sie sich „vom Abstieg in eine säkulare Gesellschaft" und von der postchristlichen Kultur habe „verschlucken lassen", begründete Ashenden seine Entscheidung.
Ashenden hatte 2017 Schlagzeilen gemacht, als er sich öffentlich gegen die Lektüre eines Kapitels des Korans in der anglikanischen Kathedrale von Glasgow ausgesprochen hatte. Er trat im selben Jahr von seinem Posten als "Kaplan Ihrer Majestät" zurück, den er seit 2008 innehatte. Angesichts der zunehmenden Liberalisierung der Kirche von England fühle er sich, als Vertreter traditioneller Werte zusehends "marginalisiert" und "ausgebuht".
Im selben Jahr wechselte er von der Church of England in die Christian Episcopal Church, einer nicht mit dem Erzbischof von Canterbury in Gemeinschaft stehenden kleinen anglikanischen Kirche in Amerika. Hier wurde er zum Missionsbischof für Europa geweiht. Nachdem dieser Missionsversuch offensichtlich fruchtlos geblieben ist, trat er schließlich der römisch-katholischen Kirche bei.


Internationaler Altkatholizismus
Nordisch-Katholische Kirche hat einen neuen Bischof erwählt


Die Nordisch-Katholische Kirche hat den langjährigen Generalvikar für Skandinavien Pfarrer Ottar Myrseth (69) zum Bischof erwählt. Die Bischofsweihe soll aufgrund der Coronakrise voraussichtlich erst am 13. September in Scranton (USA) stattfinden. Er wird im Amt dem bisherigen Bischof Roald Flemestad (77) folgen, welcher diesen Dienst seit 2011 ausgeübt hat. Flemestad wird jedoch nicht in den Ruhestand treten, sondern sich auch weiterhin um die europäischen Auslandsmissionen der NKK bemühen.

Leserbrief
Leserzuschrift zum 3. Teil der Serie "Einführung in die katholische Soziallehre" in "Ad Fontes - International, 01/2020.

