022019

Ad Fontes International

 Zeitschrift für Theologie, geistliches Leben und christliche Kultur

„Lasst uns unsere Zeit nicht schlecht nennen, ohne einen Finger zu rühren sie zu bessern“

John Henry Newman und sein Ringen um die Katholizität

von Klaus Mass


John Henry Newman wurde am 21. Februar 1801 in London geboren. Er sollte fast das gesamte neuzehnte Jahrhundert leben und starb hochbetagt im Jahre 1890. Während seiner ersten Lebenshälfte gehörte er der anglikanischen Kirche an, in der zweiten zählte er sich nach seiner Konversion zur röm.-kath. Kirche. Newman stammt aus der britischen Bildungselite und war ein klassischer „Oxford Gentleman“, der breites Wissen, hochkirchliche Orientierung und konservative politische Haltung miteinander zu verbinden verstand. Katholiken waren in dieser an sich aristokratischen Welt nicht vorgesehen. Sie galten als komische Käuze, als Außenseiter, als Ausländer, Iren und als Proletarier. Mit dem Wechsel seiner Konfession wird Newman diese Ausgrenzung nicht nur am eigenen Leib erfahren, sondern auch räumlich vollziehen. Der katholische Newman wird Oxford nie wieder betreten, sondern in den Arbeitervierteln von Birmingham leben.


1824 wird, wie es damals üblich war, der junge Hochschullehrer zum Diakon ordiniert und mit zusätzlichen Seelsorgeaufgaben betraut. Ab 1828 dient er neben seinem Lehramt als Priester der Hochschulgemeinde „St. Mary“ und übt im akademischen Jahr 1831/32 den Dienst des Universitätspredigers aus. In diesen Jahren entwickeln sich grundlegende Fragen für den jungen Gelehrten. Wie kann die Kirche als Einheit gedacht werden, wenn sie doch konfessionell vollständig zerfallen ist? Welche Kirche ist denn der wahre Erbe der alten und ungeteilten Kirche? Newman war sich sicher, dass im weiten Feld des Protestantismus keine Antwort gefunden werden kann. Allein bei den Anglikanern, Katholiken oder Orthodoxen kann der Erbe gefunden werden. Interessanterweise hat sich Newman mit den Kirchen der Orthodoxie jedoch nie weiter beschäftigt. Für ihn lief alles auf die unbedingte Frage zwischen Anglikanismus oder Katholizismus hinaus.


Newman selbst, wie er in seiner Apologia schreibt, diente dem Anglikanismus bis 1839 auf Kosten des Katholizismus, zwischen 1839 und 1843 setzte er sich für den Anglikanismus ein, ohne dabei dem Katholizismus schaden zu wollen, ab 1843 verzweifelte er am Anglikanismus. Zunächst war die anglikanische Kirche, aus der er ja stammte, auch gar kein Problem für den Gelehrten. Seine Kirche war zwar nicht katholisch im Sinne der Ubiquität (weltweit) aber dennoch war sie die katholische (allgemeine) Kirche in England. Die anglikanische Kirche sei die Kirche, welche dem Ursprung von Schrift und Vätern am nächsten stünde, da Rom unzulässig dem Glauben hinzugefügt und der Protestantismus unzulässig vom Glauben gekürzt hätte. Das heißt, dass auch der jüngere Newman den Anglikanismus niemals als Protestantismus verstanden hat, sondern stets als mittlere Gestalt zwischen Katholizismus und Protestantismus.


Auch wenn die Einheit zwischen den Kirchen zerbrochen sei, so bleibe sie doch Aufgabe, um welche stets neu gerungen werden müsse. Um ein weiteres ausfransen der Kirchen zu vermeiden, müssten die Gläubigen ihren jeweiligen Hirten treu ergeben bleiben, selbst wenn diese irrten (!). Die unzerbrechliche Einheit zwischen Volk und Hirten wird von Newman sogar als Unfehlbarkeit bezeichnet. In dieser Beziehung stehende Probleme (Irrtümer) können analysiert und verbindlich korrigiert werden. Hier vertritt Newman also einen vollständig anderen Unfehlbarkeitsbegriff als dieses Wort in der katholischen Dogmatik bezeichnet. Im Katholizismus geht es bei der Unfehlbarkeit eben nicht um Analyse und Konsens, sondern um Erkenntnis im Lichte Gottes, bezüglich des Glaubens und der Moral.


Wenn Newman die unzerbrechliche Einheit zwischen Volk und Hirten beschreibt, so meint er damit allerdings keineswegs ein passives für wahr Halten der kirchlichen Doktrin, sondern die aktive Mitwirkung der Laien, sei es im liturgischen Hören des Wortes, sei es in dessen konkrete Umsetzung im jeweiligen Alltag. Laien sind „Mitbürgen der Wahrheit“. Als Historiker macht er diesen Zusammenhang in seiner Darstellung des Arianismus fest. Während zahlreiche Bischöfe und Eliten dem Arianismus anheimfielen, waren es die einfachen Menschen, welche den Glauben bewahrten.


Newman stand nun vor der Frage, ob die eine wahre Kirche nur eine Idee, oder tatsächlich in einer konkreten Konfession zu finden sei. Um dies herauszufinden, oder um die Idee zu realisieren, trat Newman federführend der sogenannten Oxford-Bewegung bei. Zwischen 1833 und 1841 gab Newman zahlreiche Traktate im Sinne der Bewegung (welche daher auch als Traktarier bezeichnet werden) heraus. Die Oxford-Bewegung versuchte (am äußeren Rand der Hochkirchlichen Bewegung) die anglikanische Kirche wieder auf ihre katholischen Wurzeln zurückzuführen. Einerseits akademisch durch die Wiederentdeckung der Kirchenväter (Library oft he Fathers), und andererseits durch eine praktische Neubewertung des bischöflichen Amtes und der apostolischen Sukzession, sowie der hochkirchlichen Wertschätzung der Liturgie.


In diesem Rahmen wurde die „Branch theory“ verstanden. Die eine Kirche existiert in drei verschiedenen Zweigen; orthodox, katholisch und anglikanisch. Jede dieser Kirchen ist tatsächlich die wahre Kirche auf ihrem jeweiligen Territorium. Die Sünde des Schismas besteht nicht in der Teilung der Kirchen, sondern darin, wenn eine dieser Kirchen versucht auf dem Territorium der jeweils anderen eine Hierarchie zu errichten, Altar gegen Altar zu stellen. Alle drei Kirchen seien allerdings auch verpflichtet katholisch zu bleiben, indem sie sich weder dem Protestantismus öffnen, noch die apostolische Sukzession verlieren.

Die Branch theory vertritt folglich im Zeitgeist des 19. Jahrhunderts einerseits einen spirituellen Kolonialismus, welcher die Welt unter sich aufteilt und andererseits eine klare inneranglikanische Haltung, welche jede Orientierung am Protestantismus ablehnt. Wo die Branch theory heute aufgerufen wird, wird sie meistens in einem sehr viel weiteren Sinn verstanden, welcher den Protestantismus gleichberechtigt neben die anderen Kirchen stellt. Insgesamt fällt an dieser Stelle auch sehr deutlich auf, wie selektiv Newman und seine Gefolgsleute offensichtlich weite Lehren und Traditionsstränge des protestantischen Anglikanismus offenbar schlicht zu ignorieren versuchen.     


