Sonderausgabe 2014

Christ-Katholische Kirche

Administratur der Nordisch-Katholischen Kirche in Deutschland

 

Editorial

 

In Anlehnung an den Titel der neuen nordisch-katholischen Kirchenzeitung „ad –fontes“ hat sich auch die Bezeichnung unserer kirchlichen Zeitschrift verändert. Künftig firmieren wir unter dem griffigen und natürlich auch programmatischen Titel ad fontes – international. Wie gewohnt finden Sie natürlich auch weiterhin „die Mitteilungen aus der Union von Scranton“ nur in diesem Blatt.

 

 

Mit dem neuen Titel beginnt auch das neue Kirchenjahr. Auf der Homepage der Kirche (www.christ-katholisch.de) finden Sie unseren neuen liturgischen Kalender, dieser wurde in Anlehnung an die Kalender der christkatholischen Kirche der Schweiz, sowie der nordisch-katholischen Kirche erstellt. Neben einigen besonders wichtigen Heiligen Ungarns bleibt natürlich auch unsere Herkunft aus der deutschen altkatholischen Kirche sichtbar. So ist ein ökumenisch orientierter, europäischer altkatholischer Kalender entstanden.

 

 

Was der Kalender noch nicht beinhaltet, ist eine Leseordnung. Die liturgische Kommission arbeitet gegenwärtig an deren Erstellung. Dabei stehen wir in engem Dialog zu altkirchlichen, bibelwissenschaftlichen und liturgischen Fachgelehrten, wie z.B. Prof. Georg Braulik in Wien. Soweit es sich momentan abzeichnet, scheint sich – auch als Frucht des christlich-jüdischen Dialoges - eine stärkere Einbeziehung der Tora-Lesung in die zu erstellende Ordnung anzubahnen. Mit Norbert Lohfink haben wir einen Autor gefunden, welcher uns mit allergrößter Sachkenntnis in die Thematik einführt.

 

 

Wie könnten wir näher zur Quelle gelangen als durch die Heilige Schrift selbst?

 

Viel Freude bei der Lektüre wünscht Ihnen.

 

Ihr Klaus Mass

 

 

 

 

Zur Perikopenordnung für die Sonntage im Jahreskreis

 

von Norbert Lohfink, Frankfurt

 

Vor einem Jahr traf ich in Rom einen alten Bekannten, James Sanders aus Los Angeles. Er ist einer der Qumranfachleute der ersten Stunde. Wir hatten in einer wissenschaftlichen Arbeitsgruppe der Vereinigten Bibelgesellschaften durch 10 Jahre hindurch jedes Jahr 4 Wochen lang Textkritik für Bibelübersetzungen getrieben.(1) Dabei waren wir Freunde geworden. Er gehört der Episkopalen Kirche an. Jetzt in Rom war er als Nichtkatholik Gast in einem innerkatholischen wissenschaftlichen Symposion über die Auslegung der Bibel in der Kirche. Dort konnte ich erleben, wie es ihn zu einem leidenschaftlichen Plädoyer hinriß. Er wünsche dringend, so sagte er, die katholische Kirche solle doch ja bei ihrer festen Leseordnung bleiben. Und er erzählte ein Erlebnis, das damals erst einige Wochen zurücklag. Er war im theologischen Department einer amerikanischen Universität, die vor allem von Erweckungskirchen frequentiert wird, zu einem Vortrag über die Bibel im Gottesdienst eingeladen. Am Anfang stellte er, um sich seines Publikums zu vergewissern, die Frage, wer aus seinen Zuhörern zu einer Kirche gehöre, die ein Lektionar besitze. Es waren etwa 50 Zuhörer da. Niemand meldet sich. Während er schnell nachdenkt, was er jetzt sagen soll, hebt doch hinten jemand die Hand. Jim Sanders, erfreut: "Schön, also doch jemand. Welcher Kirche gehören Sie denn an?" Antwort: "I have only a question. What is that, a lectionary?" Dann sagte Jim Sanders zu uns: In den Vereinigten Staaten spielen Christentum und Bibel eine viel größere Rolle als in Europa. Aber die Hälfte der aktiven Christen Amerikas lebt in Kirchen, wie diese Geschichte sie spiegelt. Die Bibel, die wirklich im Gottesdienst vorkommt, besteht aus den wenigen immer wiederkehrenden Leib- und Magentexte des jeweiligen Pastors. Die wählt er immer wieder als Predigtgrundlage aus. Die Bibel als ganze, als zusammenklingender und so erst den richtigen Sinn gewinnender Kanon, ist das nicht. Die Begegnung mit ihr könnte nur eine feste gottesdienstliche Leseordnung sichern, die objektiv vorgegeben ist. Das wäre dann Wort Gottes von außen. Sonst bleibt es subjektiv-menschliche Auswahl. So James Sanders.

 

Ich habe ihm nachher gesagt: "Vielleicht ist es auch in diesen Kirchen nicht ganz so schlimm. Sie haben ja neben dem Gottesdienst fast alle noch die Sonntagsschule, zu der sehr viele kommen und wo die Bibel in größerem Umfang durchgenommen wird." Seine Antwort: "Du hast recht, aber nicht für überall. Auch im Bibelstudium der Sonntagsschulen dominiert weithin der Gusto des jeweiligen Pastors."

 

Nach meiner Meinung können wir Katholiken aus all dem zwei Dinge lernen. Erstens, wie glücklich wir daran sind, daß wir einer Kirche angehören, die uns die biblischen Lesungen objektiv vorgibt - auch wenn uns das bei der Vorbereitung unserer Gottesdienste und unserer Predigten oft mehr Mühe machen mag. Zweitens, wie nochmals glücklicher wir daran sind, daß die doch recht abgemagerte Leseordnung, die in unserer lateinischen Kirche im Mittelalter übriggeblieben war - für die Evangelien fast nur noch Matthäus, und praktisch überhaupt kein Altes Testament -, durch die Liturgiereform nach dem 2. Vatikanischen Konzil plötzlich wieder reich und umfassend geworden ist.(2)

 

Was wir da für einen Schatz haben, sehen wir, wenn wir noch einmal unseren deutschsprachigen Kirchturmshorizont aufsprengen und wieder einen Blick in den nordamerikanischen Raum werfen.(3) Nichts vom 2. Vatikanischen Konzil hat dort eine so große ökumenische Wirkung entfaltet wie die neue Leseordnung. Während wir uns in Deutschland heutzutage über Fragen der Abendmahlsgemeinschaft die Augen aushacken und ein evangelischer Exegeten-Kollege noch vor einigen Wochen es mir gegenüber "außerordentlich bedauerte", daß die katholische Kirche bei ihrer Liturgiereform sogar die "altkirchliche" Leseordnung aufgegeben und so eine weitere, trotz der Reformation noch verbliebene Gemeinsamkeit zerstört habe, ist im englischsprachigen Raum gerade durch die nachkonziliare katholische Leseordnung größere ökumenische Gemeinsamkeit entstanden.

 

Die andern großen Kirchen hatten nämlich mit der ausgezehrten "altkirchlichen" Leseordnung die gleichen Probleme wie unsere Kirche. Als die neue römisch-katholische Leseordnung herauskam, sagten zuerst drei presbyterianische Kirchen der U.S.A., dann auch die Episcopal Church, die Lutheran Church, die Disciples of Christ und die United Church of Christ: Dieses Lektionar übernehmen wir einfach! Sie taten es, jede für sich, jeweils nur mit kleinen Abänderungen, von 1970 an - das war ein Jahr nach der katholischen Veröffentlichung. 1983 war es so weit, daß ein dafür geschaffenes gemeinsames Organ aus noch viel mehr Kirchen (Name: "Consultation of Common Texts") die katholische Leseordnung mit einigen Abänderungen für alle beteiligten Kirchen zunächst für eine Probezeit übernahm. 1992 kam schließlich das "Revised Common Lectionary" heraus, das der katholischen Ordnung noch eine neue Lesungsreihe hinzufügte, aber ohne ihren eigenen Grundbestand zu ändern(4) - ich komme auf diese Erweiterung später noch zu sprechen. In England vollzog sich ein von Ferne vergleichbarer Prozeß. Hier erschien 1990 das "Four Year Lectionary". In ihm wurde die katholische Leseordnung zwar nicht einfach übernommen, aber die entscheidenden Prinzipien stammen aus ihr. So hören in den Vereinigten Staaten inzwischen in den meisten christlichen Großkirchen alle Christen am gleichen Sonntag die gleichen Lesungen aus der Heiligen Schrift, und es ist damit zu rechnen, daß sogar in den Homilien ähnliche Gedanken vorgetragen werden. Durch die immer größere Vernetzung der Predigtvorbereitung und durch die Bezugnahme vieler Medien auf die jeweilige Sonntagslesung besteht die Chance, daß immer stärker ein gemeinsames christliches Bewußtsein wächst.(5)

 

Wir sollten also den Schatz, den wir an unserem Lektionar seit jetzt etwa 30 Jahren haben, auf keinen Fall gering achten. Da ist ein Baum gewachsen, und von allen Seiten kommen die Vögel des Himmels, um dort zu nisten (vgl. Mt 13,32 parr).

 

Allerdings ist es auch interessant zu sehen, wo die anderen Kirchen bei aller grundsätzlichen Freude über das neue Lektionar dann im Detail ihre Probleme mit ihm haben. Bei uns ist das Lektionar jetzt feste Ordnung. Als der Papst Ende der achtziger Jahre entschieden hatte, daß das römische Meßbuch im Jahr 2000 nach etwa 30 Jahren Erfahrung in einer revidierten Ausgabe herauskommen sollte, hat Rom doch relativ früh klargestellt, daß nicht geplant sei, die Leseordnung zu überarbeiten. Diese Entscheidung ist auch verständlich, besonders angesichts der tiefen Verwerfungen, die der Abschied von der tridentinischen Meßgestalt die Kirche schon gekostet hat. Da kann man nur ganz vorsichtig daran gehen, schon wieder die Reform zu reformieren. Vor allem, wenn die Reform in einem entscheidenden Punkt noch gar nicht wirklich angenommen ist. Dabei denke ich an die Mehrzahl der katholischen Gemeinden (oder sind es nur deren Pfarrer?) zumindest in der deutschsprachigen katholischen Kirche, wo man angeblich schon ganz in der neuen Liturgie zu Hause ist. Ist man es wirklich, wenn die Dreizahl der Lesungen praktisch abgelehnt wird und deshalb in zahlreichen Pfarren einer der wichtigsten Gewinne der Reform, die wiedereingeführte alttestamentliche Lesung, aus mir völlig unverständlichen sogenannten "pastoralen Gründen" de facto nicht vorkommt?(6) Ich kann die römische Zurückhaltung jedenfalls verstehen. Um so aufschlußreicher ist dann allerdings, was vor sich geht, wenn Kirchen, die römischen Ordnungen gegenüber völlig frei sind, sich entschließen, diese zu übernehmen oder sich zumindest an ihnen zu orientieren. Sie können ja in viel größerer Naivität das Für und Wider unserer Leseordnung diskutieren. Nichts hindert sie, da, wo sie nicht zufrieden sind, auch Änderungen anzubringen. Das ist de facto geschehen, und zwar in Amerika auf recht tiefgreifende Weise genau bei den alttestamentlichen Lesungen, wenn auch so, daß dabei zugleich der römisch-katholische Grundentwurf erhalten blieb. Wir können deshalb, wenn wir uns jetzt den Problemen unserer Leseordnung zuwenden wollen, vor allem auch auf diese Kritik aus anderen und in dieser Sache uns sehr wohlwollend gesonnenen Kirchen hören.

 

Ich möchte jetzt zunächst die Probleme, die sich bei unserer Leseordnung gezeigt haben, benennen (I). Dann möchte ich einige wichtige Lösungsversuche aufzeigen (II) und schließlich den Vorschlag, dem ich mich selbst anschließe, ein wenig genauer entfalten und begründen (III). Doch eines muß klar sein: Innerhalb der katholischen Kirche sind das zur Zeit fast alles theoretische Gedankenspiele. Wir wissen nicht, wann und wie sie in Zukunft Wirklichkeit werden können. Ich werde trotzdem auch die jeweiligen Chancen benennen, die die einzelnen Vorschläge haben könnten. Ferner will ich deshalb in einem abschließenden Teil auf einiges hinweisen, was wir auch jetzt schon in der Praxis tun könnten, um im Rahmen der jetzigen Leseordnung unseren Gläubigen den "Tisch des Wortes" reicher zu decken.

 

Doch zunächst noch eine wichtige Eingrenzung. Wir müssen im liturgischen Jahr deutlich zwischen den Festkreisen und den "grünen" Zeiten während des Jahres unterscheiden. Der Weihnachts- und der Osterfestkreis ziehen notwendig vom jeweiligen Zentralgeheimnis her bestimmte Lesungen an. In diesen liturgischen Zeiten sind meist auch in den einzelnen Meßformularen die Texte aus den verschiedenen Teilen der Schrift genau aufeinander abgestimmt. In diesem Bereich gibt es weniger Probleme - wenn man von kritischen Einzelpunkten, etwa den Lesungen der Osternacht, absieht.(7) Das eigentliche Problemfeld sind dagegen die Sonntage im Jahreskreis. Im wesentlichen möchte ich deshalb über ihre Leseordnung sprechen. Ich lasse auch die Fragen der werktäglichen und der mit den Heiligenfesten verbundenen Schriftlesungen beiseite, obwohl sich hier vielleicht wichtigere Fragen stellen, als man meint.(8) Schließlich abstrahiere ich vom Responsorialpsalm nach der ersten Lesung und seinen Problemen - obwohl auch er, zumindest nach einer sich ausbreitenden Interpretation, als "Lesung" zu gelten hat.(9)

 

I. Probleme beim "Ordo lectionum Missae"

 

Vielleicht ist es gut, daß wir uns kurz an die wichtigsten Prinzipien der römischen Leseordnung für die Sonntage im Jahreskreis erinnern. Sie lassen sich so benennen:

 

1. Jeder Sonntag hat drei Lesungen, eine aus dem Alten Testament, eine aus den Briefen des Neuen Testaments, eine aus den Evangelien.

 

2. Die Lesung aus dem Alten Testament ist keine Bahnlesung.(10) Sie springt von Sonntag zu Sonntag und ist jeweils im Blick auf das Evangelium ausgewählt. Durch diese Zuordnung des Alten Testaments gibt das Evangelium jedem Sonntag das thematische Gesicht.

 

3. Die zweite Lesung und das Evangelium sind alle beide Bahnlesungen. Sie sind daher inhaltlich nicht aufeinander bezogen. In beiden Fällen schließt die Lesung sich an den Text vom vergangenen Sonntag an und wird selbst am kommenden Sonntag weitergeführt. Dadurch schiebt sich die zweite Lesung wie eine hohe Mauer zwischen Altes Testament und Evangelium, die ja aufeinander abgestimmt sind.