Christliche Soziallehre in der Praxis


Innerhalb der christlichen Kirchen nimmt die Soziallehre, die sich allerdings nicht nur auf die reine Caritas bzw. Diakonie bezieht, einen großen Raum ein. Bezüglich der Römisch - Katholischen Kirche haben sich dazu besonders die Päpste Leo XIII. mit der Enzyklika "Rerum Novarum" und Pius X!. mit der Enzyklika "Quadragesimo anno" grundlegend geäußert. Sehr profilierte Vertreter eines "Sozialen Katholizismus" waren auch u.a. Gesellenvater Adolf Kolping, der Mainzer Bischof Wilhelm Emanuel von Ketteler sowie aus jüngerer Zeit der Jesuitenpater Oswald von Nell - Breuning, der den Sozialismus als unvereinbar mit der katholischen Soziallehre hält.
Doch wie sah und sieht es mit der Verwirklichung der katholischen bzw. christlichen Soziallehre in der Praxis aus? Wenn man ehrlich sein will: Es könnte etwas besser sein!
In der Weimarer Republik hatten die Katholische Arbeiter-Bewegung, die Kolping-Gesellenvereine und vor allem die christlichen Gewerkschaften mit ihrem Vorsitzenden und Reichstagsabgeordneten sowie späteren Reichsarbeitsministers Adam Stegerwald starken Einfluss auf die staatliche Sozialpolitik. Sie konnten sich auf die römisch - katholisch orientierte Deutsche Zentrumspartei sowie die ebenfalls römisch - katholische Bayerische Volkspartei stützen. Auch der frühere Reichskanzler Dr. Heinrich Brüning von der Zentrumspartei stand den christlichen Gewerkschaften als deren Geschäftsführer von 1920 bis 1930 sehr nahe und war ein entschiedener Befürworter einer katholischen bzw. christlichen Sozialpolitik.
Der katholisch - soziale Einfluss auf die staatliche Gesetzgebung der Weimarer Republik kam auch durch die langjährige Tätigkeit des Reichsverkehrs- bzw. Reichsarbeitsministers Heinrich Brauns zum Ausdruck. Was die evangelische Seite anbetrifft, so gab es einige Vertreter des allerdings sehr schwachen sozialen Flügels der Deutschnationalen Volkspartei, die für eine christliche Sozialpolitik aufgrund ihrer positiven Kircheneinstellung und der Zugehörigkeit zur christlichen Gewerkschaftsbewegung durchaus ansprechbar waren.
Evangelischerseits entstand am 28. Dezember 1929 mit dem "Christlich - Sozialen Volksdienst (CSVD)" eine neue Partei, die mit der römisch - katholischen Zentrumspartei in vielen Fragen konform ging und sich für eine christliche Sozialpolitik sehr engagierte. Der CSVD erreichte bei den Reichstagswahlen 1930 14 Mandate. Ihr Parteivorsitzender Wilhelm Simpfendörfer war nach dem Ende des Nationalsozialismus ein führendes Mitglied der CDU in Baden-Württemberg und diente diesem Bundesland u.a. als Kultusminister und davor Landtagspräsident.
Ganz anders ging es aber bezüglich einer katholischen bzw. christlichen Sozialpolitik mit Beginn der "Bundesrepublik Deutschland" zu. Die alten sozialistischen, christlichen und sozialliberalen Gewerkschaften sollte es nicht mehr geben. Man sah das Heil in einer Einheitsgewerkschaft. So weit, so gut. Doch wurde vergessen den christlichen Einfluss in dieser alle Richtungen umfassenden Gewerkschaft sicherzustellen. Die Folge ist nun, dass seit Anbeginn der neuen und jetzt etwa 8 Millionen Mitglieder zählenden Einheitsgewerkschaft "Deutscher Gewerkschaftsbund (DGB)" immer alle Vorsitzendenposten - auch in den acht dazugehörenden Berufsgewerkschaften - von der sozialistischen Seite eingenommen werden. Die Christen müssen sich jeweils mit einem "Konzessionsschulzen" im Vorstand begnügen. Vom christlichen Einfluss in der praktischen Gewerkschaftsarbeit ist wenig zu spüren!
Doch glücklicher Weise gibt es den Bundestag und die verschiedenen Landtage. Hier gelang es die katholisch - sozialen oder besser christlich - sozialen Anliegen besser einzubringen. Zeitweise gab es entsprechend eingestellte Bundesminister, die ihre diesbezügliche Grundhaltung nicht verleugneten und sich dafür auch engagierten. Es sei hier an die früheren Bundesarbeitsminister Anton Storch, Theodor Blank, Hans Katzer und Norbert Blüm (die Rente ist sicher) erinnert.
Der Streit um die Benachteiligung der christlich-sozialen Sache führte schließlich dazu, dass es am 27. Juni 1959 zu einer Neugründung der christlichen Gewerkschaften kam. Allerdings gab es hierzu Streit unter den Christlich - Sozialen und dabei besonders bei den Katholiken. Die Folge war, dass nur verhältnismäßig wenige Leute sich dem neuen "Christlichen Gewerkschaftsbund (CGB)" anschlossen. Er hat 14 Berufsverbände und soll nach eigenen Angaben etwa 280.000 Mitglieder zählen. Es gelang ihm aber verschiedentlich bei Wahlen in Betriebs- und Personalräten Mandate zu erringen. Natürlich stehen die jetzigen Mitgliederzahlen der christlichen Gewerkschaften in keinem Verhältnis zu früheren Zeiten in der Weimarer Republik, wo sie bei 1,2 Millionen gelegen haben sollen. Zum sozialliberalen "Gewerkschaftsring Deutscher Arbeiter-. Angestellten- und Beamtenverbände" bekannten sich in der Weimarer Republik im Vergleich zu den Christlichen hingegen nur etwa 226.000 Frauen und Männer. Es handelte sich hierbei vor allem um einen Personenkreis aus dem Spektrum der beiden liberalen Parteien "Deutsche Volkspartei" und "Deutsch - Demokratische Partei".
Abschließend sei noch darauf hingewiesen, dass zumindest in Berlin die Katholische Arbeitnehmer - Bewegung bezüglich der "Sozialen Frage" sich nicht mit gelegentlichen Enzykliken der Päpste und schönen Worten der Parteien und Abgeordneten zufrieden gibt, sondern aktiv auch selbst etwas tut. So wird zum Beispiel an jedem Vorabend des 1. Mai ein feierlicher Gottesdienst in einem großen Betrieb oder einer Verwaltungsbehörde mit dem Berliner Erzbischof als Zelebranten und Prediger angeboten. Dies findet natürlich auch in den Medien Beachtung! Ich erinnere mich noch gern an einen derartigen früheren Gottesdienst bei der Berliner Stadtreinigung, die im Anschluss daran alle Teilnehmer/innen zu einem Imbiss mit Getränk einlud. Bedauerlich an alledem ist leider, dass sich die mitgliederstarke Kolpingsfamilie bisher nicht an den Vorabendgottesdiensten der Katholischen Arbeitnehmer - Bewegung anlässlich des 1. Mai beteiligte.
Alfons Fischer, Berlin