Ein weiteres Stichwort aus der Zeit ist die Via Media, der rechte Mittelweg zwischen den Verirrungen des Protestantismus und den Übertreibungen Roms. In der Via Media werden die Kirchenväter als die Leuchttürme verstanden, welche der Kirche in den Stürmen aller Zeiten das rechte Licht weisen. Die Rede von der Via Media stammt von anglokatholischen Autoren des 17. Jahrhunderts und galt im 19. Jahrhundert als „Papier Religion“, als Theorie ohne praktische Umsetzung. Für Newman sollte es zur Schicksalsfrage werden. Wenn es gelingen könnte der Via Media Leben einzuhauchen, dann könnte er Anglikaner bleiben. Auf dieser Grundlage entstanden die zahlreichen Arbeiten Newmans zur Geschichte der Alten Kirche.


Newman hatte mit einigen Lehren der röm.-kath. Kirche, die er jedoch für zweitrangig hielt, seine Schwierigkeiten. Sollte sich die katholische Kirche als die wahre Kirche erweisen, so könne er die Schwierigkeiten auch im Glauben annehmen. Sollte er den Katholizismus schließlich doch verwerfen, so hätte es sich gar nicht erst gelohnt, sich mit den Schwierigkeiten näher zu beschäftigen. Unter den Schwierigkeiten sah er folgende Punkte: die Unfehlbarkeit, die Marienfrömmigkeit, die Heiligenverehrung, die Lehre vom Fegefeuer, den Primat des Papstes und die Lehre des Konzils von Trient.


Newman stand auf der Kippe: Alles oder nichts. Seine Verteidigungslinie, sowohl gegen Rom, als auch gegen den Protestantismus waren die Kirchenväter. Doch gerade diese sollten sich nun gegen ihn stellen. In der Geschichte des Konzils von Chalkedon erkannte er die Situation der Anglikanischen Kirche seiner Zeit wieder. Rom war der Anker zwischen den Extremen:

 „Mein Bollwerk war das Altertum. Nun fand ich anscheinend hier, in der Mitte des 5. Jahrhunderts, das Christentum des 16. Und 19. Jahrhunderts abgespiegelt. Ich sah mein Gesicht in diesem Spiegel, und ich war Monophysit. Die Kirche der Via Media nahm dieselbe Stellung ein wie die orientalische Gemeinschaft; Rom war damals dasselbe; was es jetzt ist; die Protestanten waren die Eutychianer. Seit die Welt besteht, ist zwar schon viel merkwürdiges passiert, aber wem wäre je der Gedanke gekommen, sich durch die Worte und die Handlungen des alten Eutyches, dieses delirius senex, wie ihn Petavius nannte, und die Ungeheuerlichkeiten des charakterlosen Dioskorus nach Rom führen zu lassen.“ (Apologia 141)


Die Parallele zwischen der Oxford Bewegung und den Monophysiten war für Newman erschlagend. Er überprüfte seine neue Einsicht nun in einer Relektüre des Arianer Konfliktes:


„Der Geist erschien zum zweitenmal. In der Geschichte der Arianer stieß ich auf dieselbe Wahrnehmung, nur in viel ausgeprägterer Gestalt, als in der Geschichte der Monophysiten. Im Jahre 1832 hatte ich das noch nicht bemerkt. … Nun aber sah ich klar, daß in der Geschichte des Arianismus die reinen Arianer die Stelle der Protestanten, die Semiarianer die der Anglikaner einnahmen, und daß Rom jetzt noch dasselbe war wie damals.“ (Apologia 168)


Auf Grundlage dieser Erkenntnis zerbrach dann auch der größte Stolperstein für ihn, die Ablehnung des Konzils von Trient:

„Es war schwer einzusehen, warum die Eutychaner oder Monophysiten Häretiker sein sollten, wenn die Protestanten und Anglikaner keine waren; es war schwierig, gegen die tridentinischen Väter Beweise zu erbringen, die nicht auch gegen die Väter von Chalkedon zeugten, und die Päpste des 16. Jahrhunderts zu verdammen, ohne auch die des 5. Jahrhunderts zu verurteilen.“ (Apologia 141)


1841 unternahm Newman einen letzten Versuch seine neuen Einsichten mit seinem anglikanischen Glauben zu versöhnen. Er schrieb Traktat Nummer 90, in dem er versucht die 39 Artikel der Kirche von England in einer katholischen Interpretation auszulegen. Seine Schrift wurde von der Anglikanischen Kirche verurteilt und zurückgewiesen. Newman zog sich daraufhin für einige Jahre aus der Öffentlichkeit zurück, bis er am 9. Oktober 1845 in die katholische Kirche eintrat.

Das folgende Jahr verbrachte er in Rom und bemühte sich darum seine bisherigen theologischen Erkenntnisse mit der röm.-kath. Theologie in Einklang zu bringen. Daraufhin ging er nach England zurück und gründete das Oratorium in London, welches bald eine zweite Gemeinschaft in Birmingham errichten konnte. Hier verbrachte Newman den größten Teil seines weiteren Lebens.


 

Nachdem er in seiner ersten Lebenshälfte versucht hatte den Katholizismus nach Oxford zu tragen, versuchte er nun Oxford zu den Katholiken zu bringen. Er kümmerte sich um die Errichtung katholischer Schulen und bemühte sich eine katholische Universität in Irland zu errichten. Die meist der Unterschicht angehörenden Katholiken sollten vom Makel der Bildungslosigkeit befreit werden. Die aus der Oxford Bewegung einströmenden Konvertiten waren allerdings auch eine große Herausforderung für die alteingesessenen Gemeinden, welche mit den Ladies und Gentlemen der Oberschicht nichts recht anzufangen wussten. Auch in Klerus und Episkopat wurde manchmal Unbildung durch Ultramontanismus zu überspielen versucht.


Weder gelang es Newman die Universität in Dublin zu realisieren, noch ein Priesterseminar nach seinen Vorstellungen zu gründen. Er scheiterte ebenso am Versuch der Herausgabe einer katholischen Bibelübersetzung, wie auch an seinem Einsatz, die Laien in der Kirche zu fördern. Er hatte das Gefühl, nicht wirklich dazuzugehören und auf allen Ebenen immer wieder auch ausgebremst zu werden. Hinzu kam, dass er von anglikanischer Seite wiedeholt verächtlich gemacht wurde. Ein Befreiungsschlag gelang ihm erst 1864 mit der Veröffentlichung seiner Apologia, welche ihn in den folgenden Jahren mehr und mehr zur Stimme des katholischen Englands werden lassen sollte. Seine Ernennung zum Kardinal erfolgte 1879 durch Papst Leo XIII.


Zu den brennenden theologischen Fragen seiner Zeit gehörte die dogmatische Definition von der Unbefleckten Empfängnis der Gottesmutter Maria von 1854. Der Erklärung ging ein jahrhundertealter theologischer Streit unterschiedlicher Schulen voraus. Die späteren altkatholischen Kirchen werden die päpstliche Erklärung ablehnen. Newman kann sie hingegen problemlos akzeptieren. Seine einfache Argumentation: Das Dogma würde nicht formuliert, damit die Gläubigen es glauben, sondern weil die Gläubigen es glauben. 