 

4. Es gibt drei Lesejahre. In jedem Jahr fährt die Evangeliums-Bahnlesung eines der synoptischen Evangelien ab, während das Johannesevangelium in den Festzeiten aller Lesejahre und in in einer Art Sommerpause des Markusjahres untergebracht ist.

 

5. Dann - was nicht allgemein bekannt ist - gibt es eine Gesamtsumme der Minuten, die alle drei Lesungen zusammen dauern dürfen. Ist eine Lesung ungewöhnlich lang, müssen die andern kürzer sein. Entsprechend sind viele biblische Texte am Rande gestutzt und auch im Innern zusammengestrichen.(11)

 

Ich gehe diese Prinzipien nun rückwärts entlang und mache auf die Probleme aufmerksam, die sich bei ihnen zeigen.

 

(Zu 5.) Hinter der festen Zeitregel steht vermutlich vor allem eine Diskussion, die auf der entscheidenden Sitzung des nachkonziliaren "Coetus XI de lectionibus" in Klosterneuburg einen ganzen Tag beanspruchte.(12) Dort schlug nämlich jemand vor, das alte System eigentlicher Lesungen aufzugeben. Der moderne Mensch habe keine Zeit mehr und vertrage keine langen Texte. Außerdem habe die Exegese nachgewiesen, daß in den Evangelien nicht alle Jesusworte wirklich vom historischen Jesus stammten. Deshalb sei es am besten, ähnlich wie in der modernen Produktwerbung mit griffigen Slogans zu arbeiten. Man könne sich dafür kurze und historisch vertrauenswürdige Jesusworte aussuchen. Jedem Sonntag ein knappes, aber eindrucksvoll proklamiertes echtes Jesuswort - das genüge und sei wirksamer als lange Texte. Nach heftiger Diskussion wurde dieser Vorschlag dann doch nicht angenommen. Aber es scheint, daß die dadurch entstandene Sensibilität für die angebliche Unfähigkeit des modernen Menschen, einer Sache mehr als einige wenige Minuten zuzuhören, wesentlich dazu beitrug, daß der "Coetus" mit eiserner Härte an seinen gekürzten und verstümmelten Bibelperikopen festhielt - gegen alle Einwände, und die gab es bald in Menge.

 

Sie bildeten später auch einen der ersten Kritikpunkte der amerikanischen Kirchen, die die Leseordnung übernahmen. Diese Kirchen haben die Texte in den meisten Fällen wieder ergänzt und ihnen ihren vollen Text zurückgegeben. Es ist ebenso einer der stärksten Kritikpunkte der Exegeten.(13) Oft sind entscheidende Aussagen herausoperiert. Am Anfang der Texte werden oft die narrativen Zusammenhänge nicht mehr deutlich, und alles hängt in der Luft. Bei Reden stimmt oft die Logik nicht mehr. Speziell sind bei Erzählungen oft die Dialoge und Situationsschilderungen entfernt worden. Nur blankgekochte Knochen blieben übrig. Genau das, was eine Erzählung spannend und lebendig macht, fehlt. Am Ende wirken die gekürzten Texte dann für die Zuhörer länger und langweiliger, als sie wirken würden, wenn sie noch die alte Länge hätten. Zeit ist nicht nur ein chronometrisches, sondern auch ein psychisches Phänomen. Der Mensch braucht beim Zuhören Zeit. Er muß erst einmal einschwingen. Doch oft ist die Lesung schon zu Ende, ehe er innerlich überhaupt dabei ist. Man hat vielleicht noch nicht einmal voll wahrgenommen, worum es eigentlich ging. Die Kürzung hat genau das Gegenteil dessen erreicht, was sie bezweckte. Ich glaube sogar, daß der deutsche Widerstand gegen die Dreizahl der Lesungen hier eine seiner wahren Wurzeln hat.

 

(Zu 4.) Die Dreizahl der Lesejahre ist erstaunlich reibungslos akzeptiert worden, obwohl es dafür eigentlich keinerlei Tradition gab, zumindest keine christliche. Im palästinensischen Judentum hatte es nämlich die Tradition einer über mehr als drei Jahre verteilten Toralesung gegeben, bevor sich die einjährige Toralesung durchsetzte. Nur einige genau zusehende Beobachter fragen sich, ob die ebenfalls erwogene Möglichkeit, auch noch ein Johannesjahr einzuführen, nicht besser gewesen wäre. Jetzt geschieht dem so wichtigen Johannesevangelium Unrecht, es wird zum Lückenbüßer.(14) Es besteht auch keineswegs nur aus Reden. Es hätte durchaus genügend Erzählstoff, und zwar sehr eigengeprägten. Es könnte die Sonntage eines ganzen Lesejahrs füllen. Vielleicht würden, wenn es - wie im englischen "Four Year Lectionary" - auch ein Johannesjahr gäbe, die Prediger angeregt, auch in den synoptischen Jahren etwas mehr auf die spezifischen theologischen Akzente des jeweiligen Evangelisten einzugehen. Wie selten wird die große Chance der neuen Leseordnung genutzt, die je besondere Theologie der einzelnen Evangelisten zur Sprache zu bringen! Daß eine vierjährige Leseordnung auch dem Alten Testament etwas mehr Raum schüfe, käme hinzu. Aber im ganzen hat die Dreizahl der Jahre keinen großen Widerstand gefunden, auch nicht bei den amerikanischen Kirchen, die die Ordnung übernommen haben.

 

(Zu 3.) Ein massives Problem stellt dagegen die doppelte Bahnlesung bei den neutestamentlichen Lesungen dar. Sowohl die Lesungen aus den neutestamentlichen Briefen als auch die Evangelien laufen an den Sonntagen im Jahreskreis ohne jede gegenseitige Abstimmung nebeneinander her. Schon in der Synagoge war die Prophetenlesung, die Haftara, immer genau auf die vorangehende Tora-Lesung abgestimmt. Sie gab dieser meist ihre eschatologische Ergänzung. Auch in den Formularen der Festzeiten ist die gegenseitige Abstimmung der Lesungen das Normale. Eine solche Entsprechung fehlt in dem neuen Lesungssystem bei den Sonntagen im Jahreskreis völlig.

 

Inzwischen ist auch durchgesickert, wieso es zu der doppelten Bahnlesung kam. Sie ist nichts als ein oberflächlicher Kompromiß zwischen zwei Konzeptionen, die an sich beide auf eine einzige Bahnlesung und dann auf zwei zugeordnete andere Lesungen aus waren. Die eine Gruppe der Experten wollte die Bahnlesung des Evangeliums, und damit die drei Lesejahre. Die andere Gruppe argumentierte mit der bibelwissenschaftlichen Feststellung, daß die Paulusbriefe älter sind als unsere Evangelien. Daraus folgerte man, daß sie noch mehr als die Evangelien das authentische neutestamentliche Kerygma enthielten. Die Bahnlesung müsse deshalb dem Briefkorpus zukommen. Dann könne man jeder Briefperikope einen entsprechenden Evangelientext und auch einen alttestamentlichen Text zuordnen. Durchgesetzt hat sich die Evangelienpartei. Doch kam man der anderen Gruppe dadurch entgegen, daß man auch für die Apostolos-Lesung eine Bahnlesung einführte. Auf eine Korrespondenz zwischen zweiter Lesung und Evangelium hat man notwendigerweise verzichten müssen.

 

Leider ist der angezielte Effekt der Apostolos-Bahnlesung praktisch gleich Null. Briefe sind ihrer Gattung nach zu theoretisch und zu sprunghaft, als daß es stets unbedingt auf den Zusammenhang ankäme. Das Gedächtnis hält den Zusammenhang, anders als bei den eher narrativen Evangelien, auch kaum über eine Woche hinweg fest. Abgesehen von den seltenen Fällen, wo einmal über mehrere Wochen hinweg ein bestimmter apostolischer Brief zum durchgehenden Predigtthema gemacht und damit in der Homilie der Zusammenhang hergestellt wird, ist diese Bahnlesung also sinnlos. Doch für eine solche besondere Predigtreihe ließe sich auch eine andersgeartete Ordnung ad hoc durchbrechen, und man könnte den betreffenden Brief über mehrere Sonntage hinweg als zweite Lesung verwenden. Soweit geht ja die Freiheit in der Benutzung einer Perikopenordnung durchaus.

 

Jetzt dagegen stört die sich eindrängende zweite Lesung den Zusammenhang zwischen alttestamentlicher Lesung und Evangelium. Dieser Zusammenhang ist stets vorhanden. Doch bei diesem Zusammenhang gibt es nun wieder neue Probleme. Sie wurden bei uns vor allem von den Kennern und Freunden des Alten Testaments, ebenso aber in Amerika von den Kirchen, die mit unserer Leseordnung sympathisierten, empfunden. Es geht um das, was im Laufe der drei Jahre vom Alten Testament im Endeffekt gelesen wird.

 

(Zu 2.) Geht man ganz von außen heran, dann kann man ja einmal die wichtigsten Texte aus dem Alten Testament zusammenstellen und zusehen, was aus einer solchen Liste in der Leseordnung vorkommt. Franz-Josef Ortkemper, der Direktor des Katholischen Bibelwerks in Stuttgart, hat das vor einigen Jahren getan und hatte schließlich eine Liste von etwa 200 fehlenden wichtigen Texten des Alten Testaments in der Hand.(15) Das ist schon erschreckend, erklärt sich aber dadurch, daß oft Texte aus dem Alten Testament ausgewählt wurden, die von Inhalt und Schwergewicht her leicht fehlen könnten und nur deshalb erscheinen, weil man auf der Suche nach einer Korrespondenz zu einem bestimmten Evangelientext war.

 

Das Problem scheint wirklich vor allem daran zu hängen, daß die alttestamentliche Lesung stets vom schon festliegenden Evangelientext her ausgesucht wurde, und zwar offenbar nicht gerade durch Alttestamentler.(16) Die Gesichtspunkte waren: Texte des Alten Testaments, die im Evangelientext zitiert werden; ähnliche Handlungen oder Ereignisse; sich ergänzende Aussagen; Hintergrundinformationen aus dem Alten Testament; Gegensatzaussagen. So formalisiert Elmar Nübold den Sachverhalt, sehr wohlwollend.(17) Die amerikanischen Kirchen, welche die Leseordnung übernehmen wollten, ebenso wie manche Alttestamentler, haben vor allem kritisiert, daß bei der Auswahl alttestamentlicher Stellen zu sehr das typologische Denken und das Denken im Schema "Verheißung - Erfüllung" führend waren. Und das könne doch nicht alles sein. Schließlich habe das Alte Testament auch sein Eigengewicht.(18)

 

Nun wird man ja dem typologischen Denken und dem Schema "Verheißung - Erfüllung" ihre Berechtigung nicht absprechen können.(19) Aber wenn man nur von den Evangelien her kommt, fällt einfach zu viel an Substanz des Alten Testaments durch die Maschen, und oft bleibt zu Unbedeutendes hängen. Es zeigt sich, daß eine Leseordnung im Alten Testament doch zumindest auch von dessen Eigenduktus her gestaltet werden muß. Dieser Punkt hat zu der einschneidendsten Veränderung gegenüber unserer Leseordnung in dem "Revised Common Lectionary" geführt. Davon und von anderen Heilungsmöglichkeiten für diese Wunde soll sofort die Rede sein.

 

(Zu 1.) Die Dreizahl der Lesungen war bei den amerikanischen Kirchen, die die Ordnung übernahmen, offenbar überhaupt kein Problem. Das Hauptproblem für die Akzeptanz der neuen Ordnung scheint die Dreizahl dagegen im deutschen Sprachbereich darzustellen - wohlgemerkt, nur hier, und kaum woanders in der katholischen Kirche. Fast durchgehend wird eine Lesung ausgelassen, meist natürlich die unbekannteste, und das ist die aus dem Alten Testament. Nur der Zusammenhang der alttestamentlichen Lesung mit dem Evangelium, welcher der 2. Lesung fehlt, kann die alttestamentliche Lesung manchmal noch retten. Selbst daß man also normalerweise genau die beiden nicht aufeinander abgestimmten Lesungen zurückbehält, scheint nicht zu zählen. Fragt man nach dem Warum und schiebt man den Verdacht beiseite, hier sei vielleicht klandestiner Antijudaismus am Werk, dann bleibt nur eine Erklärung, und die bekommt man auch häufig zu hören: Drei Lesungen seien für den modernen Menschen zuviel. Das stimmt natürlich nicht, denn auch in anderen Ländern der Welt gibt es moderne Menschen, und dort hat man dieses Problem nicht. Was der wahre Grund ist, weiß ich nicht. Zum Teil geht das Gefühl, drei Lesungen seien zuviel, sicher auch darauf zurück, daß alle drei Lesungen so kurz und oft so zusammengestückelt sind, daß einem tatsächlich das Zuhören oft schwer fällt. Vielleicht wird das in der deutschen Sprache stärker empfunden. Etwas länger wäre hier wahrscheinlich menschenfreundlicher und, psychologisch gesehen, kürzer. Dieser angeblichen Schwierigkeit kann ich also keine Berechtigung zugestehen.

 

Abschließend muß ich hier noch ein Problem anderer Art erwähnen, das sich nicht an die Konstruktionsprinzipien der Leseordnung anhängen läßt: Es ist im Lauf der Jahre immer deutlicher geworden, daß in den Lesungen des Lektionars die Frau entschieden weniger vorkommt als in der Bibel selbst. Die Bibel ist also unter dieser wichtigen Rücksicht mißrepräsentiert. Das Bewußtsein für die damit zusammenhängenden Fragen war zumindest bei den Herstellern des "Ordo lectionum Missae" - soweit ich weiß, waren es nur Männer - offenbar noch nicht genügend geschärft. Doch inzwischen hat es sich entwickelt, und wir müssen hier schlicht einen Mangel der Leseordnung feststellen.

 

II. Reformvorschläge, ihre Prinzipien und ihre Chancen

 

Ich möchte an fünf stellvertretend ausgewählten Beispielen zeigen, welche Arten von Reformvorschlägen in den letzten Jahren vorgelegt worden sind. Ich beginne mit der schon realisierten Abwandlung unserer Leseordnung durch das "Revised Common Lectionary", und ich ende mit einem Entwurf, der praktisch auf eine radikale Neukonzeption des Lektionars hinausläuft, der "Perikopenordnung Patmos". Dazwischen stehen mehrere Vorschläge, die man nach meinem Gefühl innerhalb der katholischen Kirche durchführen könnte, ohne daß die jetzige Ordnung in ihrer Grundstruktur angetastet würde. Die einzige Bedingung wäre, daß von der Kirche Alternativreihen zugelassen würden, für die der Liturge sich bei bestimmten Lesungen, etwa denen aus dem Alten Testament, frei entscheiden könnte. Will man hier ein willkürliches Hin- und Herspringen verhindern, dann könnte man vorschreiben, daß in einer Pfarre die Entscheidung für ein Alternativangebot nicht im Einzelfall, sondern etwa für ein ganzes Lesejahr fallen müsse. Das Projekt "Patmos" stellt im Vergleich mit solchen vorsichtigen Erweiterungskonzepten die Grundstruktur des jetzigen Lektionars selbst in Frage. Aber auch sehr radikale Überlegungen sind wichtig. Denn wenn einmal eine Chance zur Reform kommen sollte, müssen die verschiedenen Möglichkeiten durchdacht und ausformuliert sein.