Buchbesprechungen von Axel Stark
Akademischer Oberrat i.R. Universität Passau


Fulbert Steffensky
Orte des Glaubens. Die sieben Werke der Barmherzigkeit
Stuttgart 2017, Radius-V., 107 S.
Im Judentum, Christentum wie auch im Islam ist Barmherzigkeit ein Grundzug Gottes/Jahwes/Allahs. Nach dem Bilde Gottes, so steht es im AT, ist der Mensch geschaffen. Das heißt nicht, dass der Mensch aussieht wie Gott, sondern dass er handeln soll, wie Gott handelt. Er liebt, also liebt! Er ist barmherzig, also seid barmherzig! Er vergibt, also vergebt! Dieser Glaube hat in der christlichen Tradition seinen Ausdruck gefunden in den sieben leiblichen und sieben geistlichen Werken der Barmherzigkeit. Es sind beispielhafte Handlungen, in denen sich die Liebe zum Nächsten abspielt.


Ulrich Berner
Religionswissenschaft
Göttingen 2020, Vandenhoeck&Ruprecht, 456 S., UTB 5297

Dieses Buch bietet einen neuen Ansatz: Es ist thematisch aufgebaut und die Auswahl der Themen orientiert sich am aktuellen Religionsdiskurs – so werden z.B. Thesen zur (In)Toleranz der (monotheistischen) Religionen ebenso behandelt wie Thesen zur (Un)Vereinbarkeit von Religion und (Natur)Wissenschaft. Berner, emeritierter Ordinarius für Religionswissenschaft an der

Universität Bayreuth, macht dies im Rahmen einer historisch orientierten Religionswissenschaft, die keine Aussagen über das Wesen der Religion macht, sondern das Nebeneinander widersprüchlicher Auslegungen zeigt.


Matthias Remenyi / Thomas Schärtl (Hg.)
Nicht ausweichen.Theologie angesichts der Missbrauchkrise
Regensburg 2019, F. Pustet-V., 276 S.
Die jüngsten Studien zum sexuellen Missbrauch an Minderjährigen und Abhängigen durch Kleriker erschüttern nicht nur durch die schiere Zahl der Taten, die sie offenlegen, sondern auch durch das System des Vertuschens und Verschweigens, das nun ans Licht kommt. Die universitäre katholische Theologie ist Teil der Kirche. Sie bleibt von dem Geflecht aus sexueller und geistlicher Gewalt, Machtmissbrauch und Klerikalismus nicht unberührt. Was bedeutet all das für die katholische Theologie? Welche inhaltlichen, aber auch strukturellen Konsequenzen sind zu ziehen? Remenyi lehrt Fundamentaltheologie in Würzburg, Schärtl Philosophische Grundfragen der Theologie in Regensburg, Autoren sind u.a. Doris Reisinger (vergewaltigte Ex-Ordensfrau), der Moraltheologe Stephan Ernst, die Kirchenrechtlerin Sabine Demel, der Pastoralpsychologe Wunibald Müller, Generalvikar Klaus Pfeffer, Pater Hans Zollner SJ,
die Dogmatiker Wolfgang Beinert und Erwin Dirscherl.


Josef Imbach
Ja und Amen. Was Christen glauben
Würzburg 2020, Echter-V., 288 S.
Imbach, Fundamentaltheologe früher in Rom, dann nach dem Entzug des nihil obstat in Basel (einer der vielen Opfer des Glaubenswächters Ratzinger), legt hier das Apostolische Glaubensbekenntnis aus. Er versucht den Glauben begründbar zu machen. Denn die zentralen christlichen Glaubensinhalte sind über Jahrtausende hinweg in ganz unterschiedlichen Kontexten – oftmals inmitten von heftigen Auseinandersetzungen politischer Gegner oder theologischer Kontrahenten – entstanden. Kein Wunder also, dass sie vielen Menschen heute nicht mehr ohne Weiteres zugänglich sind und deshalb in eine zeitgemäße Sprache übersetzt werden müssen. Dabei räumt Josef Imbach auch mit einigen Missverständnissen auf, die sich im Laufe der Kirchengeschichte gebildet haben.