Bezüglich der Frage der Unfehlbarkeit vertritt Newman die Auffassung, dass dies eine gesamtkirchliche Angelegenheit sei und damit auch des Zusammenspiels aller kirchlichen Ebenen bedürfe. Insbesondere den Theologen spricht er hier das Recht und die Pflicht zu, entsprechende Themen kontrovers auszudiskutieren um theologischen Konsens zu erzielen. Das Lehramt des Papstes (und der Bischöfe) müsse zwar überaus klar und eindeutig die kirchliche Lehre verkünden, Aufgabe der Theologen sei es (als fundamentales und regulierendes Prinzip des Kirchensystems) allerdings, diese Lehre gnädig auf das alltägliche Leben der Menschen herunterzubrechen und alltagstauglich zu machen. Die Theologen dürfen dabei nicht päpstlicher als der Papst sein. Dieses Zusammenspiel zwischen Theologie und Lehramt sieht Newman mit dem Begriff „ex cathedra“ umschrieben. Unfehlbare päpstliche Äußerungen müssen folglich aus der Lehre der Kirche herauskommen und in diese hineingehen. Unfehlbare Entscheidungen können also niemals unabhängig von der bisherigen Lehre, noch gegen diese erfolgen. Mit „ex cathedra“ ist also nicht die Unabhängigkeit des Papstes von der Kirche gemeint, sondern ganz im Gegenteil dessen Einordnung in die Kirche. Letztlich ist und bleibt für Newman damit nicht der Papst an sich unfehlbar, sondern stets die ganze Kirche. Das Zusammenspiel von Theologie und Lehramt ermöglicht der Kirche, nach Newman und gegen Döllinger, dass die Kirche „ex cathedra“ eben auch Lehren formulieren kann, welche nicht explizit durch die Kirchenväter bereits gesetzt wurden. Wo die Theologen jedoch in rationaler Schärfe zu hart werden, kann es passieren, dass auch das Lehramt hier mildernd eingreifen muss. Somit bezeichnet „ex cathedra“ für Newman keinen starren, sondern einen zutiefst dynamischen Begriff.


Merkwürdigerweise spielt es für Newman (der ja aus einer ganz anderen Tradition stammt) offensichtlich keine Rolle das Verhältnis des Papstes zu den einzelnen Bischöfen, oder zu den Konzilien näher zu klären. 


In Folge des ersten Vatikanums kam in England die Diskussion auf, ob Katholiken, welche dem römischen Papst absolut gehorsam zu sein hätten, noch gute Staatsbürger sein könnten. Also ein Konflikt wie ihn unsere Zeit zwischen islamischem Glauben und demokratischem Staat ähnlich erlebt. Die Antwort Newmans auf diese Frage lautet: Gewissensfreiheit. Sowohl der Glaube als auch der Staat können Ansprüche an die Menschen stellen und so in Einzelfällen zu ernsthaften Konfliktsituationen gelangen. In diesen Fällen müsse der einzelne Mensch in seinem Gewissen das richtige Verhalten erwägen.


Newman und Döllinger waren sich einig, dass das Wohl der Kirche weder allein durch die Hirten noch durch die Laien zu erreichen sei. Allein durch das Zusammenspiel beider Stände (conspiratio pastorum et fidelium) könne die Kirche ihren Dienst angemessen leisten. Gemeinsam weisen beide jede Form von Klerikalismus, als auch Laizismus zurück. Der Begriff des Zentralismus scheint beiden das Gegenteil von dem zu sein, was sie unter Katholizismus verstehen. Newman sah sehr deutlich, dass im ersten Vatikanum das Gleichgewicht der Kräfte verfehlt worden war, darum formulierte er die Notwendigkeit eines neuen, eines zweiten Konzils. Die Dekrete des ersten Vatikanums haben für ihn „keine Not gewehrt, sondern nur neue Probleme geschaffen.“ Im Gegensatz zu Döllinger konnte Newman allerdings den status quo annehmen, da er über ein weit dynamischeres Dogmenverständnis verfügte als jener.


Literatur: Wolfgang Klausnitzer, Päpstliche Unfehlbarkeit bei Newman und Döllinger, Innsbruck 1980.




Ehrenamtliche Mitarbeit in der Hospizgruppe

Diakon Friedrich Hartmann


Seit Oktober 2017 bin ich als freiwilliger Mitarbeiter in der örtlichen ambulanten Hospizgruppe in Altshausen. Die Hospizbewegung will eine gesellschaftliche Kultur mitgestalten, in der Sterben, Tod und Trauer als zum Leben zugehörig erfahren werden.

In der ökumenisch ausgerichteten Hospizgruppe kümmern wir uns um Kranke, Schwerkranke und Sterbende in Ergänzung und Vervollständigung der vorhandenen professionellen Dienste. In Altshausen ist unser Einsatzort vor allem das Altenheim, aber auch in den Familien zu Hause.

Der Befähigung und Ermutigung zur freiwilligen Mitarbeit in einer Hospizgruppe dient ein von der Caritas angebotener Grundkurs mit ca. 90 Unterrichtsstunden rund um die Hospizarbeit. Von der Hospizidee, über Bedürfnisse Schwerkranker, Kommunikationsstile, Seelsorge und Spiritualität, über Vorsorgepapiere bis hin zu Ritualen am Sterbebett wird ein breites Spektrum an Wissen vermittelt.

Ein bewegender Höhepunkt war ein Selbsterfahrungswochenende mit Auseinandersetzung kritischer Lebensereignisse wie Abschied, Trauer, Krankheit und Tod. Sehr eindrücklich war für mich auch ein Praktikum im Hospiz Schussental in Ravensburg. Es handelt sich um ein stationäres Hospiz mit acht Einzelzimmern. Beeindruckend war der zutiefst menschliche Umgang mit den Gästen und die liebevoll gestalteten Abschiedsrituale.

In der örtlichen Hospizgruppe treffen wir uns regelmäßig zum Austausch, sprechen dort Begleitungen ab oder werden von der Einsatzleitung informiert. Hohen Stellenwert hat die Dauer des Einsatzes und dessen Freiwilligkeit. Wir achten sehr darauf, dass es keinem zu viel wird.

Seit Oktober 2017 habe ich zwei Begleitungen durchgeführt, einmal im Heim und einmal zu Hause. Ansonsten besteht mein Einsatz in wöchentlichen Besuchen im Altersheim oder auch zu Hause. In unserer Hospizgruppe sind neben mir als einzigem Mann noch acht Frauen, davon zwei Ordensschwestern.


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Leserforum


Zu: Kongress des Verlages Herder in Dresden, „Gott? Mut zur Religion in der modernen Gesellschaft“, Eindrücke von Fritz Hartmann und Gerhard Seidler (AF1/2019)

Freundlichen Dank für „Ad Fontes International“. Ich habe mit Interesse darin gelesen und mich natürlich besonders über Ihren ausführlichen Artikel zum Jubiläumskongress des CHRIST IN DER GEGENMWART in Dresden gefreut.

Ihr Johannes Röser, Freiburg (Chefredakteur Christ in der Gegenwart)


Danke wiederum für Ihre wertvolle Kirchenzeitung, die ich mit großem Interesse gelesen habe! Auf Seite 17 im Bericht über den Herder-Kongress bin ich auf die folgende Passage gestoßen:

Christentum ist die einzige universalistische ausgerichtete Religion. Alle sind gemeint. Alle sind angesprochen. Im Judentum sind das nur die Juden, im Islam nur die Glaubenden, im Christentum aber wirklich alle, die Nahen und die Fernen.