 

1. Das "Revised Common Lectionary" hat vor allem dem Ungenügen an der alttestamentlichen Lesereihe Rechnung getragen. Ohne die jetzt vorhandene alttestamentliche Reihe abzuschaffen, bietet es - alternativ dazu - durch die Sonntage der drei Jahre hindurch eine weitere alttestamentliche Reihe an. Die Lesungen dieser Reihe sind nicht mehr im Blick auf die Evangelien ausgesucht, sondern bilden selbst ebenfalls eine Bahnlesung. Sie folgen, wenn auch naturnotwendig in großen Schritten, grob dem Gang des alttestamentlichen Kanons. Im Lesejahr A geht der Weg von Genesis bis Richter, im Lesejahr B durch die Samuelbücher(20) und die Weisheitsliteratur, im Lesejahr C durch die Königsbücher und das Prophetenkorpus.(21)

 

Das Prinzip ist sauber, die Auswahl innerhalb des Alten Testaments ist kompetent und abgewogen. Gegenüber der später zu besprechenden Perikopenordnung "Patmos" ist zu beachten, daß die Bahnlesung einfach dem Kanon folgt, nicht einer fragwürdigen Heilsgeschichtstheorie.

 

Doch ergibt sich bei dieser Lösung eindeutig ein Problem: Nun laufen sogar drei Bahnlesungen nebeneinander her. Jeder Sonntag hat drei nicht innerlich zusammenhängende Lesungen. Es gibt überdies keine spezielle Charakterisierung des Sonntags durch das Evangelium mehr, da das Evangelium nicht mehr durch eine darauf abgestimmte andere Lesung unterstrichen wird. Jede der 3 Lesungen ist an jedem Sonntag nur mit der entsprechenden Lesung des vorangehenden und des folgenden Sonntags verbindbar. Radikalität also in Bezug auf Bahnlesung, Verzicht auf ein zusammenklingendes Leseformular für den einzelnen Sonntag. Dem Alten Testament geschieht sicher mehr Gerechtigkeit als in der jetzigen katholischen Ordnung. Aber in England ist das "Four Year Lectionary" in Konkurrenz zum "Revised Common Lectionary" gerade deshalb ausgearbeitet worden, weil man dieser Zerstörung der thematischen Einheit der einzelnen Sonntage nicht zustimmen wollte.

 

2. Den Gedanken, der unveränderten bisherigen Ordnung einfach eine Reihe neuer, freigestellter Alternativlesungen zuzugesellen, verfolgen auch an verschiedenen Orten der Welt die katholischen Frauen. Eine alternative Zusatzreihe von "Frauenlesungen" hätte auch gewisse Chancen, wie von Rom aus offenbar signalisiert wurde. In Deutschland ist schon vor einigen Jahren ein Alternativentwurf für eine solche Reihe entstanden.(22) Er ist in seiner zweiten Fassung aus der Liturgischen Kommission der Deutschen Bischofskonferenz im ganzen positiv, in Einzelheiten auch kritisch begutachtet worden. Die Überarbeitung müßte eigentlich bald fertig sein, und es ist zu hoffen, daß diese Zusatzreihe dann von der Deutschen Bischofskonferenz befürwortet und von Rom genehmigt wird - falls in Rom selbst nicht inzwischen für die ganze Kirche eine entsprechende Frauen-Reihe lanziert wird.

 

Natürlich ließe sich das Anliegen einer solchen Frauen-Zusatzreihe auch erfüllen, wenn andere Alternativreihen von vornherein frauengerechter angelegt wären. An sich ist eine eigene Zusatzreihe mit Frauentexten ein ausgesprochener Wundverband.

 

3. Beim Problem der Fremdheit der Apostolos-Bahnlesung innerhalb eines sonst vom Evangelium her thematisch bestimmten Sonntagsformulars setzt ein Entwurf an, den Adrien Nocent, einst Mitglied der Kommission, die das Lektionar geschaffen hat, 1991 im Namen einer ganzen Gruppe vorgelegt hat.(23) Vom gleichen Anliegen getrieben sind Entwürfe und tabellarische Übersichten, die Heinz Schürmann, ebenfalls einst Mitglied dieser Kommission, in seinen letzten Jahren veröffentlicht hat.(24) Der Apostolos-Bahnlesung wird bei diesen Entwürfen eine alternative Perikopenreihe aus den neutestamentlichen Briefen zur Seite gestellt, die zu den jeweiligen Evangelien paßt. Hier kommt also offenbar aus dem Kreis der Schöpfer der Leseordnung selbst ein gebliebenes Unbehagen zu Wort. Die thematische Einheit der einzelnen Sonntagsformulare wird in ihren neuen Vorschlägen oft gut erreicht. Allerdings werden bei ihnen die Probleme der alttestamentlichen Lesung überhaupt nicht berührt.

 

Nocent hat seinen Entwurf bescheiden als eine Möglichkeit für Wortgottesdienste außerhalb der Eucharistiefeier vorgelegt, bei denen ja größere Freiheit herrsche. Doch könnte ich mir gut vorstellen, daß eine aus diesen Überlegungen heraus entwickelte Apostolos-Lesereihe von Rom auch für die Meßfeier als Alternativreihe anerkannt würde.

 

4. Dies scheint mir sogar noch denkbar bei dem Projekt, mit dem ich selbst sympathisiere und das ich gern die "Wiener Perikopenordnung" nennen möchte. Es stammt nämlich aus den Überlegungen und Studien des Wiener Alttestamentlers Georg Braulik OSB vom Schottenkloster.(25) Georg Braulik hat seine Prinzipien allerdings noch nicht in einem genauen Entwurf konkretisiert. Das hängt damit zusammen, daß er sich auch stark an den Lesetraditionen der alten, vor allem der syrischen Kirche orientiert und in dieser Hinsicht zunächst noch weitere Vorstudien für nötig hält.

 

Ohne jetzt schon die Begründung vorwegzunehmen, möchte ich den Entwurf so charakterisieren: Die erste Lesung an den Sonntagen im Jahreskreis sollte nicht von überallher im Alten Testament genommen werden, sondern nur aus dem Pentateuch. Sie sollte eine durch alle drei Lesejahre in einer einzigen Linie hindurchlaufende Bahnlesung der Tora sein.(26) Den Pentateuchlesungen sollten, ähnlich wie den Evangelien in den Entwürfen von Nocent und Schürmann, ergänzende Lesungen aus den restlichen Büchern des Alten Testaments thematisch zugeordnet werden. Diese zweite Lesereihe wäre in der konkreten Eucharistiefeier alternativ zu der neutestamentlichen Apostolosreihe, so daß es im ganzen bei drei Lesungen pro Sonntag bliebe.

 

Bei diesem Entwurf gäbe es keine Entsprechung zwischen der Toralesung und dem Evangelium. In beiden Fällen handelte es sich um Bahnlesungen. Es wird angenommen, daß ein Nebeneinander dieser beiden Bahnlesungen eher möglich wäre als das von zwei direkt benachbarten neutestamentlichen Bahnlesungen, die dazu noch einen anderen Zusammenhang unterbrechen. Jeden Sonntag hätte jede dieser beiden Hauptlesungen im Lektionar ein fakultatives Komplement. Je nachdem, auf welche der beiden Hauptlesungen sich die Homilie und die Gesamtgestaltung der Eucharistiefeier konzentrieren soll, könnte der Liturge für die zweite Lesung zwischen einer alttestamentlichen und einer neutestamentlichen Lesung wählen.

 

Bei diesem Projekt wäre die Bereitschaft Roms zur Zulassung fakultativer Alternativlesungen wohl am stärksten herausgefordert. Denn im Grunde müßten drei Alternativreihen gewährt werden: eine Tora-Reihe, eine neue Reihe alttestamentlicher Zweitlesungen in Zuordnung zur Toralesung und eine neue Reihe neutestamentlicher Zweitlesungen in Zuordnung zum Evangelium (im Sinne von Nocent und Schürmann). Dennoch scheinen mir die entscheidenden Prinzipien der jetzigen Leseordnung unangetastet zu sein, vor allem die Dreizahl der Lesungen, die Dreizahl der Lesejahre und deren Zuordnung zu je einem synoptischen Evangelium. Es gäbe zwar wieder eine doppelte Bahnlesung, doch mit weniger Störungspotenz. So hielte ich, wenn auch nicht sofort, eine Zustimmung Roms selbst zu dieser "Wiener Perikopenordnung" noch für denkbar.

 

5. Dagegen liefe die jetzt noch zu nennende "Perikopenordnung Patmos" auf einen radikalen Neuansatz hinaus. Sie ist in den letzten Jahren in Anlehnung an einen nie vollständig veröffentlichten Entwurf aus der Abtei Maredsous von Hansjakob Becker, dem Liturgiker von Mainz, vorgelegt worden.(27) Den Namen "Patmos" hat er ihr selbst gegeben. Becker opfert die Evangelien-Bahnlesung. Bei ihm gibt es nur noch die alttestamentliche Lesung als Bahnlesung. Sie gibt jedem Sonntag sein Gesicht. Von ihr her konstruiert Becker an jedem Sonntag eine thematische Einheit der Lesungen. Psalm, Apostellesung und Evangelium werden von der alttestamentlichen Lesung her ausgewählt. Damit sind auch die Evangelienjahre aufgegeben. Trotzdem soll die Leseordnung mehrere Jahre überspannen, sogar deren vier. Das Alte Testament soll aber in den vier Jahren nicht ein einziges Mal durchlaufen werden, sondern in jedem Jahr soll von neuem die ganze "Heilsgeschichte" abrollen.

 

Zu diesem Zweck gibt es feste, jährlich wiederkehrende thematische Sonntage, zum Beispiel einen Sonntag "Adam I", "Adam II", "Abel", "Noach", "Babel" usw. Die alttestamentlichen Texte sind in jedem Jahr aus dem Bereich genommen, den der Name des Sonntags nennt. Doch wechseln sie, wo das vom Textbestand aus möglich ist, von Jahr zu Jahr, und auf jeden Fall wechseln die zugehörigen neutestamentlichen Lesungen und Evangelien. Das Konzept der "Heilsgeschichte", das dabei zugrundeliegt, ist nicht ganz klar.(28) Teilweise werden die Perikopen vom Inhalt her in der objektiven Geschichte eingeordnet, teilweise werden sie an ihrem vermutlichen Entstehungsdatum untergebracht. Das mag eine sekundäre Unklarheit sein. Ob sie sich leicht beseitigen ließe, ohne den Entwurf als ganzen in Frage zu stellen, ist eine andere Frage. Da das Alte Testament als ganzes nun einmal kein Geschichtsbuch ist, könnten wichtige Teile des Alten Testaments nicht mehr gebracht werden, sobald die Hilfsmaßnahme, sie einfach zu ihrer Entstehungszeit einzuordnen, nicht mehr als zulässig betrachtet wird.

 

Die einzelnen Sonntagsformulare sind oft anregend und tiefgründig zusammengestellt. Dennoch scheint mir das Ganze zu sehr didaktisch orientiert zu sein. Auch grenzt die streng thematische Konzeption jedes Sonntags die Sinnbreite der einzelnen Lesungen vermutlich zu sehr ein. Auf jeden Fall bedeutet der Entwurf einen Neuansatz, der sich radikal von den Grundstrukturen unserer jetzigen Leseordnung distanziert. Es ist nicht mehr eine Weiterführung. Ich frage mich auch, ob in diesem Entwurf die Rolle des Evangeliums im christlichen Gottesdienst nicht zu niedrig angesetzt wird.

 

III. Die "Wiener Perikopenordnung" und ihr Ansatz

 

Ich möchte jetzt noch einige Erläuterungen zur von mir mitvertretenen(29) "Wiener Perikopenordnung" bringen. Ihr Charakteristikum ist die Tora-Bahnlesung an den Sonntagen im Jahreskreis, die in einer Art polarer Spannung zur dortigen Evangelien-Bahnlesung steht. Was führt zu dieser Konzeption?

 

Liest man den grundlegenden Aufsatz von Georg Braulik, dann erkennt man zwei Ansätze, die sich gegenseitig stützen. Um beim zweiten zu beginnen: Es ist ein Blick auf alte liturgische Traditionen.

 

In den Großkirchen des spätrömischen und byzantinischen Reiches sind die alttestamentlichen Lesungen relativ früh aus dem Wortgottesdienst verschwunden - wie heute deutlich wird, vielleicht gar nicht immer wegen antijüdischer Einstellungen, sondern weil man sie in andere Gottesdienste verlegte, in Konstantinopel etwa in den Abendgottesdienst. Diese Zweitgottesdienste haben sich allerdings auf die Dauer nicht durchgesetzt, und mit ihnen ging die Lesung des Alten Testaments im Gemeindegottesdienst unter. Will man also etwas erfahren über die frühe Weise, im christlichen Gottesdienst mit dem Alten Testament umzugehen, dann muß man eher zu den an den Rand gedrängten Christenheiten gehen, wo Älteres ungestört weiter lebte. Hier ist Georg Braulik vor allem bei den ostsyrischen Kirchen fündig geworden, wo sich die Toralesung zum Teil bis heute durchgehalten hat. Als klassische Normalordnung in diesem Traditionsbereich kann man ein Vierlesungssystem abstrahieren:

 

(1) Tora

(2) Rest AT als Kommentar

(3) Rest NT als Kommentar

(4) Evangelium

 

Die Dozentin an der Wiener Juristischen Fakultät Dr. Eva Synek hat inzwischen auch in den "Apostolischen Konstitutionen" (etwa um 380 kompiliert) die Leitvorstellung einer Toralesung im christlichen Gottesdienst nachgewiesen.(30) Auch an anderen Stellen in der Welt haben sich noch Spuren ursprünglicher Toralesung erhalten. So hat mir Kardinal Carlo Martini noch vor kurzem gesagt, in der ambrosianischen Liturgie, die er in Mailand feiert, seien alle erste Lesungen der Fastenzeit aus der Tora. Die Ansicht, wenn man im christlichen Gottesdienst aus dem Alten Testament lesen wolle, gehe es vor allem um Lesung der Tora, hat also ihren Anhalt in alter Praxis der christlichen Kirche. Die Frage, ob hier eine Abhängigkeit von der synagogalen Leseordnung vorliege, ist sekundär. Beide Lesungssysteme haben sich zeitlich nebeneinander, nicht nur nacheinander entwickelt. Beeinflussungen können für Details in beiden Richtungen stattgefunden haben.