Gisbert Greshake
Kirche wohin? Ein real-utopischer Blick in die Zukunft
Freiburg 2020, Herder-V., 254 S.

Die Kirche in Deutschland befindet sich in einer Phase radikalen Ab- und Umbaus. Nicht wenige kirchliche Amtsträger handeln nach der Devise: Retten, was zu retten ist; Halten, was zu halten ist. Dagegen fordert der emeritierte Dogmatiker Gisbert Greshake (geb. 1933, Schüler von Walter Kasper, Professor in Wien und Freiburg) eine kirchliche „Real-Utopie“, in der sich das Handeln nicht am überkommenen Alten, sondern an der Zukunft orientiert. Er spürt Tendenzen auf, die heute schon in die Zukunft weisen und entwickelt Grundlinien für eine zukünftige Kirche, die sich neu erfindet: eine Kirche, die sich als Minderheit neu auf ihre Aufgabe und Lebensgestalt besinnt, eine Kirche der Laien, eine spirituelle Kirche in veränderter Sozialgestalt.


Hermann Wohlgschaft
Keine Ausflüchte mehr! Gedanken zur notwendigen Kirchenreform
Würzburg 2019, Echter-Verlag, 191 S.
Der 75jährige Priester der Diözese Augsburg war u.a. Sekretär von Bischof Stimpfle. Wegen unterschiedlicher Positionen mit seinem Bischof wählte er nicht die weitere kirchliche Karriere, sondern wurde wieder (Studenten-, Stadt-, Klinik-) Pfarrer. Geprägt hat ihn besonders der kirchliche Aufbruch durch das Zweite Vatikanische Konzil (1962-65). Er fordert deshalb heute von der Kirche eine radikale Neuausrichtung nach der „Winterzeit“ nach dem Konzil. Auf der Grundlage des Jesusworts „Kehrt um! Ändert euch durch ein neues Denken“ plädiert Wohlgschaft in 12 Thesen für eine neue verantwortete Gottesrede, eine konsequente Rückbesinnung auf Jesus, eine Weiterentwicklung der Reformimpulse des Konzils, eine neue Formulierung der „Glaubenssätze“, eine offenere Sexualmoral, deutlich mehr Demokratie in der Kirche, veränderte Zulassungsbedingungen zum Weiheamt, wesentlich mehr Ökumene und interreligiöse Zusammenarbeit. Konkretere Forderungen wie Gewaltenteilung in der Kirche, Aufarbeitung des Missbrauchsskandals, Freistellung des Zölibats, Frauenordination und eucharistische Gastfreundschaft werden eingebunden in ein Grundkonzept notwendiger Reformen. Jeden dieser Reformvorschläge finde ich begründet und kann ihn nur unterstützen.


Hubert Wolf
Verdammtes Licht. Der Katholizismus und die Aufklärung
München 2019, 314 S., C.H. Beck-Verlag
Päpste haben das Licht der Aufklärung als Ketzerei verdammt. Radikale französische Aufklärer wollten die Kirche vernichten, die damals eine sehr enge Verbindung zum französischen Königshaus eingegangen war. Vermittelnde Versuche, dem Katholizismus selbst eine Aufklärung zu verordnen, wurden als "Zeitirrtümer" verurteilt. Der Kirchenhistoriker Wolf zeichnet in neun Fallstudien den epochalen Konflikt nach und macht deutlich, warum sich eine katholische Aufklärung bis heute gegen Widerstände durchsetzen muss.
Die katholische "Anti-Aufklärung" unter dem Namen Antimodernismus hat leider die Kirche um mindestens 200 Jahre zurückgeworfen. Das hat noch kurz vor seinem Tod 2012 der Jesuitenkardinal Martini beklagt. Auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-65) stritten die Aufklärer mit den Anti-Aufklärern unter den Bischöfen. Positive Ergebnisse auf dem Konzil waren damals der als Aufgabe erkannte "Dialog mit der Welt", die Notwendigkeit der Kirchenreform (Aggiornamento), die Zurückweisung der kirchlichen "Unheilspropheten", die (teilweise) Anerkennung der Religions- und Gewissensfreiheit, die Anerkennung von staatlicher Demokratie und Menschenrechten, die "Volk-Gottes-Ekklesiologie", die erkannte Bedeutung des Subsidiaritätsprinzips und des synodalen Prinzips für die Kirche usw.