Wer immer das gesagt hat – ich muss ihm von Seiten des Alten Testaments aus widersprechen. Gerade das Theologumenon von der „Völkerwallfahrt“ – zum Beispiel in Jes 2,1-5 als Prolog zum Jesaja-Buch aus Micha 4,1-4 hierher gesetzt – zeigt, dass schon nach dem Alten Testament alle Völker in das Heil einbezogen werden sollen. Das Neue Testament greift deshalb immer wieder dieses Theologumenon auf, weil sich nun auf neue Weise erfüllt, was längst zur prophetischen Botschaft des Alten Testaments gehörte. Das bevorstehende Fest Epiphanie ist mit Lk 2 ein Musterbeispiel dafür.

Prof Dr. Georg Braulik, Wien


Gegendarstellung:


Zu: Gründungsphase nach sechs Jahren fast abgeschlossen, Die erste Synode Christ-Katholischen Kirche in Deutschland hat getagt (AF1/2019)

In Ihrer Ausgabe 01/2019 behaupten Sie "Der Nachfolger von Abt Schlapps hat sich allerdings 2018 entschieden, gemeinsam mit einigen weiteren Klerikern und deren Angehörigen die Christ-Katholische Kirche zu verlassen und sich formal der Nordisch-Katholischen Kirche (jetzt ohne formale Synodalrechte) anzuschließen."

Diese Behauptung ist unwahr, denn die Abtei St. Severin war nie Teil der Christ-Katholischen Kirche. Aus der "Vereinbarung zur Integration der Abtei St. Severin (Kaufbeuren) in die Nordisch-Katholische Kirche" vom 22.01.2012 geht ganz klar hervor, dass die Abtei seit 22.01.2012 Teil der Nordisch-Katholischen Kirche war. Somit kann keine Rede davon sein, dass die Abtei oder der Nachfolger von Abt Schlapps die Christ-Katholische Kirche verlassen haben und sich formal der Nordisch-Katholischen Kirche angeschlossen haben.

Holger (Michael) Maier-Kerekes, Abt von St. Severin


Anmerkung der Redaktion: Richtig ist, dass am 22.01.12 die Christ-Katholische Kirche in Deutschland noch nicht bestand und oben genannte Vereinbarung lediglich ein Gründungsbaustein ist. Erst mit der Konstituierung der Kirche in Deutschland sind die Mitglieder des Ordens sowohl der Christ-Katholischen Kirche in Deutschland, als auch der Nordisch-Katholischen Kirche (NKK) am 14. April 2012 formal beigetreten. Mit Schreiben des Abtes vom 05. Juli 2018 ist die Mitgliedschaft des Abtes und zwei weiterer Ordensmitglieder in der Christ-Katholischen Kirche erloschen. Alle Synodalrechte des Abtes bezogen sich allein auf die Synode der Kirche in Deutschland. Die skandinavische Synode hat die kontinentaleuropäischen Gemeinden ausdrücklich von den Synodalrechten ausgeschlossen.

Der Sachstand wurde auf der Pastoraltagung der NKK in Deutschland im Februar diesen Jahres bestätigt und als mögliche Lösung die Gründung einer „unselbstständigen Mitgliedskirche (der Union von Scranton) unter Leitung eines Bischöflichen Delegaten diskutiert.“ (Quelle: deutsche Website der NKK, 1. März 2019).


Allgemein zu Ad Fontes International Ausgabe 4/ 2018

Herzlichen Glückwunsch zur neuen Ausgabe der Kirchenzeitung! Sie ist wirklich gut gelungen! Meiner Meinung nach ist es die beste Kirchenzeitung, die Sie bisher herausgaben! Und sie vermittelt in jeder Hinsicht kirchlich-geschichtliches Wissen. Wer weiß denn schon Genaueres über Bischof Arnold Harris Mathew, obwohl es so wichtig wäre!

Alfons Fischer, Berlin


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Neue Serie – Gedanken zur christlichen Soziallehre – Neue Serie

KÖNNTEN FRANZISUS, ELISABETH, VINZENZ VON PAUL HEUTE NOCH IN EINER KIRCHLICHEN SOZIALEINRICHTUNG ARBEITEN?

Eine Empörung von Gerhard Seidler


Die Missbrauchsdebatte ist nur der Gipfel des Eisbergs in der Glaubwürdigkeitskrise der Kirchen, welche den Karren ihrer Reputation gegenwärtig vollständig gegen die Wand zu fahren scheinen. Die Kirchen sind mehr als nur unglaubwürdig, so tönt es landauf, landab. Das war beim Aufkommen der ersten Skandale so und das ist heute noch viel schlimmer!


Nach einer Umfrage, veröffentlicht von der Katholischen Nachrichten Agentur am 7. Januar, vertrauen nur noch 18 Prozent der Bevölkerung der römisch-katholischen Kirche. Am stärksten zurückgegangen ist das Vertrauen in den Papst (minus 20 Punkte), in die katholische (minus 9) und in die evangelische Kirche (minus 10). Und im Land der unbegrenzten Möglichkeiten, so die Meinungsforscher vom Gallup-Institut, bedenkt ein Drittel der Katholiken aus der Kirche auszutreten.


Die Kirchen sind ja bekannter Weise nach dem Staat der größte Arbeitsgeber in Deutschland. Der Lackmustest der kirchlichen Glaubwürdigkeit wird daher bei Weitem nicht nur in den Ehebetten, sondern auch am Arbeitsplatz verhandelt. Inwieweit wird der Anspruch der christlichen Soziallehre auch in den Einrichtungen der kirchlichen „Sozialkonzerne“ praktiziert? Klaffen Anspruch und Wirklichkeit zwischen christlicher Soziallehre und kirchlicher Konzernführung nicht meilenweit auseinander? Die Glaubwürdigkeit der Kirchen aller Konfessionen erweist sich nicht nur am Umgang mit ihren „Kunden“, sondern vor allem auch im Hinblick auf den Umgang mit ihrem wichtigsten Kapital, den Mitarbeitern und ihrer Grundlage, der Botschaft Jesu.


In den vergangenen Jahren haben zunehmend mehr Frauenklöster, so auch in Oberschwaben, Stiftungen oder gemeinnützige Gesellschaften gegründet, weil sie sich auf Grund ihrer eigenen Altersstruktur nicht mehr in der Lage sehen, selbst tätig zu werden. Hochglanzprospekte, von den „Konzernen der christlichen Sozialhilfe“ veröffentlicht, werben um „Kunden“ und stellen ihr christliches Leitbild zur Schau.


Die Stiftungsverwaltungen werden immer weiter ausgebaut. Der Konzern bekommt seine hoch dotierte Führungsebene. Controller, Kontrolleure überwachen Einrichtungen und das „arbeitende Volk“. Die Taktzahlen der Pflege, in Minuten gemessen, sind das Maß aller Dinge, die Vorgaben der Aufsichtsbehörden, der Pflege- und Krankenkassen, des medizinischen Dienstes sind strikt einzuhalten. Die Ergebnisse der kommerziellen Pflegesatzverhandlungen sind die heiligen Schriften der Geschäfts- bzw. Heimleitung. Müssen sich die kirchlichen Einrichtungen tatsächlich an diesen Mindeststandards beteiligen und den möglichen Gewinn kassieren?


Für ein kleineres Haus mit 50 Betten verteilt auf drei Stationen ist eine Nachtwache ausreichend. Ist sie das wirklich? Fünfzehn bis zwanzig Patienten werden von einer ausgebildeten Pflegefachkraft versorgt, der oftmals „nur“ ein Praktikant zugeordnet ist. Reicht das wirklich? 