 

Georg Braulik ist sehr vorsichtig bei der Benutzung dieser historischen Fakten. Er sagt nicht, er könne nachweisen, das Tora-Prinzip stünde am Anfang des christlichen Lesegottesdienstes überhaupt, oder es habe zunächst überall in der christlichen Welt gegolten. Für solche Thesen, auch wenn sie vielleicht zutreffen könnten, ist unsere Information viel zu gering und zu spät. Er sagt nur, die im Rahmen unserer Quellenlage sehr früh und an verschiedenen Stellen nachgewiesene Praxis legitimiere es auch liturgiegeschichtlich, derartige Lesungssysteme auch heute wieder als möglich zu behaupten, falls es Sachgründe dafür gibt, die alttestamentliche Schriftlesung im Wortgottesdienst vor allem als Toralesung zu konzipieren.

 

Damit komme ich zu den Sachgründen, die bei Georg Braulik durchaus an erster Stelle stehen. Es sind Überlegungen über die Struktur des biblischen Kanons.

 

Die Bedeutung des biblischen Kanons ist in den letzten Jahren wieder ganz neu ins Bewußtsein der Bibelwissenschaft getreten. Die inzwischen klassische "moderne Bibelwissenschaft" war, genau genommen, "romantisch". Sie suchte die Ursprünge: den ältesten Textzustand, den genialen ersten Autor. Wie anders klingt die Frage, die heute wieder darüber hinaus gestellt wird: Welchen Text sollen wir eigentlich auslegen? Den ältesten, oft nur ganz hypothetisch erreichbaren und von jedem Forscher anders definierten? Oder den, welchen Kirche und Synagoge benutzen - auch wenn er vielleicht eine lange Vorgeschichte hat? Man kann in der Bibelwissenschaft natürlich jeden Text und jede Textphase interpretieren. Die Kenntnis älterer Textphasen ist oft auch sehr hilfreich für die Interpretation des jetzigen Bibeltexts. Deshalb bleibt die bisher so im Vordergrund stehende historische Rückfrage unaufgebbar. Aber auszulegen ist der Text, den die Glaubensgemeinschaft als Wort Gottes ansieht und von dem sie sich immer wieder - vor allem aber in der Liturgie - ihre eigene Identität zusprechen läßt. Damit sind wir an dem Punkt, wo zwischen Bibel und Liturgie die elektrischen Drähte sich nahekommen und plötzlich die Funken springen. Die Liturgie hat für ihre Bibellesung eine rituelle Struktur, und diese Struktur entspricht der inneren Struktur des biblischen Kanons. Die wichtigste und grundlegende Unterscheidung ist die zwischen den beiden Testamenten. Das ist die Grundaufteilung jeder Bibelausgabe, und ein christlicher Gottesdienst ganz ohne das Neue Testament wäre eine Verstümmelung des Gottesworts. Die Struktur des biblischen Kanons und die Struktur einer sachgemäßen Leseordnung entsprechen einander. Letztlich handelt es sich um eine und dieselbe Struktur. Nur ist sie noch differenzierter, als die Zweiteilung in die beiden Testamente anzeigt. Auch die Ordnung der Bücher innerhalb der Testamente ist nicht einfach additiv.

 

Doch ehe ich hier weiterfahre, schalte ich eine Zwischenüberlegung ein. Warum haben wir überhaupt "heilige Schriften"? Und warum lesen wir sie im Gottesdienst?(31) Keine Gesellschaft, ja keine Gruppe könnte funktionieren ohne eine gemeinsame Orientierung an der Vergangenheit. Sie braucht, wie die Kulturwissenschaft sagt, ein "kollektives Gedächtnis".(32) Doch das besteht nicht einfach in dem, was wir "geschichtliches Wissen" nennen würden und auf einer Zeitlinie verteilen. In frühen Kulturen müssen wir beim Stichwort "kollektives Gedächtnis" unterscheiden zwischen dem "kommunikativen" und dem "kulturellen" Gedächtnis. Das kommunikative Gedächtnis, das direkte Faktenerinnerung umfaßt, reicht höchstens drei Generationen zurück und wandert mit dem Wechsel der Generationen in seinen Inhalten weiter. Erst durch später hinzukommende Technik und Archivierungsmethoden ist es inhaltlich in Jahrtausenddimenionen hinein aufgeblasen worden, die aber vom Individuum nicht präsent erfaßt werden und existentiell auch nur zum geringsten Teil interessieren. Es ist die "Geschichte" der Geschichtswissenschaft. Das kulturelle Gedächtnis reicht weiter zurück. Es besteht aus Anfangsgeschichten, Urgeschichte, oft Schöpfungsgeschichte. Der inhaltliche Abgrund zwischen kommunikativem und kulturellem Gedächtnis wurde im frühkulturellen Bewußtsein kaum bemerkt und oft sogar mit einfachen Mitteln überdeckt, vor allem mit genealogischen Konstrukten. In den symbolischen Gestalten und urbildlichen Handlungsfigurationen des kulturellen Gedächtnisses (die unter Umständen durchaus auch wieder historisch sein können) findet die jetzige Gemeinschaft oder Gesellschaft ihre Identität. In den frühen Kulturen wurde dieses kulturelle Gedächtnis immer wieder neu aufgebaut im Fest. Am Fest wird es im Kult gegenwärtig. Im Judentum und Christentum hat sich das kulturelle Gedächtnis noch einmal speziell niedergeschlagen, nämlich im Buch. Besser: in einem Kanon heiliger Bücher. Diese Bücher enthalten die Urzeit. Die Liturgie, in der diese Bücher rezitiert werden, ist Vergegenwärtigung der Urgeschichte, ist "Anamnese". Doch diese die Kirche immer von neuem aufbauende Urerinnerung ist in sich selbst nochmals strukturiert. Gerade das ist in unserem Diskussionszusammenhang noch kaum bedacht worden. Damit komme ich zum Hauptthema zurück.

 

Ich beginne - zeitlich falsch - mit dem Neuen Testament. Dort sind die Verhältnisse klarer faßbar, weil dort die liturgische Tradition niemals so wie beim Alten Testament im Lauf der Liturgiegeschichte zusammengebrochen ist. Wir haben in unserem Wortgottesdienst nicht eine einzige neutestamentliche Lesung, sondern zwei. Unter ihnen ist das Evangelium durch seine Schlußposition und durch besondere Begleitriten herausgestellt. Warum?

 

Allein im Evangelium wird christliche Gründungsgeschichte im strengen Sinn erzählt. Die Zeit des Lebens Jesu, speziell sein Tod und seine Auferstehung, sind für die Kirche eine neue und ihre eigentliche "Urzeit". Wir benötigen als urgeschichtliches Wissen nicht notwendig auch eine Geschichte der ganzen apostolischen Zeit, geschweige denn eine bis heute reichende "Kirchengeschichte". Die "Zeit", aus der wir leben, ist in den Urfigurationen des vierfachen Evangeliums objektiviert. Die anderen Schriften des Neuen Testaments besitzen für uns zwar ebenfalls kanonisches Gewicht. Insofern gehören auch sie zu unserem kulturellen Gedächtnis. Doch in der definitiven neutestamentlichen Kanonkomposition sind sie zwar notwendig, aber doch nur komplementär und explikativ zum Evangelienblock.(33) Am deutlichsten wird die Trennungslinie zwischen den Evangelien und dem Rest des Neuen Testaments erkennbar an der Zerschlagung des ursprünglich natürlich zusammengehörigen lukanischen Doppelwerks. Der erste Teil befindet sich als drittes unter den vier Evangelien. Der zweite Teil, die Apostelgeschichte, steht davon getrennt, und zwar in manchen frühen Handschriften noch nicht einmal direkt hinter den Evangelien. Dem Lukasevangelium kommt im neutestamentlichen Gesamtkanon offenbar eine andere Funktion zu als der Apostelgeschichte. Diesem Sachverhalt entsprechend gibt es im Wortgottesdienst der Messe die klare Unterscheidung zwischen der Lesung aus dem (dienenden, erklärenden) "Apostolos" und der eigentlichen Vergegenwärtigung der messianischen Urzeit im Evangelium.

 

Das alles ist für das Neue Testament und die neutestamentlichen Lesungen der Messe leicht einsichtig. Doch die entsprechenden Einsichten für das Alte Testament müssen für das Alte Testament und seine Präsentation im Wortgottesdienst der Messe wegen des Verlusts der alttestamentlichen Lesungen im Verlauf der Geschichte neu gewonnen werden. Für die Schöpfer unserer neuen Leseordnung war schon die Wiedereinführung einer alttestamentlichen Lesung eine unglaubliche Leistung. Weiter konnte man damals auch von der Bibelwissenschaft und der Liturgiewiessenschaft her gar nicht sehen.

 

Wollen wir in weitergeschrittener Stunde nun mehr und klarer sehen, dann müssen wir argumentativ - von den wenigen alten liturgischen Spuren, die Braulik gefunden hat, zunächst einmal absehend -eher den umgekehrten Weg gehen wie soeben beim Neuen Testament: nicht von der liturgischen Praxis zur Kanonstruktur, sondern von der Kanonstruktur zur liturgischen Praxis.

 

Gibt es auch im Kanon des Alten Testaments eine solche Zweiteilung, wie sie im Neuen Testament vorliegt - in Schriften, welche die eigentliche Gründungszeit darstellen, und in andere, der Gattung nach erzählende oder auch nicht-erzählende, die durchaus notwendig, aber der Sache nach ergänzend, kommentierend, weiterführend hinzutreten? Das ist in der Tat so. Als die Gründungsgeschichte Israels müssen wir die 5 Bücher Moses betrachten (Pentateuch, Tora). Sie beginnen mit der biblischen Urgeschichte (Genesis 1-11). Das wäre in anderen alten Kulturen und ihrem Kult genug. Das Besondere Israels ist, daß das kulturelle Gedächtnis bis zu den geschichtlichen Anfängen des Volkes Israels gedehnt ist. Der Exodus aus Ägypten ist für Israel noch "Urzeit". Diese endet mit Moses Tod, an der Schwelle des verheißenen Landes. Die Eroberung des verheißenen Landes unter Josua gehört nicht mehr dazu, obwohl die Geschichtserzählung in den Büchern, die nach allen Kanonlisten auf den Pentateuch folgen, einfach weiterläuft. Der Querstrich auf der narrativen Linie ist an einer ganzen Reihe von Textsignalen erkennbar, die im Lauf der letzten Jahrzehnte von verschiedensten Autoren in verschiedenen Büchern des Alten Testaments entdeckt wurden und die ich hier nicht ausbreiten kann.(34) Es entspricht auch dem strukturellen Grundansatz der synagogalen Leseordnung (Tora + Haftara), die ja nur unser Altes Testament kennt. In einer im Judentum des 2. Tempels, im Neuen Testament und in der christlichen Tradition gebrauchten Kurzformel bekommen wir alles zu fassen, wenn in ihr das Alte Testament bezeichnet wird als "Mose und die Propheten" oder "Gesetz und Propheten".(35)

 

Machen wir nun den Analogieschluß von der neutestamentlichen Leseordnung her, dann wäre in einer kanongemäßen Perikopenordnung nur die Tora zu lesen, und zwar als Bahnlesung, ähnlich wie das Evangelium. Dieser Lesung könnten, ähnlich wie nachher dem Evangelium der Apostolos, Lesungen aus den restlichen Teilen des Alten Testaments deutend und erweiternd hinzugefügt werden, und zwar in Zuordnung zum Thema der jeweils gerade fälligen Toralesung.

 

Damit sind wir bei der klassischen Vierlesungs-Normalstruktur der altsyrischen Leseordnung und ihrer in ein Dreilesungssystem abgewandelten Gestalt in der "Wiener Perikopenordnung". In der Grundanlage ist es eine Ellipse, mit den beiden Gründungsgeschichten als den Brennpunkten, und dazwischen der alternativ angebotenen weiteren Lesung aus den restlichen Büchern sei es des Alten, sei es des Neuen Testaments.

 

Daß es zwei Gründungsgeschichten gibt, entspricht der Grundspannung des Gesamtkanons zwischen Altem und Neuem Testament. Die zweite Gründungsgeschichte hat die erste nicht überflüssig gemacht, sondern beide sind zueinander komplementär. Keine kann im christlichen Gottesdienst ohne die andere sein. Aber selbst wenn man sich die Formulierung von Kardinal Joseph Ratzinger in einem Interview aus dem Jahre 1990 zu eigen macht, wo er sagte "The New Testament is none other than an interpretation of the Old",(36) wird man vielleicht besser zunächst noch genauer nach dem Verhältnis der beiden Gründungsgeschichten Tora und Evangelium fragen. Hier werden die Beziehungen zwischen den beiden Gesamtkanones grundgelegt. Das Evangelium setzt die Tora fort und interpretiert sie, doch so, daß es die messianische, endzeitliche, definitive Aussage enthält.

 

Die Kontinuität zwischen beiden Gründungsgeschichten läßt sich vielleicht am ehesten am narrativen Zusammenhang zwischen dem Ende der Tora und dem Anfang aller vier Evangelien verdeutlichen. In seinem alten "Credo" bekannte Israel ja, Gott habe sein Volk aus Ägypten befreit und in das ihm verheißene Land hineingeführt. Die narrative Entfaltung dieses Bekenntnisses käme ohne das Buch Josua nicht aus. Doch nachdem das Land zur Zeit des babylonischen Exils wieder verloren und auch nachher niemals wieder ganz Israel in sein Land zurückgekehrt war, die im Land wohnende Judenheit zudem meist fremden Herrschaftssystemen unterworfen war, hat das Israel des 2. Tempels, als es seinen Kanon entwickelte, die Erzählung von der Eroberung des Landes unter Josua gewissermaßen theologisch suspendiert. Es hat seine eigentliche Gründungsgeschichte, die später dann zur ersten Synagogenlesung wurde, beim Tod Moses abgebrochen. Josuas Erfolge wurden dadurch zur Episode erklärt: wissenswert, aber noch nicht Dokumentation von bleibend durchhaltendem Heil. Für die Synagoge steht das wirklich von Gott gestiftete Israel immer noch am Jordanufer und wartet auf den wahren Einzug in die Verheißung - und dabei geht es nicht allein um die Heimkehrverheißung der Propheten, sondern viel früher und umfassender um die Verheißung der Stimme aus dem brennenden Dornbusch. Genau am Jordanufer setzen nun die Evangelien ein. Johannes tauft am Ostufer des Jordan. Jesus aber (im Griechisch der Bibel sind Jesus und Josua der gleiche Name) überquert den Fluß und verkündet im Lande der Verheißung: Jetzt ist die Herrschaft Gottes am Kommen. Dies löst die Dramatik des ganzen nun folgenden Lebens Jesu aus. Hierzu wäre noch viel zu sagen. Vor allem gibt es auch nach den Evangelien zwischen Jesu Erhöhung und seiner zu erwartenden Wiederkunft noch einmal eine zeitliche Spanne. Aber sicher geht es bei der Polarität von Toralesung und Evangelienlesung um mehr und um Dichteres als um Oberflächenbeziehungen, die man bei Stichwörtern wie "typologische Entsprechung" und "Erfüllung von Verheißungen" zunächst vermutet - obwohl diese Formeln durchaus Wichtiges treffen.