Pfarrer Gerhards Kräuterkolumne: Der Spitzwegerich


Spitzwegerich, der König des Weges und das Kraut der Heiler. „Und du, Wegerich, Mutter der Pflanzen, offen nach Osten, mächtig im Innern: über dich knarrten Wagen, über dich ritten Frauen, über dich schritten Frauen, über dich schnaubten Farren (das meint „Stiere“). Allen widerstandest du und setztest dich entgegen, so widerstehe auch du dem Gift und der Ansteckung und dem Übel, das über das Land dahin fährt.“
Dieser alte englische Segensspruch mag uns daran erinnern, dass der Wegerich einst eine der heiligsten Pflanzen war: zusammen mit Salbei und Raute galt er den mittelalterlichen Medizinern als Allheilmittel. Heutzutage ist er für die Besitzer eines gepflegten englischen Rasens eher ein Gräuel. Seine fleischigen Blätter verdrängen jedes Gräslein. Im Laufe seines Lebens bringt eine Pflanze bis zu 40.000 Samen hervor. Wenn es feucht ist quellen diese auf, werden klebrig und haften so an Pfoten, Hufen und den Fußsolen. „Plantago“, der lateinische Gattungsname, kommt von „Planta“ und das meint eben „Fußsole“.
Der Wegerich ist der „König des Weges“. „rich“, indogermanischen Ursprungs, meint „König“, meint „reich“. „lanceolata“ meint „spitz“, spitz wie eine Lanze. Das deutet schon auf seine Heilmacht bei Bissen und Stichen hin.
Für Griechen und Römer war der Wegerich mit den Kräften der Unterwelt verbunden. Das deshalb, weil der durch die Macht seiner klebrigen Samen auch dort Einzug hielt, wo eigentlich besenreine Sauberkeit herrschte: auf den kultischen und sakralen Prozessionswegen jener Zeit. So wurde der Wegerich sogar als pflanzliche Verkörperung der Vegetations-und Totengöttin angesehen.
In allen Kulturen steht das warme, rote Blut für das Leben. Blutverlust ist gleichbedeutend mit dem Verlust des Lebens. Wer verblutet ist dem Tod geweiht. Nur der blutstillende Wegerich, das Kraut der Göttin, der es vergönnt ist das Totenreich zu betreten, vermag vor unzeitgemäßem Tod zu retten. Wer also den Wegerich richtig anwendet, verfügt über die Kraft lebensgefährliche Blutungen zu stillen und zu überleben. Die Kraft des Wegerichs lässt sich an kleinen Schnittwunden verlässlich demonstrieren.
Die Hoch-Zeit für Kräuter im Jahreskreis war und ist der „Frauendreißiger“, die Zeit zwischen Mariä Himmelfahrt am 15. August und dem Fest Maria Namen am 12. September. Unzählige Anwendungen der Volksheilkunde sind seit der Antike tradiert. Paracelsus schreibt über den Wegerich: „Es gibt keine Pflanze, die mehr austrocknet und zugleich festigt wie Plantago.“ Hildegard von Bingen verschrieb sie den Saft der Pflanze bei Gicht, gebratene Wurzeln bei geschwollenen Drüsen, den Pflanzenbrei bei Knochenbrüchen und die Blätter bei Insektenstichen und Seitenstechen. Und bei Pfarrer Kneipp lesen wir: „Ohne die Gefahr einer Blutvergiftung heraufzubeschwören, kann man den Wegerich zur Wundheilung nutzen. Die Heilung geht rasch vor sich. Fäulnis und faules Fleisch flieht vor ihm.“

Gott befohlen und herzlichst –Euer Kräuterpfarrer Gerhard.