Werden Betten nicht belegt, haben die Beschäftigten ihre Arbeitszeit zu reduzieren. Zunächst für ein halbes Jahr und dann noch einmal. Und die Führungsebene?  – die setzt externe Begutachter, Prüfer ein, die die Wirtschaftlichkeit des Betriebes sicherstellen sollen. Zukunftsangst, latente Unzufriedenheit und Krankheitsstand innerhalb der Belegschaft nehmen zu. Wen wundert’s. Dann werden auch noch „Service-Gesellschaften“ gegründet. Die Betroffenen erhalten ihre Änderungskündigung. Der Beschäftigungsumfang wird abgesenkt, doch gleichzeitig steigen die Überstunden. Die Stellen für voll ausgebildete Pflegekräfte werden zu Gunsten von Pflegehelfern reduziert. Die Attraktivität des Berufsbildes „Altenpfleger“ sinkt. Nimmt es da Wunder, wenn das eintritt, was laut Pflegeleitbild und Hochglanzprospekt nicht sein darf: eine Minimalpflege und –betreuung, so ganz nach dem Motto: „satt und sauber“?


Mitarbeitervertreter müssen um Manches kämpfen, was den Beschäftigten laut Tarifvertrag oder sonstigen Absprachen zusteht. Ihre Anliegen und Anfragen werden verbummelt, sie selbst vertröstet und eigentlich nicht so ganz ernst genommen. Was leidet unter all dem? Natürlich die Pflege und derjenige, der dieser bedarf. So bleibt gespannt abzuwarten, bis es zu einem Aufstand derer kommt, die gepflegt werden sollen – mehr als „satt und sauber“ und derer, die ihre Angehörigen möglicherweise ganz bewusst in ein christlich geprägtes Altenheim gegeben haben. Befremdlich und nahezu heuchlerisch wirkt es dann auf mich, wenn bei Heimfesten und in Anwesenheit von Presse und Honoratioren die heile Welt der Einrichtung zur Schau gestellt wird.

Mitarbeiterversammlung einer kirchlichen Sozialstation im unteren Illertal. Der Vorsitzende, ein Pfarrer aus der Region, erklärt mit Nachdruck, dass er erwartet, dass jeder immer und überall erreichbar und auch zum Dienst bereit ist. Der Dienst steht über allem, geht allem anderen vor. Geht’s noch? Am siebten Tage ruhte der Herr unser Gott! Er selbst aber, der verantwortliche Geistliche – wie hält er es mit seinem sakrosankten freien „Priester-Montag“?


Ganz aktuell im Bodenseeraum: Stiftung Liebenau, ein Konzern mit 7131 Mitarbeitern begeht Tarifflucht – Bischof muss kirchliches Tarifniveau durchsetzen! Diese Meldung vom 12. Dezember 2018 geisterte durch alle Medien. Der Sachverhalt: Die Tochtergesellschaft der Stiftung Liebenau, die „Liebenau - Leben im Alter gGmbH“ (LiLA), begeht Tarifflucht, wenn sie ab 1. Januar 2019 die Anwendung des kirchlichen Arbeitsrechts und damit des Tarifwerks der Caritas (AVR) aus ihrer Satzung streicht. Seit dem 1. Januar 2019 ist die Anwendung des kirchlichen Arbeitsrechts und damit des Tarifwerks der Caritas (AVR) aus ihrer Satzung gestrichen. Mit diesem Akt werden die Gehälter der rund 700 Beschäftigten der LiLA dauerhaft auf deutlich niedrigerem Niveau gehalten.


Durch eine Genehmigung des Bischofs der Diözese Rottenburg-Stuttgart, Dr. Gebhard Fürst, wird der sich zur Caritas zählenden „Liebenau – Leben im Alter gGmbH“ gestattet, ab dem 1. Januar 2019 auch offiziell außerhalb des kirchlichen Arbeitsrechts zu agieren. Schon zuvor, ab 2011, hat sich die Tochtergesellschaft der Stiftung Liebenau mit bischöflicher Genehmigung von der Anwendung des Tarifwerks der Caritas (AVR) befreien lassen. Sämtliche neuen Häuser dieser Gesellschaft wurden konsequent außerhalb der AVR errichtet. Die Folgen für die Beschäftigten sind u.a. erheblich abgesenkte Gehälter (Unterschiede zu AVR, s.u.).


Eigentlich fällt einem dazu nichts mehr ein. Der hl. Franziskus, die Gute Beth, die heilige Elisabeth, Vinzenz von Paul und Adolf Kolping drehen sich da wohl im Grabe um. Christliche Soziallehre, was ist das? Kirche, quo vadis?


Wie es sein könnte und müsste „Kunden“, laut Prospekt der Altenhilfe – sind das nicht „Schwestern und Brüder im Herrn“, die mehr oder weniger der Pflege bedürfen? Mitarbeiter dieser kirchlichen Einrichtungen, seien diese nun Stiftungen oder gemeinnützige Gesellschaften mit beschränkter Haftung – sind das nicht ebenfalls „Schwestern und Brüder im Herrn“? Stifter stiften eine Stiftung, nicht um den Gewinn zu maximieren, um überhaupt Gewinn zu erzielen, sondern um ihres Auftrags willen. Verantwortet werden muss eine Personaldecke, die nicht am Limit gebaut ist, sondern die Freiräume schafft, ganz nach dem Wort unseres Herrn: „Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben.“


Das sollte leistbar sein, wenn Stiftungen im Laufe eines Jahres bis zu 30 Millionen Euro in bauliche Maßnahmen stecken können. Gemeinnützige Gesellschaften dienen eben dem Gemeinwohl und nicht sich selbst. Die Kirche selbst und all ihre Einrichtungen – müssen sie nicht in erster Linie und ausschließlich REICH GOTTES erfahrbar machen? Im Hinblick darauf, dass Pflege ein hochinteressanter und lukrativer Markt geworden ist (Steigerungsrate von 1996-2004: 69%), ist es da nicht angebracht nach einer Kontrastgesellschaft in kirchlicher Trägerschaft zu rufen, die nicht primär dem „schnöden Mammon“ dient, sondern sich an der Bergpredigt orientiert, KEINE Gewinnabsichten hat, sondern den liebenden Gott in ALLEN BEREICHEN in den Mittelpunkt ihres Handels stellt? Ist es, vor diesem Hintergrund betrachtet, nicht wesentliche Aufgabe das Alten- und Pflegeheim sich zu seiner eigentlichen Wortbedeutung hin zu entfalten: Daheim sein und eine Heimat haben – und das für Bewohner und Personal? Wenn neue Modelle, wie Hausgemeinschaften für Pflegebedürftige und Pfleger-/innen verwirklicht werden, neue Herausforderungen bieten, so muss das nicht unter dem Leitsatz „dem Leben Jahre“ sondern den „Jahren Leben geben“ stehen. Eine Herausforderung, die ausreichend qualifiziertes, ausgebildetes Personal verlangt. Und qualifiziertes Personal kostet Geld, und zwar mehr als derzeit bezahlt wird. Sollte es nicht selbstverständlich sein, dass kirchliche Einrichtungen vorbildhaft die „christliche Soziallehre“ LEBEN und im Umgang mit den Beschäftigten verwirklichen? Ist es nicht so, dass Zeittakte, die die Zuwendung für einzelne pflegebedürftige Schwestern und Brüder reglementieren, ersetzt werden müssten durch ZEIT HABEN eben für diese?