 

Man hat es in bisherigen Diskussionen als ein Problem der "Wiener Perikopenordnung" bezeichnet, daß sie an den Sonntagen im Jahr zwei Bahnlesungen vorsehe. Die einzelnen Lesungen aus der Tora und aus den Evangelien könnten dann natürlich nicht bewußt thematisch aufeinander abgestimmt werden. Sind unabgestimmte Lesungen eines Sonntagsformulars denn nicht eine Überforderung jedes Teilnehmers und Predigers?

 

Hier wäre eine genauere Diskussion über Sinn und Gefahr thematisch konzipierter Perikopenformulare zu führen. Ich kann sie jetzt nicht beginnen.(37) Ich möchte nur gerade folgendes anmerken: In der Wiener Perikopenordnung wären nicht mehr Bahnlesungen als in unserer jetzigen, nämlich zwei. Im Unterschied zum jetzigen System schiebt sich aber keine Bahnlesung zwischen zwei aufeinander abgestimmten Lesungen ein und zerstört so den Zusammenhang zwischen ihnen. Die beiden voneinander unabhängigen Bahnlesungen stehen vielmehr am Anfang und am Ende der Lesungsreihe. Die Lesung in der Mitte ist entweder dem Anfang oder dem Ende zugeordnet und steht in beiden Fällen in unmittelbarer Nachbarschaft zur korrespondierenden Perikope. Das ändert die Rezeptionssituation schon einmal entscheidend.

 

Es kommt hinzu, daß die erste Bahnlesung nicht aus dem ganzen Alten Testament, sondern aus der Tora genommen ist. Nun haben die meisten Texte des Pentateuch ähnlich wie die meisten Texte der Evangelien eine Eigenschaft, die nicht ohne weiteres für die meisten Texte des restlichen Alten und des restlichen Neuen Testaments typisch ist: Sie sind viel stärker jeweils auch in sich geschlossene Einheiten, und als solche enthalten sie stets viel mehr von der Zentral- und Gesamtaussage des Alten oder des Neuen Testaments. Eigentlich enthalten sie stets irgendwie "das Ganze im Fragment". Das mag damit zusammenhängen, daß sie eine andere Vorgeschichte in mündlicher Tradition haben als zum Beispiel durchlaufende Geschichtsdarstellungen, Prophetenbücher, Weisheitstexte oder neutestamentliche Briefe. Zum Teil mögen sie in ihrer Form schon sehr früh gottesdienstlicher Verkündigung zugeordnet gewesen sein. Das bedeutet aber, daß auch bei oberflächlicher thematischer Dissonanz zwischen einer in der Bahnlesung gerade fälligen Torastelle und einer in der Bahnlesung gerade fälligen Evangelienpassage ausgesprochene Tiefenbezüge keineswegs fehlen müssen. Und Tiefenbezüge dieser Art entfesseln dann mehr Möglichkeiten von Sinnwahrnehmung, dazu oft tiefere, als es die rational vorbedachten Korrespondenzen zwischen den alttestamentlichen Lesungen und den Evangelien in unserer jetzigen Perikopenordnung können. Es ist erstaunlich, daß genau diese Erfahrung gemacht wurde, wenn man in den letzten Jahren schon konkret mit einer Tora-Bahnlesung experimentiert hat.(38) Ich bitte also, im Blick auf die "Wiener Perikopenordnung" mit einem schnellen Einwand wegen "thematischer Inkongruenzen" vorerst eher zurückhaltend zu sein.

 

Damit möchte ich meine Bemerkungen zur "Wiener Perikopenordnung" abschließen, obwohl noch viel dazu zu sagen wäre. Ich glaube zum Beispiel, daß die augenblickliche Tendenz zu perikopenunabhängigen moralisierenden Predigten durch diese Perikopenordnung zurückgedrängt werden könnte. Ich bin nicht grundsätzlich gegen ethische Aspekte in der Predigt. Auch die Paulusbriefe enden in ihrem zweiten Teil immer beim Ethos. Wohl aber würde die Tora, die in ihren Erzählungen wie in ihren Gesetzen eine ganz andere Fülle von Welt entfaltet, klare und wirklich biblische Ansatzpunkte für ethische Predigtinhalte liefern. Selbstverständlich ist, sobald man zu konkreten Texten kommt, vieles zeit- und kulturbedingt, und manches, was sich im Pentateuch findet, hat Jesus noch radikalisiert. Aber zeit- und kulturbedingt ist auch vieles Konkrete im Neuen Testament. Auch gibt es innerhalb des Alten Testaments selbst schon Problemlösungen, die miteinander in Spannung stehen. Entscheidend ist, daß die Bibel selbst uns Problemfelder aufweist und uns zeigt, in welcher Art sie anzugehen und ethisch zu beurteilen sind. Die Konkretisierung ins Heutige bleibt der Dienst, den die Predigt zu leisten hat. Aber sie spräche dann von der Heiligen Schrift her und legte sie dabei aus.

 

Abschluß: Praktische Möglichkeiten

 

Blicken wir zurück! Wenn man in der heutigen Situation über unsere Perikopenordnung spricht, kommt man fast notwendig dahin, wo wir tatsächlich angelangt sind. Man ist zwar glücklich, daß wir ein erhebliches Stück weiter sind als die früheren Generationen. Wir sind den Vätern des Konzils außerordentlich dankbar für die Durchbrüche, die sie erzielt haben, und wir sind den Liturgikern und Praktikern der ersten Stunde nach dem Konzil dankbar für die viele Kleinarbeit, mit der sie das Konzil nach bestem Wissen und Können in seinen Ergebnissen konkretisiert haben. Doch zugleich haben wir Abstand gewonnen. Wir sehen klarer, was in den wenigen Jahren der eiligen Reformarbeit vielleicht nicht so klar zu sehen war. Wir spüren den Widerstand der Realität. Wir entdecken die Fehler und Unstimmigkeiten, über die vielleicht am Anfang der Enthusiasmus hinwegtrug. So beginnen wir, weiterzudenken, neu zu entwerfen. Das ist mir auch in diesem Referat geschehen. Am Ende habe ich Ihnen einen Entwurf dargelegt, von dem ich selbst zwar zutiefst überzeugt bin, von dem ich aber nicht weiß, ob er sich je durchsetzen wird. Deshalb muß man am Ende eines solchen Referats, so wichtig alles Gesagte in sich selbst sein mag, auch den Blick wieder zurücklenken und sich fragen, was man denn jetzt, neben den Gedanken, die in die Zukunft schweifen, machen könne, was man sofort tun oder vielleicht besser als bisher tun könne. In diesem Sinne möchte ich jetzt einfach einige Punkte nennen, ohne dabei breit zu werden und ohne die Verbindung zu allem, was ich bisher gesagt habe, ausdrücklich herauszuarbeiten. Mir scheint vor allem, daß wir die Pflicht haben, im deutschen Sprachbereich gegenüber dem Rest der katholischen Welt aufzuholen und endlich allgemein die Dreizahl der Lesungen durchzusetzen. Der Rückzug auf nur zwei Lesungen sollte eine wirkliche Ausnahme aus wirklich speziellen Gründen sein, die de facto nur selten vorliegen. Umgekehrt scheint mir, daß wir das Recht haben, da, wo die biblischen Texte uns im Lektionar verstümmelt und falsch gekürzt angeboten werden, den vollen Text der Bibel zu nehmen. Die richtige Bibel kann uns niemand verbieten.(39) Allerdings müssen wir das zusammen mit den Lektoren und Lektorinnen gründlich vorbereiten. Wir sollten dann auch eine Bibel benutzen, die groß und schön ist wie ein Lektionar. Was die Lektoren und Lektorinnen angeht, müssen wir uns fragen, ob wir genügend für ihre Ausbildung in Stimmführung und Vortragstechnik tun. Man kann da eigentlich gar nicht genug tun. Warum soll man nicht auch Geld für die Sprech- und Vortragsschulung seiner Lektoren ausgeben?

 

Das gleiche gilt für die Kantoren - und damit bin ich vor allem beim Psalm. Wir haben, im Gegensatz zu anderen Ländern, eine so reiche kirchliche Gesangs- und Liedtradition, daß wir weithin auch nach der ersten Lesung fast automatisch ein Lied singen lassen. Sind wir uns klar darüber, daß der Psalm nicht einfach durch ein Lied ersetzt werden kann? Daß er selbst noch Lesungscharakter hat und zum Gefüge des Gotteswortes gehört, über das wir keineswegs frei verfügen können? Natürlich muß er gekonnt vorgetragen werden, und die Gemeinde muß in den Gesang der Antwortverse eingeübt werden. Aber das zu tun sollte uns ein Anliegen sein. Im Durchschnitt ist man da in anderen Ländern, etwa in Frankreich, viel weiter als bei uns. Hier hängt sehr viel daran, daß wir gute Kantoren gewinnen oder heranbilden. Natürlich sollte man dann auch über den Psalm in seinem liturgischen Verständnis predigen und versuchen, einzelne seiner Worte für das persönliche Gebet zu erschließen. Leider haben wir ja die Psalmenpredigt im Gegensatz zu den evangelischen Kirchen fast völlig aufgegeben.

 

Gesang ist aber nicht alles, was zwischen die eigentlichen Lesungen gehört. Wollen wir unserer erneuerten Liturgie den Geruch der Geschwätzigkeit und Verwortung nehmen, den sie für viele inzwischen ausströmt, dann müssen die Lesungen aus- und nachklingen können. Phasen der Schweigens oder musikalischer Improvisation meditativen Charakters im Anschluß an die Lesungen wären immer wieder zu wünschen (aber bitte an solchen Stellen keine Literatur spielen!). Im subjektiven Zeiterlebnis wird dadurch der Gottesdienst keineswegs verlängert. Eher umgekehrt.

 

Tritt so schon das Wort der Schrift aus seiner Objektivität heraus und kommt beim Teilnehmer an, so muß es darüber hinaus auch noch einmal für alle gemeinsam ankommen. Ganz entscheidend dafür ist die gelungene Homilie. Legen wir Wert darauf, die Schrift in der Predigt auszulegen? Oder weichen wir in schriftunabhängige Predigten aus? Müßte nicht vor allem die vielen Gläubigen bisher vorenthaltene Welt des Alten Testaments wirklich einmal erschlossen werden? Oder haben wir überhaupt schon damit angefangen, im Markusjahr wirklich die Markustexte zu erklären, und im Matthäusjahr wirklich die Matthäustexte, je aus ihrem Zusammenhang und je mit ihrer besonderen theologischen Spitze? Natürlich heißt das, daß wir selbst uns immer mehr in die Bibel hineinfinden müssen. Aber man hat eigentlich überhaupt kein Recht, an unserer Leseordnung etwas zu kritisieren, wenn man sich nicht zunächst einmal wirklich in die Welt hineinholen läßt, aus der sie kommt und in die sie führt, und das ist die Welt der Bibel.

 

Läßt man das geschehen, dann gilt allerdings, daß großer Reichtum entsteht. Dann gilt der Vers aus Psalm 119, den wir oft singen: "Dein Wort ist meinem Fuß eine Leuchte, ein Licht für meine Pfade."

 

 

 

1 Es handelte sich um das "Hebrew Old Testament Text Project" der "United Bible Societies", das etwa 5000 textkritisch schwierige Stellen der hebräischen Bibel aufgrund des neuesten Standes der Wissenschaft so bearbeitete, daß Bibelübersetzer, die von solchen Fragen restlos überfordert wären, klare Richtlinien hatten. Seitdem arbeiten die Bibelgesellschaften mit unseren Lesevorschlägen. Die wissenschaftliche Publikation ist noch nicht beendet. Bis jetzt ist erschienen: Dominique Barthélemy, Critique textuelle de l'Ancien Testament, Bd. 1 - 3 (OBO 50/1-3; Freiburg Schweiz: Editions Universitaires; Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 1982 - 1992). Noch fehlen Pentateuch, Psalmen und Weisheitsschriften.

 

2 Ich beziehe mich hier und stets im folgenden natürlich auf den "Ordo Lectionum Missae", der aufgrund der Konzilsbeschlüsse von einer nachkonziliaren Kommission ausgearbeitet und 1969 veröffentlicht wurde; Ordo lectionum Missae. Editio typica (Città del Vaticano: 1969). Er liegt unseren Lekionarien in den Landessprachen zugrunde. Für den deutschen Sprachbereich: Meß-Lektionar. Für die Bistümer des deutschen Sprachgebiets. Authentische Ausgabe für den liturgischen Gebrauch, 1-3 (Freiburg i.B. usw.: o.J.). Als Bibelübersetzung wurde dafür im deutschen Sprachbereich mit großem Aufwand die "Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift" geschaffen. Zum "Ordo Lectionum Missae" vgl. vor allem: Elmar Nübold, Entstehung und Bewertung der neuen Perikopenordnung des Römischen Ritus an Sonn- und Festtagen (Paderborn: Bonifatius-Druckerei, 1986). Eine gute Zusammenstellung neuerer Artikelliteratur ist: Leseordnung. Altes und Neues Testament in der Liturgie (Hg. v. G. Steins; Stuttgart: Katholisches Bibelwerk, 1997). Speziell zum Alten Testament in der Perikopenordnung vgl. vor allem die Monographie von Georg Gafus, Das Alte Testament in der Perikopenordnung. Bibeltheologische Perspektiven zur Auswahl der Lesungen an den Sonn- und Feiertagen (Europäische Hochschulschriften 23, 687; Frankfurt: Lang, 2000).

 

3 Für das Folgende vgl. Ansgar Franz, "Die Rolle des Alten Testaments in Perikopenreformen des 20. Jahrhunderts," in: Ders., Streit am Tisch des Wortes? Zur Deutung und Bedeutung des Alten Testaments und seiner Verwendung in der Liturgie (Pietas Liturgica 8; St. Ottilien: EOS Verlag, 1997) 619-648, bes. 638-645.

 

4 The Revised Common Lectionary. Includes Complete List of Lections for Year A, B, and C (Nashville: Abington Press, 1992).

 

5 Für mehr Information und Reflexion zu den ökumenischen Lektionaren im angelsächsischen Bereich vgl. F. West, "An Annotated Bibliography on the Three-year Lectionaries. Part I: The Roman Catholic Lectionary," Studia Liturgica 23 (1993) 223-244; "Part II--IV", ebd. 24 (1994) 222-248; ders., The Ecumenical Hermeneutics of the Three-Year Lectionaries (Collegeville: Liturgical Press, 2000).