Spiritualität
Das heilige Ehepaar Corona und Viktor
Gedenktag 14. Mai


Die heilige Corona (161-177 n.Chr.) ist eine Märtyrerin aus dem zweiten christlichen Jahrhundert, welche im gesamten Mittelmeerraum bekannt war und Verehrung fand. Möglicherweise finden in ihrer Legende vergleichbare Schicksale junger Frauen aus der Zeit verschiedener antiker Christenverfolgungen zusammen, so dass sich ihre Verehrung an verschiedenen Orten weiter entfaltete. Der Name Corona, bedeutet „die Gekrönte“, und besagt ebenso wie „Stephana“ dass die Trägerin dieses Namens eine Märtyrerin ist. Eine Frau, die ihr Leben für ihren Glauben an Christus hingegeben hat.
Corona wird als noch sehr junge Frau des Hl. Viktor beschrieben. Viktor war der Überlieferung nach Soldat wie sein Vater Romanus. Vater und Sohn wurden während der Christenverfolgung zum Glaubensabfall genötigt, während der Vater widerrief, blieb Viktor seinem Glauben treu und wurde zum Martyrium verurteilt. Kaum sechzehn Jahre alt folgte Corona ihrem Mann in den Tod, indem sie, an zwei gebeugte Palmen gebunden, durch deren Emporschnellen zerrissen wurde.
Die Reliquien der Märtyrer sind in Norditalien im Dom zu Osimo beigesetzt. Durch Kaiser Otto III. wurden im Jahre 997 n. Chr. Reliquien der Heiligen nach Aachen überführt. Eine bedeutende Verehrung der Heiligen gab es auch im Dom zu Bremen. Seit dem 14. Jahrhundert verbreitete sich die Corona-Verehrung auch in Bayern und Österreich. Hier sind insbesondere die Abtei Niederalteich, sowie in Niederösterreich St. Corona am Wechsel und St. Corona am Schöpfl zu nennen. Während Corona mit zwei Palmen dargestellt wird, erscheint ihr Mann Viktor mit den Attributen des Soldaten.
Die Heilige Corona wird gegen (Vieh-)Seuchen, Unwetter und Missernte, bei Geldsorgen aller Art, sowie gegen Glaubensabfall angerufen, ihr Mann Viktor hingegen bei Krankheiten und gegen feindliche Truppen.


Lied:
Corona hoch erhoben aus diesem Erdental. Zur ewgen Glorie droben, im hehren Himmelssaal. Für Gott hast Du gestritten, mit Mut und heilger Freud, für Gott hast Du gelitten, viel Widerwärtigkeit. Corona!
Auf Gott allein vertrauet hast Du in jeder Not und demutsvoll geschauet auf Jesu Kreuz und Tod. Nun strahlst du auf dem Throne in der Verklärung Glanz, nun schmücket dich zum Lohne des Himmels Lorbeerkranz. Corona!
Dein Herz wollst Du auch lenken zu uns den Kindern Dein, wollst unser stets gedenken, uns Hort und Zuflucht sein. Hilf Stärke uns erlangen in diesem Erdenstreit, dass einst auch wir empfangen des Himmels Seligkeit. Corona!
(Text aus Corona am Wechsel, Autor unbekannt, Melodie: „Gelobt sei Jesus Christus in alle Ewigkeit“)


Gebet:
Herr, wir bringen dir alle Erkrankten und bitten um Trost und Heilung. Sei den Leidenden nahe, besonders den Sterbenden. Bitte tröste jene, die jetzt trauern. Schenke den Ärzten und Forschern Weisheit und Energie. Den Politikern und Mitarbeitern der Gesundheitsämter Besonnenheit.
Wir beten für alle, die in Panik sind. Um Frieden inmitten des Sturms, um klare Sicht. Wir beten für alle, die großen materiellen Schaden haben oder befürchten. Guter Gott wir bringen dir alle, die in Quarantäne sein müssen, sich einsam fühlen, niemanden umarmen können. Berühre du ihre Herzen mit deiner Sanftheit.
Wir beten, dass diese Epidemie abschwillt, dass die Zahlen zurückgehen, dass Normalität wieder einkehren kann. Mach uns dankbar für jeden Tag in Gesundheit. Lass uns nie vergessen, dass das Leben ein Geschenk ist. Dass wir irgendwann sterben werden und nicht alles kontrollieren können. Das Du allein ewig bist. Wir vertrauen Dir. Amen.


(Text: Johannes Hartl, Gebetshaus Augsburg)