Sollte dies alles „Windhauch“ sein, das ich aus persönlicher Betroffenheit aufgezeigt habe, dann kann eigentlich nur das Subsidiaritätsprinzip greifen. Sollte keine „Kontrastgesellschaft“ verwirklicht werden, ist kirchliche stationäre Altenhilfe mehr als flüssig, sie ist überflüssig, da sie sich selbst im Weg steht, um das Reich Gottes, das bereits mitten unter uns ist, sichtbar zu machen. „Du kannst nicht Gott dienen und zugleich dem Mammon“.


Das, was ich hier dargelegt habe, gilt in gleicher Weise für alle anderen caritativen Bereiche (z.B. die Behinderten- oder die Obdachlosenhilfe) und für alle Kirchen. 




Dokumentation: Ein Kampf um Rom. Die Kardinäle Müller und Kasper im Disput. Kardinal Gerhard Ludwig Müller veröffentlichte am 8. Februar sein Glaubensmanifest in welchem er beschreibt, was er für wesentlich in der römisch-katholischen Kirche hält, worauf er umgehend eine Antwort von Kardinal Walter Kasper erhalten hat.


"Euer Herz lasse sich nicht verwirren!" (Joh 14,1)

Gerhard Kardinal Müller, Präfekt der Kongregation für die Glaubenslehre von 2012-2017


Angesichts sich ausbreitender Verwirrung in der Lehre des Glaubens, haben viele Bischöfe, Priester, Ordensleute und Laien der katholischen Kirche mich um ein öffentliches Zeugnis für die Wahrheit der Offenbarung gebeten. Es ist die ureigene Aufgabe der Hirten, die ihnen Anvertrauten auf den Weg des Heils zu führen. Dies kann nur gelingen, wenn dieser Weg bekannt ist und sie ihn selber vorangehen. Dabei gilt das Wort des Apostels: "Denn vor allem habe ich euch überliefert, was auch ich empfangen habe" (1 Kor 15,3). Heute sind vielen Christen selbst die grundlegenden Lehren des Glaubens nicht mehr bekannt, so dass die Gefahr wächst, den Weg zum Ewigen Leben zu verfehlen. Es bleibt aber die ureigene Aufgabe der Kirche, die Menschen zu Jesus Christus, dem Licht der Völker, zu führen (vgl. LG 1). In dieser Lage stellt sich die Frage nach Orientierung. Nach Johannes Paul II. stellt der Katechismus der Katholischen Kirche eine "sichere Norm für die Lehre des Glaubens" (Fidei Depositum IV) dar. Er wurde mit dem Ziel verfasst, die Brüder und Schwestern im Glauben zu stärken, deren Glaube durch die "Diktatur des Relativismus" massiv in Frage gestellt wird.


1. Der eine und dreifaltige Gott, offenbart in Jesus Christus

Der Inbegriff des Glaubens aller Christen findet sich im Bekenntnis zur Allerheiligsten Dreifaltigkeit. Wir sind durch die Taufe auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes Jünger Jesu, Kinder und Freunde Gottes geworden. Die Verschiedenheit der drei Personen in der göttlichen Einheit (254) markiert im Hinblick auf andere Religionen einen fundamentalen Unterschied im Gottesglauben und im Menschenbild. Am Bekenntnis zu Jesus dem Christus scheiden sich die Geister. Er ist wahrer Gott und wahrer Mensch, empfangen vom Heiligen Geist und geboren aus der Jungfrau Maria. Das Fleisch gewordene Wort, der Sohn Gottes, ist der einzige Erlöser der Welt (679) und der einzige Mittler zwischen Gott und den Menschen (846). Daher bezeichnet der erste Johannesbrief denjenigen als Antichrist, der seine Gottheit leugnet (1 Joh 2,22), da Jesus Christus, der Sohn Gottes von Ewigkeit her eines Wesens ist mit Gott, Seinem Vater (663). Mit klarer Entschiedenheit ist dem Rückfall in alte Häresien entgegenzutreten, die in Jesus Christus nur einen guten Menschen, Bruder und Freund, einen Propheten und Moralisten sahen. Er ist zu allererst das Wort, das bei Gott war und Gott ist, der Sohn des Vaters, der unsere menschliche Natur angenommen hat, um uns zu erlösen und der kommen wird zu richten die Lebenden und die Toten. Ihn allein beten wir in der Einheit mit dem Vater und dem Heiligen Geist als den einzigen und wahren Gott an (691).


2. Die Kirche

Jesus Christus hat die Kirche als sichtbares Zeichen und Werkzeug des Heils gegründet, die in der katholischen Kirche verwirklicht ist (816). Er gab seiner Kirche, die "aus der Seite des am Kreuz entschlafenen Christus" hervorgegangen ist (766), eine sakramentale Verfassung, die bis zur Vollendung bleibt (765). Christus, das Haupt, und die Gläubigen als Glieder des Leibes sind eine mystische Person (795), weshalb die Kirche heilig ist, denn der einzige Mittler hat ihr sichtbares Gefüge verfasst und erhält sie unablässig (771). Durch sie wird das Erlösungswerk Christi in Zeit und Raum gegenwärtig in der Feier der heiligen Sakramente, vor allem im eucharistischen Opfer, der heiligen Messe (1330). Die Kirche vermittelt mit der Autorität Christi die göttliche Offenbarung, die sich auf alle Elemente der Lehre erstreckt, "einschließlich der Sittenlehre, ohne welche die Heilswahrheiten des Glaubens nicht bewahrt, dargelegt und beobachtet werden können" (2035).


3. Sakramentale Ordnung

Die Kirche ist in Jesus Christus das allumfassende Sakrament des Heils (776). Sie reflektiert nicht sich selbst, sondern das Licht Christi, das auf ihrem Antlitz widerscheint. Dies geschieht nur dann, wenn weder eine Mehrheit, noch der Zeitgeist, sondern die in Jesus Christus geoffenbarte Wahrheit zum Bezugspunkt wird, denn Christus hat der katholischen Kirche die Gnaden- und Wahrheitsfülle anvertraut (819): Er selbst ist in den Sakramenten der Kirche gegenwärtig.

Die Kirche ist kein von Menschen gegründeter Verein, über dessen Struktur seine Mitglieder nach Belieben abstimmen. Sie ist göttlichen Ursprungs. "Christus selbst ist der Urheber des Amtes in der Kirche. Er hat es eingesetzt, ihm Vollmacht und Sendung, Ausrichtung und Zielsetzung gegeben" (874). Die Mahnung des Apostels gilt bis heute, dass verflucht sei, wer ein anderes Evangelium verkündet, "auch wenn wir selbst es wären oder ein Engel vom Himmel" (Gal 1,8). Die Vermittlung des Glaubens ist unlösbar mit der menschlichen Glaubwürdigkeit seiner Boten verbunden, die in einigen Fällen die ihnen Anvertrauten im Stich gelassen, sie verunsichert und ihren Glauben schwer geschädigt haben. Hier trifft das Wort der Schrift diejenigen, die der Wahrheit kein Gehör schenken und sich nach eigenen Wünschen richten, die den Ohren schmeicheln, weil sie die gesunde Lehre nicht ertragen (vgl. 2 Tim 4,3-4).