 

6 Hierzu vgl. die Bemerkung des historisch bezüglich des Alters alttestamentlicher Lesepraxis eher zurückhaltenden Heinzgerd Brakmann, "Der christlichen Bibel erster Teil in den gottesdienstlichen Traditionen des Ostens und Westens. Liturgiehistorische Anmerkungen zum sog. Stellenwert des Alten/Ersten Testaments im Christentum," in: Franz, Streit (oben Anm. 3), 565-599, 598: "Die, insbesondere in ihrem alttestamentlichen Teil, unvollkommene Rezeption der nach dem 2. Vatikanum erneuerten Leseordnung des Missale Romanum durch den deutschsprachigen Katholizismus muß als größerer Mangel bewertet werden denn alle ihre Schwächen zusammengenommen."

 

7 Vgl. breit Elmar Nübold, "Die Ordnung der Meßperikopen an den Sonn- und Wochentagen", in: Bewahren und Erneuern. Studien zur Meßliturgie. Festschrift für Hans Bernhard Meyer SJ zum 70. Geburtstag (Hg. v. R. Meßner u.a.; Innsbrucker Theologische Studien, 42; Innsbruck: Tyrolia, 1995) 29-49, 35-47. Für die Osternacht vgl. Georg Braulik, "Die alttestamentlichen Lesungen der drei österlichen Tage. Ein Beitrag zur Erneuerung des Römischen Meßlektionars," Liturgisches Jahrbuch 47 (1997) 3-41.

 

8 Zu der Werktagsordnung vgl. Nübold, Ordnung der Meßperikopen (oben Anm. 7), 48f.

 

9 Zur weiteren Information vgl. Ansgar Franz, "Der Psalm im Wortgottesdienst. Einladung zur Besichtigung eines ungeräumten Problemfeldes," in: Steins, Leseordnung (oben Anm. 2), 138-146.

 

10 Der im folgenden oft gebrauchte Begriff "Bahnlesung" meint nicht eine lectio continua, wie Mosis, Pentateuch (unten Anm. 29), 140, offenbar annimmt. Es wird also nicht der vollständige Text eines biblischen Buches kontinuierlich gelesen. Gemeint ist vielmehr eine lectio semi-continua. Es können Texte übersprungen werden, doch geht die Lesung den Gang des Textes eines Buches oder einer ganzen Büchergruppe entlang.

 

11 Nach Georg Gafus, "Das Alte Testament - Stiefkind der Perikopenordnung," in: Steins, Leseordnung (oben Anm. 3), 29-46, 32, beläuft sich in den Perikopenordnungen der Sonn- und Festtage die Durchschnittslänge einer alttestamentlichen Lesung auf 5,5 Verse, die eines Evangeliums auf 10,5 Verse. Das Evangelium führt also offenbar nicht nur inhaltlich, sondern gibt bei vorgesehener Begrenzung der Gesamtlänge aller Lesungen auch noch an, wieviel Zeit und damit Textlänge überhaupt für die anderen Lesungen übrigbleibt.

 

12 Zum Folgenden vgl. Adrien Nocent, "Eine 'kleine Geschichte am Rande'. Zum Lektionar für die Meßfeier der 'gewöhnlichen' Sonntage," in: Franz, Streit (oben Anm. 3), 649-657. Die Sitzung fand am 20.-22. Juni 1966 statt. In ihr lag die jetzige Perikopenordnung erstmals in einem (später natürlich noch im einzelnen bearbeiteten) Gesamtentwurf zur Diskussion vor.

 

13 Hierzu sei nur auf die ständigen Klagen in den verschiedenen von Exegeten geschriebenen Perikopenkommentaren zur Predigtvorbereitung hingewiesen.

 

14 Besonders stark empfindet man das bei der Einschiebung der johanneischen eucharistischen Reden Jesu in den sommerlichen Markuszyklus (Lesejahr B, 17.-21. Sonntag). Das ist genau dann, wenn die Leute ihre Ferien machen und die Dorfpfarrer in den Bergen neben ihrer eigengeprägten Gemeinde auch noch alle Arten von Touristen in den Kirchenbänken sitzen haben. Einen Vorschlag für diese Sommerwochen findet man bei Nübold, Ordnung der Meßperikopen (oben Anm. 7), 33-35.

 

15 Franz-Josef Ortkemper, "In der Leseordnung vernachlässigte Texte aus dem Alten Testament," in: Steins, Leseordnung (oben Anm. 2), 165-172. Für die in der Leseordnung benutzten Schrifttexte vgl. Die Schriftlesungen der Messe. Stellenverzeichnis in der Reihenfolge der biblischen Bücher (Pastoralliturgische Hilfen, 8; Trier: Deutsches Liturgisches Institut, 1993).

 

16 Im Coetus 11, der für die Auswahl zuständig war, befanden sich Liturgiker und Neutestamentler, dagegen bis zu einem für die grundlegende Arbeit zu späten Zeitpunkt kein einziger Alttestamentler. Der noch hinzukommende Alttestamentler, C. Wiéner von der "Mission de France", begann jedoch erst in späterer Zeit, sich als Alttestamentler zu betätigen. Vgl. Gafus, Stiefkind (oben Anm. 11), 41. Die besten prosopographischen Informationen finden sich bei Nübold, Perikopenordnung (oben Anm. 2), 132-136, in den Anmerkungen. Alttestamentler durften nur vor der Erstellung der Ordnung Listen von perikopenwürdigen Bibeltexten zusammenstellen (hier gab es aber zumindest keinen einzigen deutschsprachigen Alttestamentler) und später kritische Einzelbemerkungen zur fertigen Ordnung machen, die zum Teil, aber nicht immer, noch berücksichtigt wurden.

 

17 Elmar Nübold, "Der Stellenwert des Alten Testaments in der nachvatikanischen Liturgiereform unter besonderer Berücksichtigung der Meßperikopen der Sonn- und Festtage," in: Franz, Streit (oben Anm. 3, 605-617, 612f.

 

18 Zur Kritik der amerikanischen Kirchen vgl. Franz, Rolle des Alten Testaments (oben Anm. 3), 639; zur theologischen Marginalisierung des Alten Testaments vgl. z.B. Erich Zenger, "Die jüdische Wurzel wird verdrängt," in: Publi-Forum 1993, Heft 10, 14f; ders., "Das Erste Testament zwischen Erfüllung und Verheißung", Christologie der Liturgie. Der Gottesdienst der Kirche - Christusbekenntnis und Sinaibund (Hg. v. Clemens Richter und Benedikt Kranemann; QD 159, Freiburg: Herder, 1995) 31-56.

 

19 So mit Recht Georg Braulik, "Die Tora als Bahnlesung. Zur Hermeneutik einer zukünftigen Auswahl der Sonntagsperikopen," in: Meßner, Bewahren und Erneuern (oben Anm. 7), 50-76, 52-54. Als Sachkritik am zu harten Standpunkt von E. Zenger ist wohl auch Karl Löning, "Die Memoria des Todes Jesu als Zugang zur Schrift im Urchristentum," in: Richter / Kranemann, Christologie der Liturgie (oben Anm. 18), 138-149, gemeint.

 

20 Auch die Salomogeschichte in 1 Könige ist noch hierhingezogen.

 

21 Vgl. Franz, Rolle des Alten Testaments (oben Anm. 3), 638-642.

 

22 Für die älteste Fassung, die inzwischen aber überholt ist, vgl. Anonyma, "Die Frau in der Bibel. Vorschläge für Ergänzungen zum Meßlektionar," in: Studien und Entwürfe zur Meßfeier. Texte der Studienkommission für die Meßliturgie und das Meßbuch ier Internationalen Arbeitsgemeinschaft der Liturgischen Kommissionen im deutschen Sprachgebiet, 1 (Hg. v. Eduard Nagel; Freiburg: Herder, 1995), 115-118. Weitere Informationen bei Andrea Tafferner, "Die Leseordnung aus der Perspektive von Frauen," in: Steins, Leseordnung (oben Anm. 2), 47-55.

 

23 Adrien Nocent, "Les deuxièmes lectures des dimanches ordinaires," Ecclesia Orans 8 (1991) 125-136.

 

24 Heinz Schürmann, "Das apostolische Kerygma als Interpretationshilfe für das vierfache Evangelium", in: Surrexit Dominus vere. Die Gegenwart des Auferstandenen in seiner Kirche. Festschrift für Erzbischof Dr. Johannes Joachim Degenhardt (Hg. v. J. Ernst u. S. Leimgruber; Paderborn: Bonifatius Verlag, 1995) 173-187; ders., "Konsonante Episteln für die Sonntage im Jahreskreis. Eine Vergleichstabelle mit Reformvorschlägen zum Ordo Lectionum Missae," in: Schrift und Tradition. Festschrift für Josef Ernst zum 70. Geburtstag, II (Hg. v. K. Backhaus u. F. G. Untergaßmair; Paderborn: Schöningh, 1996) 395-441.

 

25 Georg Braulik, "Die Tora als Bahnlesung. Zur Hermeneutik einer zukünftigen Auswahl der Sonntagsperikopen," in: Meßner u.a., Bewahren und Erneuern, 50-76 (oben Anm. 7); ders., "Kanon und liturgische Schriftlesung. Bibelhermeneutische Überlegungen zu einer Neuordnung der Sonntagsperikopen," in: Steins, Leseordnung (oben Anm. 2), 114-121. Meine eigenen Äußerungen zu diesem Entwurf: Norbert Lohfink, "Moses Tod, die Tora und die alttestamentliche Sonntagslesung," Theologie und Philosophie 71 (1996) 481-494; ders., "Perikopenordnung 'Patmos'. Gedanken eines Alttestamentlers zu dem Leseordnungsentwurf von Hansjakob Becker," Bibel und Liturgie 70 (1997) 218-232.

 

26 Der Gedanke einer Tora-Bahnlesung ist unabhängig voneinander an verschiedenen Stellen entstanden. So wurde er 1985 vom einleitend genannten James A. Sanders geäußert: Vgl. ders., "Canon and Calendar: An Alternative Lectionary Proposal," in: Social Themes of the Christian Year. A Commentary on the Lectionary (Hg. v. D. T. Hessel; Philadelphia: Geneva Press, 1985) 257-263. Vor einigen Jahren hat der niederländische "Rat der Kirchen", teilweise auch in Auseinandersetzung mit der neuen katholischen Leseordnung, eine Tora-Bahnlesung konzipiert und erfolgreich erprobt: Vgl. Dirk Monshouwer, "Der dreijährige Torazyklus im christlichen Gottesdienst. Ein ökumenisches Projekt," in: Richter / Kranemann, Christologie der Liturgie (oben Anm. 18), 131-137; ders., "Überraschende Erfahrungen. Der dreijährige Torazyklus im christlichen Gottesdienst," in: Steins, Leseordnung (oben Anm. 2), 92-102.

 

27 Entscheidende Veröffentlichung: Hansjakob Becker, "Wortgottesdienst als Dialog der beiden Testamente. Der Stellenwert des Alten Testamentes bei einer Weiterführung der Reform des Ordo Lectionum Missae," in: Franz, Streit (oben Anm. 3), 659-690. Meine Auseinandersetzung mit diesem Entwurf, Lohfink, Perikopenordnung Patmos (oben Anm. 25), liegt dieser Veröffentlichung zeitlich voraus. Sie geht auf ein Referat in einer Tagung über die Perikopenordnung "Patmos" zurück (Münster 13.-15. Dezember 1996), an der Hansjakob Becker selbst teilnahm und deren Gesamtveröffentlichung leider nicht zustande kam. Den Teilnehmern stand damals jedoch ein kopierter Text von Hansjakob Becker zur Verfügung, der im wesentlichen der obigen Veröffentlichung entsprach.

 

28 Speziell hierzu vgl. Lohfink, Perikopenordnung Patmos (oben Anm. 25), 221-224.

 

29 Meine diesbezüglichen Artikel (vgl. oben Anm. 25) sind kürzlich angegriffen worden von Rudolf Mosis, "Pentateuch als Bahnlesung und Tod des Mose. Zu einer aktuellen Kontroverse," Trierer theologische Zeitschrift 109 (2000) 139-160. Wenn ich von einigen Mißverständnissen und von polemikbedingten Überinterpretationen einzelner meiner Formulierungen absehe, kann ich gerafft wohl folgendes zu diesem Artikel sagen: 1. Ich habe nur über eine Leseordnung für die Sonntage im Jahreskreis gesprochen, nicht, wie Mosis vorauszusetzen scheint, über das ganze Kirchenjahr. Einige Anliegen von Mosis, etwa die gebührende Berücksichtigung prophetischer Texte, sind in der jetzigen Leseordnung durch die Leseordnungen der Festkreise, die ich überhaupt nicht in Frage gestellt habe, durchaus gesichert. 2. Der Tod Moses ist im Pentateuch gewichtiger als er dann erscheint, wenn man, wie Mosis es tut, nur die Mosetod-Perikopen heranzieht. Das ganze Deuteronomium spielt sich an Moses Todestag ab. Moses Tod bedeutet deshalb zugleich die literarische Hervorhebung der definitiven Auferlegung der Tora auf Israel. Hinter dem Deuteronomium gibt es keine inhaltlich konkretisierte Gesetzgebung mehr. 3. Moses Tod bleibt im Alten Testament als ganzen der Abschluß der "Gründungsgeschichte" Israels allein schon wegen der später sich zeigenden Problematisierung der Landnahme unter Josua. Denn ihr war keine historische Nachhaltigkeit beschieden. 4. Die in der heutigen Forschung häufig in ihren Einzelphänomenen beschriebene jeweils direkte Zuordnung von Büchern und Büchergruppen hinter der Tora zu dieser hat Mosis für die kanonische Ebene nach meinem Urteil nicht widerlegt. 5. Josua als Fortführer des Werkes Moses ist im biblischen Text zwar etwas differenzierter ziseliert, als Mosis andeutet, doch daß die Geschichtsdarstellung im Alten Testament hinter dem Deuteronomium weiterläuft, hätte er nicht abermals ausführlich beweisen müssen. Da trägt er Eulen nach Athen. Nur versickert die dargestellte Geschichte leider ungefähr ein halbes Jahrtausend vor Christus, und das Alte Testament beleuchtet die folgenden Zeiten allerhöchstens noch insulär. Das Alte Testament ist als ganzes keineswegs ein Geschichtsbuch. 6. Über den Begriff "Heilsgeschichte" hätte ich mir ein wenig mehr Reflexion gewünscht. Der Begriff ist wichtig, wenn es zu betonen gilt, daß Gott in der Geschichte handelt. Etwas ganz anderes ist es, wenn man von ihm aus die gesamte Weltgeschichte periodisieren will, wie es die Tradition der Föderaltheologie tut, oder wenn man ihn gar als Leitprinzip für eine Bahnlesung des ganzen Alten Testaments in der Liturgie vorschlägt. Der Begriff der "Heilsgeschichte" ist wichtig für die Charakterisierung unserer Feste, vor allem des Osterfests, in Abhebung von rein schöpfungsorientierten Religionsformen. Ob er zur Gestaltung von Bahnlesungen gerade außerhalb der Festzeiten taugt, bleibt mir fraglich. 7. Zur Zweiteilung des Alten Testaments, die sich in dem Ausdruck "Gesetz und Propheten" oder "Mose und die Propheten" spiegelt, schweigt Mosis. Ebenso zu den liturgiegeschichtlichen Ausführungen von Braulik. 8. Es bleibt auch zu beachten, daß Mosis sich keineswegs mit Beckers Vorschlag identifiziert. Es wäre sicher nützlicher gewesen, er hätte die Sache selbst diskutiert und vielleicht sogar eigene Vorschläge für eine verbesserte Perikopenordnung gebracht.

 

30 Eva M. Synek, "Dieses Gesetz ist gut, heilig, es zwingt nicht..." Zum Gesetzesbegriff der Apostolischen Konstitutionen (Kirche und Recht, 21; Wien: Plöch-Druck, 1997) 85-93.

 

31 Vgl. etwas breiter Lohfink, Perikopenordnung Patmos (oben Anm. 25), 222-224.

 

32 Zum Folgenden vgl. vor allem Jan Assmann, Das kulturelle Gedächtnis. Schrift, Erinnerung und politische Identität in frühen Hochkulturen (München: Beck, 1992).

 

33 Hierzu vgl. David Trobisch, Die Endredaktion des Neuen Testaments (NTOA 31; Freiburg Schweiz: Universitätsverlag; Göttingen, Vandenhoeck & Ruprecht, 1996).

 

34 Näheres bei Lohfink, Moses Tod (oben Anm. 25). Mosis, der dies bestreitet (vgl. oben Anm. 29), geht auf die Unterscheidung zwischen "Gründungsgeschichte" und auf der Zeitlinie dahinlaufender Gesamtgeschichte gar nicht ein.

 

35 Vgl. John Barton, Oracles of God. Perceptions of Ancient Prophecy in Israel after the Exile (London: Darton, Longman & Todd, 1986) 35-55; Jonathan G. Campbell, "4QMMTdand the Tripartite Canon," Journal of Jewish Studies 51 (2000) 181-190.

 

36 Vgl. Midstream (Juni/Juli-Ausgabe 1990).

 

37 Belege für echte Gefahren der Sinnverkürzung bei thematischer Lesungsabstimmung habe ich für ausgewählte Beispiele der Perikopenordnung Patmos in Lohfink, Perikopenordnung Patmos (oben Anm. 25), 224-226, gegeben ("Zur Gefahr der Verzweckung der Bibel").

 

38 Vgl. Monshouwer, Der dreijährige Torazyklus (oben Anm. 26), 136: "Wir haben noch etwas Wichtiges im Hinblick auf die Zusammenstellung von alt- und neutestamentlichen Lesungen gelernt. Die zufällige Kombination ist meistens nicht schlechter, manchmal sogar besser, als die bedachte, allzu bedachte Kombination. Hier öffnet sich ein neuer Weg, auf dem die Kritik an der Zusammenstellung der ersten und dritten Lesung im neuen römischen Lektionar bewältigt werden kann." Noch ausführlicher ders., Überraschende Erfahrungen (oben Anm. 26), 96-100.

 

39 Wohlgemerkt: Es geht hier um eigentliche Lesungen. Für Meßgesänge und in die Litugie eingeflochtene Kurzlesungen gelten völlig andere Regeln. Hierzu verweise ich auf die Referate von Angelus Häußling und Franz Karl Praßl in dieser Tagung.

 

Dieser Artikel findet sich auch in: N. L., „Zur Perikopenordnung für die Sonntage im Jahreskreis,“ in: Georg Braulik und Norbert Lohfink, Liturgie und Bibel. Gesammelte Aufsätze (Österreichische Biblische Studien 28; Frankfurt: Peter Lang, 2005) 199-224. Mit freundlicher Genehmigung von Autor und Verlag.

 

 

Die Altkatholische Kirche – 125 Jahre Utrechter Union Teil 2

 

 

Altkatholiken & Anglikaner

 

Von Alfons Fischer, Berlin

 

 

Bischof Arnold Harris Mathew

 

 

Immer noch spielen innerhalb der Altkatholischen Kirchen der Utrechter Union die Hintergründe der Bischofsweihe von Arnold Harris Mathew eine große Rolle. Doch worum geht es dabei? Die Altkatholiken – und hier insbesondere die Niederländer - wollten gern expandieren und den Altkatholizismus auch nach England bringen. Doch wie? Da ergab sich plötzlich die günstige Gelegenheit dies über den Priester Arnold Harris Mathew zu versuchen. Dieser hatte sich an Gerard Gul, den Erzbischof von Utrecht gewandt, und ein von je drei Priestern und Laien unterschriebenes Dokument vorgelegt, aus dem hervorging, dass eine Synode - bestehend aus 17 Priestern und 16 Laien - ihn am 18. Februar 1908 zum Bischof gewählt hatte. Die Wahlurkunde war Mathew vom ehemaligen römisch-katholischen Priester Richard O'Halloran übergeben worden. Dieser hatte Mathew auch versichert, dass angeblich etwa 250 Geistliche mit ihren Gemeinden hinter der altkatholischen Bewegung stehen würden. Durch die Urkunde war sich Erzbischof Gul sicher, dass es in England genügend Unterstützer für eine Altkatholische Kirche gibt. So wurde dann Arnold Harris Mathew am 22. April 1908 in Utrecht durch Erzbischof Gerard Gul unter Assistenz der Bischöfe Jacobus Johannes van Thiel, Nicolaus Bartholomeus Petrus Spit sowie Josef Demmel zum Bischof der Altkatholischen Kirche für Großbritannien und Irland geweiht.

 

Nach England zurückgekehrt, stellte der nunmehrige Bischof Mathew fest, dass sich kaum jemand für die Altkatholische Kirche interessierte und die Unterschriften auf der Wahlurkunde gefälscht waren, sowie keine Wahlsynode stattgefunden hatte.

 

Inzwischen war am 13. Mai 1908 in der angesehenen Zeitung „The Guardian“ ein mit „incredulous“ unterzeichneter Artikel erschienen, in dem der Betrug mit den angeblichen Anhängern einer „Ancient Catholic Church in Great Britain“ aufgedeckt und die Frage gestellt wurde, ob Mathew nun überhaupt als gültig geweihter altkatholischer Bischof anzusehen sei. Es entstand, der aber durch nichts bewiesene Verdacht, dass sich unter „incredulous“ der Geistliche Richard O'Halloran verbarg. Jedenfalls reagierte Mathew auf den Artikel mit einem Leserbrief an die Zeitung und bezeichnete sich selbst als Opfer übler Täuschungen. Gleichzeitig teilte er dem altkatholischen Erzbischof von Utrecht den Sachverhalt mit und wurde am 03. Juni 1908 durch die altkatholischen Bischöfe in der Zeitung „The Guardian“ von persönlicher Schuld freigesprochen und damit allein O'Halloran belastet. Mathew wirkte nun als altkatholischer Missionsbischof für Großbritannien. Er erwies sich als sehr weihefreudig in Bezug auf Priester sowie Bischöfe und ließ es teilweise an der Sorgfalt bei der Auswahl der für ein Bischofsamt vorgesehenen Personen mangeln, worunter auch Theosophen waren und die sogenannte „Liberalkatholische Kirche“ ihr Entstehen verdankt.

 

Am 06. Januar 1911 trat Mathew mit seiner Kirche aus der Utrechter Union aus. Seine nun unabhängige Alt-Katholische Kirche nannte sich jetzt „Western Orthodox Catholic Church in Great Britain and Ireland (WOCC)“. Wenige Tage danach wurde er von seinen Kirchenbischöfen zum „Englisch-Katholischen Erzbischof von London“ ernannt. Danach ging es mit ihm hin und her. So löste er seine Kirche auf, bot dem Papst seine Rückkehr in die Römisch-Katholische Kirche an, was dieser ablehnte und ließ schließlich seine Altkatholische Kirche wieder aufleben. Seinem Übertritt zur anglikanischen Church of England stimmte der Erzbischof von Canterbury jedoch nicht zu. Am 20. Dezember 1919 starb Arnold Harris Mathew in South Mymms im 67. Lebensjahr und wurde nach anglikanischem Ritus beigesetzt.

 

Obwohl die altkatholischen Bischöfe Arnold Harris Mathew im „Guardian“ vom 03. Juni 1908 für persönlich unschuldig hinsichtlich unwahrer Angaben zu einem angeblichen altkatholischen Unterstützerkreis in England bezeichnet hatten, gingen sie nun in einer Erklärung vom 29. April 1920 sowie nach Mathews Tod auf deutliche Distanz zu ihm und vertraten die Auffassung, dass die Bischofsweihe „erschlichen“ worden sei. Beweise für eine persönliche Schuld Mathews wurden jedoch nicht vorgelegt.

 

 

Volle Kirchengemeinschaft

 

Von Anfang an setzten sich die Altkatholiken für die Ökumene ein. Davon zeugen u.a. ab 1874 die Bonner Unionskonferenzen sowie der nachfolgende Dialog mit anderen Kirchen. Wenn auch die Erfolge dabei sich in engen Grenzen hielten, gelang jedoch 1931 mit den Anglikanern der Durchbruch in Richtung Kirchengemeinschaft. Jahrelang hatten die Altkatholiken der Niederlande dem im Wege gestanden, da sie die Gültigkeit der anglikanischen Weihen infrage stellten. Die Wende trat im Juni 1925 ein, wo die Altkatholische Kirche der Niederlande ihre bisherige Auffassung mit folgenden Worten revidierte: „Wir glauben, dass die Kirche von England stets die bischöfliche Leitung der alten Kirche beibehalten wollte und dass das Weiheformular Eduards VI. als gültig zu betrachten ist. Wir erklären deshalb ohne Vorbehalt, dass die apostolische Sukzession in der Kirche von England nicht unterbrochen wurde.“

 

Damit waren nach weiteren Verhandlungen die Voraussetzungen für eine Interkommunion zwischen Altkatholiken und Anglikanern gegeben. Bei der Unionskonferenz am 02. Juli 1931 in Bonn wurde dazu eine aus drei Sätzen bestehende Erklärung mit folgendem Wortlaut verabschiedet:

 

1. Jede Kirchengemeinschaft anerkennt die Katholizität und Selbstständigkeit der anderen und hält ihre eigene aufrecht.

 

2. Jede Kirchengemeinschaft stimmt der Zulassung von Mitgliedern der anderen zur Teilnahme an den Sakramenten zu.

 

3. Interkommunion verlangt von keiner Kirchengemeinschaft die Annahme aller Lehrmeinungen, sakramentalen Frömmigkeit oder liturgischen Praxis, die der anderen eigentümlich ist, sondern schließt in sich, dass jede glaubt, die andere halte alles Wesentliche des christlichen Glaubens fest. Im Jahre 1958 wurde das Wort „Interkommunion“ durch „volle Gemeinschaft“ ersetzt.

 

Die volle Kirchengemeinschaft von Altkatholiken und Anglikanern ist jedoch im Laufe der Jahre allein zu einer Angelegenheit weniger Bischöfe geworden und fand so gut wie keinen Platz im Bewusstsein der Gemeindemitglieder beider Kirchen. Konsequenz der Kirchengemeinschaft war, dass die Altkatholiken kein Interesse mehr daran hatten in englischsprachigen Ländern eigene Gemeinden oder Missionsstationen aufzubauen. Am Altkatholizismus der Utrechter Union interessierte Christen aus diesen Staaten werden regelmäßig an die Anglikaner verwiesen. Bei Auflösung der altkatholischen Gemeinden in Italien wollte man deren Mitglieder den Anglikanern zuweisen. Altkatholische Gemeinden sollte es nur noch in sogenannten altkatholischen Kernländern geben. Doch macht dort der Altkatholizismus schon lange keine Fortschritte mehr.

 

Angesichts der Sachlage, dass die Altkatholiken der Utrechter Union an einer Ausbreitung ihrer Kirchen in andere Länder nicht weiter interessiert sind, keine Mission betreiben, sowie im Schatten der Anglikaner stehen, stellt sich die Frage, ob da noch eine Eigenexistenz sinnvoll ist. Wäre es nicht angebrachter sich der Anglikanischen Kirchengemeinschaft mit einem altkatholischen Sonderstatus anzuschließen?

 

Wenig bekannt dürfte sein, dass einst bei der beabsichtigten Weihe von Frauen zu Priesterinnen die Mitgliedschaft des deutschen Bischofs Dr. Sigisbert Kraft in der Utrechter Union zunächst ruhte. Bischof Joachim Vobbe in der Nachfolge von Dr. Kraft suchte dann damals zusammen mit Dr. Rosch, dem damaligen 2. Vorsitzenden der deutschen alt-katholischen Synodalvertretung, Erzbischof George Carey von Canterbury auf um zu sondieren, ob bei einem eventuellen Ausschluss des deutschen alt-katholischen Bistums aus der Utrechter Union eine Aufnahme der deutschen Alt-Katholiken in die Anglikanische Gemeinschaft möglich sei. Erzbischof Carey bejahte das!

 

 

Willibrord-Gesellschaft

 

 

Die in Ländern mit altkatholischen sowie anglikanischen Gemeinden bestehende Willibrord-Gesellschaft will durch Öffentlichkeitsarbeit über die volle Kirchengemeinschaft zwischen Altkatholiken und Anglikanern informieren. Dies geschieht zumeist durch Mitgliederversammlungen auf Landesebene, gelegentlich erscheinende Infonachrichten an die Mitglieder, sowie Artikel in den Kirchenzeitungen. Die Mitgliederzahl der einzelnen Willibrord-Gesellschaften ist gering. Ebenso ihre Bedeutung. Es gibt auch keine Gemeindepartnerschaften von Altkatholiken und Anglikanern zum gegenseitigen Kennenlernen. Die Misere der Willibrord-Gesellschaften liegt darin, dass es keine Regionalgruppen gibt, wo vor Ort in Veranstaltungen regelmäßig über das Geschehen bei Altkatholiken und Anglikanern berichtet und diskutiert wird sowie gemeinsam Projekte beschlossen werden, sondern nur gelegentliche Veranstaltungen auf Landesebene. Jedes Willibrord-Mitglied ist mit seinem Informationsbedürfnis so gut wie auf sich allein gestellt und in der Praxis nur Beitragszahler. Es fehlt an Aktionen, um bistumsweit in den einzelnen Ländern auf sich aufmerksam zu machen.