Aufgabe des Lehramtes der Kirche ist es, das "Volk vor Verirrungen und Glaubensschwäche zu schützen", um "den ursprünglichen Glauben irrtumsfrei zu bekennen" (890). Dies gilt besonders im Hinblick auf alle sieben Sakramente. Die hl. Eucharistie ist "Quelle und Höhepunkt des ganzen christlichen Lebens" (1324). Das eucharistische Opfer, in dem uns Christus in sein Kreuzesopfer einbezieht, zielt auf die innigste Vereinigung mit Christus (1382). Daher mahnt die Heilige Schrift im Hinblick auf den Empfang der hl. Kommunion: "Wer also unwürdig von dem Brot isst und aus dem Kelch des Herrn trinkt, macht sich schuldig am Leib und am Blut des Herrn" (1 Kor 11,27). "Wer sich einer schweren Sünde bewusst ist, muss das Sakrament der Buße empfangen, bevor er die Kommunion empfängt" (1385). Von der inneren Logik des Sakramentes versteht sich, dass standesamtlich wiederverheiratet Geschiedene, deren sakramentale Ehe vor Gott besteht, nicht voll mit dem katholischen Glauben und der Kirche verbundene Christen, wie alle, die nicht entsprechend disponiert sind, die heilige Eucharistie nicht fruchtbar empfangen (1457), weil sie ihnen nicht zum Heil gereicht. Darauf hinzuweisen entspricht den geistigen Werken der Barmherzigkeit.

Das Bekenntnis der Sünden in der heiligen Beichte wenigstens einmal im Jahr gehört zu den Kirchengeboten (2042). Wenn die Gläubigen ihre Sünden nicht mehr bekennen und die Lossprechung von ihren Sünden erfahren, dann läuft die Erlösung ins Leere, schließlich ist Jesus Christus Mensch geworden, um uns von unseren Sünden zu erlösen. Auch für die schweren und lässlichen Sünden, die wir nach der Taufe begehen, gilt die Vollmacht der Vergebung, die der auferstandene Herr den Aposteln und ihren Nachfolger im Bischofs- und Priesteramt übertragen hat. Die aktuelle Beichtpraxis lässt deutlich werden, dass das Gewissen der Gläubigen nicht ausreichend geformt ist. Gottes Barmherzigkeit ist uns geschenkt, dass wir seine Gebote erfüllen, um dadurch eins zu werden mit seinem heiligen Willen und nicht, damit wir der Forderung zur Umkehr ausweichen (1458).

"Der Priester setzt auf Erden das Erlösungswerk fort" (1589). Die Priesterweihe "verleiht ihm eine heilige Vollmacht" (1592), die unersetzbar ist, denn durch sie wird Jesus Christus in seinem Heilshandeln sakramental gegenwärtig. Daher entscheiden sich Priester freiwillig für den Zölibat als "Zeichen des neuen Lebens" (1579). Es geht um die Selbsthingabe im Dienst Christi und Seines kommenden Reiches. Im Hinblick auf den Empfang der Weihe in den drei Stufen dieses Amtes weiß sich die Kirche "durch [die] Wahl, die der Herr selbst getroffen hat, gebunden. Darum ist es nicht möglich, Frauen zu weihen" (1577). Hier eine Diskriminierung der Frau zu unterstellen, zeigt nur das Unverständnis für dieses Sakrament, bei dem es nicht um irdische Macht geht, sondern um die Repräsentation Christi, des Bräutigams der Kirche.


4. Das sittliche Gesetz

Glaube und Leben gehören untrennbar zusammen, denn Glaube ohne Werke, die im Herrn getan werden, ist tot (1815). Das sittliche Gesetz ist Werk der göttlichen Weisheit und führt den Menschen zur verheißenen Seligkeit (1950). Demzufolge ist die Kenntnis des göttlichen und natürlichen Sittengesetzes notwendig, "um das Gute zu tun und sein Ziel zu erreichen" (1955). Seine Beachtung ist für alle Menschen guten Willens heilsnotwendig. Denn wer in Todsünde stirbt, ohne bereut zu haben, wird für immer von Gott getrennt sein (1033). Dies führt zu praktischen Konsequenzen im Leben der Christen, von denen viele heute verdunkelt sind (vgl. 2270-2283; 2350-2381). Das sittliche Gesetz ist nicht eine Last, sondern Teil jener befreienden Wahrheit (vgl. Joh 8,32), durch die der Christ den Weg des Heils geht und die nicht relativiert werden darf.


5. Das Ewige Leben

Viele fragen sich heute, wofür die Kirche eigentlich noch da ist, wenn sich auch Bischöfe lieber in der Rolle als Politiker gefallen, denn als Lehrer des Glaubens das Evangelium verkünden. Der Blick darf nicht durch Nebensächlichkeiten verwässert, sondern das Proprium der Kirche muss thematisiert werden. Jeder Mensch hat eine unsterbliche Seele, die im Tod vom Leib getrennt wird, indem er auf die Auferstehung der Toten hofft (366). Der Tod lässt die Entscheidung des Menschen für oder gegen Gott definitiv werden. Jeder muss sich unmittelbar nach dem Tod dem besonderen Gericht stellen (1021). Entweder ist noch eine Läuterung notwendig oder der Mensch gelangt unmittelbar in die himmlische Seligkeit und darf Gott von Angesicht zu Angesicht schauen. Es gibt auch die schreckliche Möglichkeit, dass ein Mensch bis zuletzt im Widerspruch zu Gott verharrt und indem er sich Seiner Liebe definitiv verweigert, "sich selbst sogleich und für immer verdammt" (1022). "Gott hat uns erschaffen ohne uns, er wollte uns aber nicht retten ohne uns" (1847). Die Ewigkeit der Höllenstrafe ist eine furchtbare Wirklichkeit, die – nach dem Zeugnis der Heiligen Schrift – sich alle zuziehen die "im Stand der Todsünde sterben" (1035). Der Christ geht durch das enge Tor, denn "weit ist das Tor und breit der Weg, der ins Verderben führt, und es sind viele, die auf ihm gehen" (Mt 7,13).

Diese und andere Glaubenswahrheiten zu verschweigen und die Menschen entsprechend zu lehren ist der schlimmste Betrug, vor dem der Katechismus mit Nachdruck warnt. Er stellt die letzte Prüfung der Kirche dar und führt den Menschen zu einem religiösen Lügenwahn, um "den Preis ihres Abfalls von der Wahrheit" (675); es ist der Betrug des Antichrists. "Er wird jene, die verloren gehen, mit allen Mitteln der Ungerechtigkeit täuschen; denn sie haben sich der Liebe zur Wahrheit verschlossen, durch die sie gerettet werden sollten" (2 Thess 2,10).


Aufruf

Als Arbeiter im Weinberg des Herrn haben wir alle die Verantwortung, diese grundlegenden Wahrheiten in Erinnerung zu rufen, indem wir an dem festhalten, was wir selber empfangen haben. Wir wollen Mut machen, den Weg Jesu Christi mit Entschiedenheit zu gehen, um durch die Befolgung Seiner Gebote das ewige Leben zu erlangen (2075).

Bitten wir den Herrn, Er möge uns erkennen lassen, wie groß das Geschenk des katholischen Glaubens ist, durch den sich die Tür zum Ewigen Leben öffnet. "Denn wer sich vor dieser treulosen und sündigen Generation meiner und meiner Worte schämt, dessen wird sich auch der Menschensohn schämen, wenn er mit den heiligen Engeln in der Hoheit seines Vaters kommt" (Mk 8,38). Daher setzen wir uns ein für die Stärkung des Glaubens, indem wir die Wahrheit bekennen, die Jesus Christus selber ist.