 

Vor einigen Jahren gab es von Berlin aus eine Initiative, die von dem Vorsitzenden der einzigen damals in Deutschland bestehenden Willibrord-Regionalgruppe sowie eine Zeit lang auch 2. Vorsitzenden von Willibrord auf Bistumsebene ausging, für einen alt-katholisch/anglikanischen Kirchentag in einer Stadt mit sowohl größerer alt-katholischer als auch anglikanischer Gemeinde. Dafür wären Bonn, Frankfurt am Main, Köln oder München infrage gekommen. Der sehr rührige und für alles ansprechbare frühere Münchener Pfarrer Karl Harrer erklärte sich bereit, die Durchführung mit seiner Gemeinde zu übernehmen. Doch scheiterte dies an der Münchener Gemeinde der Episcopal Church, die kein Interesse an einem gemeinsamen Kirchentag von Alt-Katholiken und Anglikanern in Deutschland hatte.

 

Bei einer vor einiger Zeit stattgefundenen Befragung über Themen für eine Mitgliederversammlung von Willibrord auf Bundesebene wurde von Berlin aus erneut ein gemeinsamer Kirchentag von Alt-Katholiken und Anglikanern in Deutschland vorgeschlagen. Doch Rainer Knudsen, Vorsitzender der deutschen Sektion von Willibrord sowie 2. Vorsitzender der Synodalvertretung, lehnte ab. (Fortsetzung folgt)

 

 

 

 

Mit dem Blick eines Hinterbänklers

 

24. Generalsynode der PNCC

 

Von Edmund Rumowicz - St. Joseph Pfarrei - Davie, Florida

 

Gemeinsam mit unserem Pfarrer durfte ich als Delegierter unserer Pfarrei an der 24. Generalsynode der PNCC in Eire vom 29. September bis zum 3. Oktober 2014 teilnehmen. Die Synode ist das oberste Leitungs- und Aufsichtsgremium unserer Kirche, ihre Entscheidungen sind für alle Kirchenmitglieder bindend. In altkirchlicher Tradition hält unsere Kirche seit 1904 (bereits mein Großvater war als Delegierter dabei) regelmäßig derartige Kirchenversammlungen ab. Die Delegierten der 24. Generalsynode bestanden aus 48 Klerikern und 112 Laien (die Mehrheit davon Frauen). Die Synode wurde durch den Prime Bishop mit einer Eucharistiefeier eröffnet. Als ökumenische Gäste waren der röm.-kath. Bischof Edward Grosz, Weihbischof der Diözese Buffalo und Bischof Richard Lipka von der anglikanischen Kirche in Nordamerika anwesend. Da nicht alle Aspekte der Synode von allgemeinem Interesse sein dürften, beschränke ich mich hier auf das Wesentliche. Sofern Leser daran Interesse haben, stelle ich Ihnen auch gerne alle auf der Synode vorgelegten Berichte zur Verfügung.

 

Zur Finanzsituation unserer Kirche:

 

Wie viele Kirchenmitglieder haben wir eigentlich? Die typische Situation in den Gemeinden ist, dass z.B. 84 Personen am Gottesdienst teilnehmen, jedoch nur 48 davon auch regelmäßig Beiträge entrichten. Der Haken daran ist, dass die Gemeinden sich dadurch klein rechnen und ihre überregionalen Zahlungen an die Gesamtkirche reduzieren. Zur Wirklichkeit unserer Kirche gehört, dass es neben sehr wohlhabenden Gemeinden auch Pfarreien gibt, die mit jedem Cent rechnen müssen und es sich z.B. nicht leisten können die Teilnahme ihrer Delegierten an der Synode zu finanzieren. Wenn Gemeinden keine Beiträge an die Gesamtkirche entrichten, dann nicht aus Kritik an der Kirchenleitung. Wir stehen als katholische Kirche selbstverständlich zu unserer Hierarchie, sondern schlicht und einfach, weil sie es sich nicht leisten können. Etwas spöttisch wurde von einem Delegierten vorgerechnet, dass sich unsere Mitglieder die Kirche etwa 1, 06$ pro Tag kosten lassen, in etwa so viel wie ihren täglichen Kaffee bei Mc Donalds. Die wichtigsten Aufgaben des überregionalen Budgets bestehen darin, die Krankenversicherung, sowie die Pensionskasse unseres Klerus zu finanzieren. Nach Möglichkeit sollten daher von 100$ Mitgliedsbeiträgen 55$ an die Nationalkirche und 25$ an die Diözese gehen. Der Gemeinde blieben dann 20$.

 

Die Kirche in Kanada

 

Dieser Punkt wurde, da er aktuelle juristische Probleme berührt, unter Ausschluss der Öffentlichkeit behandelt. Daher kann ich hier nur mitteilen, dass Bischof Bigaj den Prozess gegen unsere Kirche vor den staatlichen Instanzen verloren hat und nicht mehr Bischof der PNCC ist. Prime Bischof Anthony Mikovsky hat die Verantwortung für die Kirche in Kanada übernommen.

 

Die Nordisch-Katholische Kirche

 

Die Nordisch-Katholische Kirche unter Leitung von Bischof Roald Flemestad, konnte 2011 (nach seiner Konsekration) als autonome Kirche in die Union von Scranton aufgenommen werden. Zuvor war sie unter Führung der PNCC errichtet worden. Bischof Flemestad sprach vom Wachstum der Kirche, die neben fünf Gemeinden in Norwegen nun auch eine neue Gemeinde in Schweden hat. Weiteres Wachstum zeigt die junge Kirche mit ihren Filialen in Deutschland, Frankreich und Ungarn. Gegenwärtig gibt es ein starkes Interesse von anglo-katholischen Gruppen in England.

 

Die Kirche in Polen

 

Die ersten Gemeinden wurden 1923 von der PNCC, gemäß Synodenbeschluss von 1914, gegen politische Widerstände in Polen errichtet. Seit 1951 (in der kommunistischen Zeit) handelt es sich um eine autonome Kirche, welche sich seitdem Polnisch-Katholische Kirche (PKK) nennt. An der jüngsten Synode der Kirche in Polen konnten auch unsere Bischöfe Mikovsky und Sobiechowski, teilnehmen. Die Hauptaufgabe der PKK Synode bestand darin, zwei neue Bischöfe zu wählen. Dieses Unterfangen ist der Synode leider nicht gelungen, sodass sie auf einen neuen Anlauf vertagt werden musste. Für uns lautet die entscheidende Frage: Unter welcher Jurisdiktion werden die neuen Bischöfe konsekriert? Utrecht oder Scranton? Sollte sich die PKK für eine Konsekration ihrer neuen Bischöfe durch die Bischöfe von Utrecht entscheiden, so würde sie damit unsere Beziehungen zueinander ernsthaft gefährden.

 

Die PNCC hatte sich von der Utrechter Union getrennt, nachdem diese einseitig damit begonnen hatte Frauen zu Priestern zu ordinieren und gleichgeschlechtliche Partnerschaften zu segnen. Unserer Auffassung nach sind derartige Entwicklungen weder mit der Schrift noch mit der Tradition der ungeteilten Kirche des ersten Jahrtausends in Einklang zu bringen. ,

 

Anglikanische Kirche in Nordamerika

 

Seit der letzten Synode haben wir einen Dialog mit der ACNA begonnen. Als größte Schwierigkeit des Gespräches mit den Anglikanern hat sich die Tatsache ergeben, dass mittlerweile etwa die Hälfte der Kirchen Frauen zu Diakonen und Priestern ordinieren. Diese unterschiedlichen Auffassungen innerhalb der ACNA werden intern diskutiert und nach einhelligen Lösungen wird gesucht. Je nachdem, zu welchen Ergebnissen das anglikanische Bischofskollegium gelangt, könnten sich daraus tiefgreifende Auswirkungen für den Dialog zwischen unseren Kirchen ergeben. Unser bisheriger Dialog mit der ACNA hat vielfältige Glaubensübereinstimmungen, aber auch Differenzen aufgezeigt. Er kann auf jeden Fall ein gutes Beispiel für einen zukünftigen Dialog mit den orthodoxen Kirchen liefern.

 

Kirchenrechtliche Fragen

 

Hier gab es folgende Diskussionen: Sollten nationale Kommissionen der Kirche über eigene Delegierte auf der Synode verfügen, was es in einem Fall gibt, oder sollten die Delegierten ausschließlich über die Pfarreien und Verbände entsandt werden?

 

Eine zweite Frage beschäftigte sich mit dem Namen unserer Kirche, sollten wir auch weiterhin von der PNCC oder künftig nur noch von der NCC sprechen? Schließlich wurde noch darüber diskutiert, ob man nicht an einigen Stellen besser differenzieren müsste, ob wir jeweils von einem „kirchlichen“ oder „göttlichen“ Willen sprechen?

 

Die Zukunft der PNCC

 

Die PNCC ist sich über die schwierige Stellung der Kirchen in der säkularen Gesellschaft sehr bewusst, sie weiß aber auch, dass hier kein Jammern hilft, sondern dass es positiver Zukunftsinvestitionen bedarf. Im Gegensatz zu den vergangenen Synoden gab es diesmal einen völlig neuen Ansatz für die Kirchenversammlung. Die Synode teilte sich zunächst in 14 Kleingruppen mit jeweils auch regional ganz gemischten Mitgliedern von 10 – 15 Personen. Die Gruppenleiter achteten auf einen völlig offenen und respektvollen Meinungsaustausch der Teilnehmer untereinander. Es ging darum Hoffnungen für die Zukunft der Kirche zu artikulieren. In einem zweiten Schritt sollten diese Themen „destilliert“ und zu einem Aktionsplan für die Kirche umgesetzt werden.

 

Die fünf Hauptthemen, die von den verschiedenen Gruppen erarbeitet wurden waren:

 

1. Wachstum in der Mitgliedschaft.

 

a) Es muss nach Wegen gesucht werden einerseits unser polnisches Erbe zu bewahren und andererseits aufnahmefähig für andere Bevölkerungsgruppen zu sein.

 

b) Förderung der Jugendarbeit.

 

c) Wachstum der Pfarrgemeinden.

 

d) Ein besseres und einheitlicheres Auftreten der Kirche nach außen.

 

2.Wachstum in der Spiritualität.

 

a) Stärkere Christus Zentrierung.

 

b) Neue spirituelle Impulse

 

c) Geistliche Erneuerung durch interne Evangelisation.

 

3. Lebenslanges Lernen im Glauben für alle Altersgruppen.

 

a) Förderung von internen und externen Bildungsprogrammen.

 

b) Stärkeres Bewusstsein für unsere Talente und Schätze.

 

4. heilige Berufungen.

 

a) Bessere Weiterbildung für unseren Klerus.

 

b) Mehr Respekt für den Klerus.

 

c) Verbesserte Leistungen für den Klerus.

 

5. Community-Beteiligung und Präsenz.

 

a) Mehr Bewusstsein und Aufmerksamkeit für Möglichkeiten der Laien in der Kirche

 

Im Anschluss an die Erstellung dieses Aktionsplanes wurde ein Ad-hoc-Ausschuss des Obersten Rates gegründet, um für die konkrete Entwicklung und Umsetzung der Maßnahmen, unter Beteiligung von Frau Prof. Dr. Shirley Mietlicki-Floyd (Universität Massachusetts Amherst) zu sorgen. In einem ersten Schritt werden die fünf Themen zur weiteren Diskussion in die Gemeinden gegeben, um dann daraus konkrete Initiativen zu entwickeln.

 

Ich bin zuversichtlich, dass diese Synode zu einer der bedeutendsten unserer Kirche gehören wird.

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Synode aus der Perspektive der Jugend

 

Von Hannah Bilinski – Delegierte des kirchlichen Jugendverbandes

 

Ich kenne keine andere Kirche als die PNCC, in diese Kirche bin ich hineingeboren und sie gehörte schon zu mir, noch bevor ich meine eigene Identität entwickelte. Daher verbinde ich mit meiner Kirche viel Leidenschaft und Liebe. Ich bin der Kirche zwar nicht bewusst beigetreten, aber ich habe doch sehr bewusst entschieden ein lebendiger Teil von ihr zu sein.

 

Vor einigen Wochen durfte ich als Vertreterin unseres Jugendverbandes an der 24. Generalsynode teilnehmen. Ich bin sehr dankbar, nicht nur für die dort gewonnenen Sachinformationen, sondern auch für die tiefe spirituelle Erfahrung der gemeinsamen Tage. Ich kann alle Jugendlichen der Kirche nur ermutigen, sich in unseren synodalen Strukturen zu engagieren. Wer die Gelegenheit hat, sollte daran auch teilnehmen.

 

Was mich besonders beeindruckte war, dass meine Stimme genauso viel zählt, wie die eines jeden anderen auch. Meine Rolle und meine Präsenz entsprach der aller anderen Teilnehmer auch.

 

Besonders gut gefiel mir, wieviel Zeit sich die Synode zur Diskussion genommen hat. Die Konstitution unserer Kirche ist ein lebendiges Dokument, wenn es nötig ist, kann es von den jüngeren und älteren Mitgliedern unserer Kirche verändert werden. Wir sind in der Lage auf die Herausforderungen der Zukunft zu reagieren. Als sehr effektiv hat sich die Arbeit in Kleingruppen erwiesen, nicht alles kann und muss im Plenum erarbeitet werden. Die Kleingruppe ermöglicht von der eigenen Erfahrung und Perspektive zu sprechen. So können auch die entsprechenden Erfahrungen aus anderen Gemeinden besser verstanden werden. Insbesondere konnte ich auch die Argumente derer besser verstehen, die sich gegen die Mehrheitsmeinungen aussprachen. Für die Vertreter der kirchlichen Jugend waren die Kleingruppen ein gutes Forum um unsere Zukunftsperspektive für die PNCC vorzustellen.

 

Von meinem Vater habe ich gelernt, dass die Kirche von unserem Engagement lebt. Er sagte mir, wer Mitglied der Kirche sein will, sollte 10% geben. Entweder von seinem Geld, oder von seiner Zeit oder von seinen Talenten. Für mich hat dies bedeutet eine Vorlesungswoche und entsprechende Klausuren zu verpassen. Weil ich die Kirche liebe und weiß wie wichtig unser Engagement ist, habe ich es gerne getan.

 

Und wenn wir ehrlich sind, dann wissen wir, dass sich unsere Kirche auch verändern muss, um den Herausforderungen unserer Zeit besser entsprechen zu können. Ich will, dass es meine Gemeinde in zehn Jahren noch gibt und ich möchte meine Kinder in der PNCC aufwachsen sehen. Deshalb hoffe ich sehr, dass der eingeschlagene Weg unserer Kirche in Verantwortung für die Zukunft auch gegangen wird.

 

 

 

Impressum:

 

Redaktion: Klaus Mass, Kapellenstraße 7, 85254 Einsbach, pfarramt-christ-katholisch@web.de

 

Namentlich gekennzeichnete Artikel müssen nicht unbedingt die Lehrmeinung der Kirche wiedergeben. Leserbriefe sind stets erwünscht.

 

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