Gerade wir Bischöfe und Priester sind angesprochen, wenn Paulus, der Apostel Jesu Christi, seinem Mitstreiter und Nachfolger Timotheus diese Mahnung mit auf den Weg gibt: "Ich beschwöre dich bei Gott und bei Jesus Christus, dem kommenden Richter der Lebenden und Toten, bei seinem Erscheinen und seinem Reich: Verkünde das Wort, tritt auf, ob gelegen oder ungelegen, überführe, weise zurecht, ermahne in aller Geduld und Belehrung. Denn es wird eine Zeit kommen, in der man die gesunde Lehre nicht erträgt, sondern sich nach eigenen Begierden Lehrer sucht, um sich die Ohren zu kitzeln; und man wird von der Wahrheit das Ohr abwenden, sich dagegen Fabeleien zuwenden. Du aber sei in allem nüchtern, ertrage das Leiden, verrichte dein Werk als Verkünder des Evangeliums, erfülle deinen Dienst!" (2 Tim 4,1-5). Möge Maria, die Mutter Gottes, uns die Gnade erflehen, am Bekenntnis zur Wahrheit Jesu Christi ohne Wanken festzuhalten.

(Quelle: Catholic News Agency)



Ein Glaubensmanifest, das Verwirrung stiftet

Walter Kardinal Kasper,

1999-2010 Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen


Kein Zweifel, das Glaubensmanifest, das Kardinal Gerhard Müller veröffentlicht hat, enthält viele Aussagen des Glaubens, die jeder aufrechte Katholik nur von ganzem Herzen bejahen kann. Manche der Aussagen werden auch manchem evangelischen Christen aus dem Herzen gesprochen sein. Es ist gut, diese fundamentalen Wahrheiten in Erinnerung zu rufen, damit sie in den nur scheinbar wichtigeren aktuellen Debatten nicht untergehen. Soweit, so gut.


Nicht gut jedoch, dass manche Wahrheiten so pointiert herausgestellt werden, dass darüber die andere Hälfte ausgeblendet wird. Nur ein Beispiel: Es ist zweifellos richtig, dass das Bekenntnis zum dreifaltigen Gott einen fundamentalen Unterschied im Gottesglauben und Menschenbild zu anderen Religionen bedeutet. Aber gibt es nicht auch Gemeinsamkeiten, vor allem mit den Juden wie mit den Muslimen, im Glauben an den einen Gott? Und sind diese Gemeinsamkeiten zumal heutzutage nicht grundlegend für den Frieden in der Welt und in der Gesellschaft? Die halbe Wahrheit ist nicht die katholische Wahrheit!


An anderen Stellen finden sich pauschale Aussagen, die so nicht stehen bleiben können, etwa wenn gesagt wird, das Gewissen der Gläubigen sei nicht ausreichend geformt. Dieser Satz in dieser Allgemeinheit ist für viele Gläubigen beleidigend. Und was werden viele sagen, wenn sie an Priester denken, denen Missbrauch vorzuwerfen ist? Ist deren Gewissen ausreichend gebildet? Was müssen erst recht Opfer von Missbrauch empfinden, wenn ein Satz wie der "Der Priester setzt auf Erden das Erlösungswerk fort" so völlig undifferenziert dasteht? Das rechte Unterscheiden macht den Theologen!


An anderen Stellen handelt es sich nicht um ein Glaubensmanifest, sondern um ein Manifest von privater theologischer Überzeugung, die so nicht allgemeinverbindlich sein kann. Wieder nur ein Beispiel: Für die Aussage, dass standesamtlich wiederverheiratet Geschiedene und nicht katholische Christen die Eucharistie nicht fruchtbar empfangen könnten, beruft sich das Manifest auf Nr. 1.457 des Katechismus der katholischen Kirche.


Ich habe zweimal nachgeschlagen und diesen Satz dort so nicht gefunden. Ich kenne auch keine andere dogmatisch verbindliche Aussage, in der der Satz in dieser Form steht. Das Manifest spricht übrigens von wiederverheiratet Geschiedenen, deren erste Ehe "vor Gott besteht". Damit setzt es offensichtlich voraus, dass es auch solche gibt, deren erste Ehe vor Gott nicht besteht. Wer kann das entscheiden, und was ist mit diesen?


Auch für die kirchliche Disziplin des Zölibats findet sich eine Berufung auf den Katechismus Nr. 1.579. Doch leider ungenau. Dort steht nämlich das Wort "normalerweise", das im Manifest unterschlagen wird. Tatsächlich gibt es in der katholischen Kirche Priester, welche verheiratet sind: In den mit Rom in Gemeinschaft stehenden Ostkirchen, ehemalige evangelische oder - wie jüngst Papst Benedikt XVI. verfügt hat - ehemalige anglikanische Pastoren. Auch wenn ich persönlich der Überzeugung bin, man müsse über den Sinn der freigewählten Ehelosigkeit der Priester nochmals neu und tiefer nachdenken, so kann zumindest die Diskussion über viri probati nicht verboten sein.


Total entsetzt war ich, als ich gegen Ende des Manifests vom "Betrug des Antichrists" las. Das erinnert fast wörtlich an Martin Luthers Argumentation. Auch Luther hat damals vieles in der Kirche zu Recht kritisiert. Aber der Antichrist-Vorwurf war - wie heute auch unsere lutherischen Dialogpartner sagen - schon damals unangemessen. Steht hinter dem Manifest ein Luther redivivus? Einer, der sich zu Recht für Reformen in der Kirche einsetzt, diese aber am Papst vorbei und gegen ihn durchsetzen will? Ich will das nicht glauben. Denn das könnte nur zu Verwirrung und Spaltung führen. Das würde die katholische Kirche aus den Angeln heben.


(Quelle: katholisch.de)






Buchbesprechungen

von Axel Stark, Akademischer Oberrat i.R. (Universität Passau)


Karl Rahner, Strukturwandel der Kirche als Aufgabe und Chance.

Mit einer Einleitung von Michael Seewald, Freiburg 2019, Herder, 169 S.


Zur Würzburger Synode (1971-75) schrieb Karl Rahner (1904-84) dieses Buch als "Ausdruck von (seiner) Hoffnung auf die gestaltende Kraft der Synode, (er) artikuliert aber auch seine nicht geringen Erwartungen an diese Versammlung." Das Buch wurde aber nicht als Chance gesehen, sondern negativ kritisiert und als "Abkehr Rahners von der Theologie einer gesunden Mitte" gewertet.

Man wollte nicht sehen, dass der scharfe Blick Rahners die Kirchenprobleme wie "Klerikalismus, Legalismus und Schutz der eigenen Institution" erkannte. Hätte man sich ehrlich auf Rahner eingelassen, wäre uns viel Leid und Glaubwürdigkeitsverlust erspart geblieben. Rahner zeigt auch Wege auf für eine Kirche der Zukunft: eine offene Kirche, die einen inneren Pluralismus ermöglicht, und verbinden, nicht trennen will; eine Kirche, die sich von der Basis her aufbaut und neu über Amt und Leitung nachdenkt, die mehr Demokratie wagt und in die Gesellschaft hinein wirkt.

In seiner Einleitung erläutert Michael Seewald, Dogmatikprofessor in Würzburg und drei Jahre nach dem Tode Rahners geboren (1987), in welchem Kontext Rahners Vorschläge entstanden sind, welche zentralen Forderungen Rahner aufgestellt hat und warum sein Text gerade heute äußerst lesenswert ist.

Das Buch erschien erstmals 1972, also vor 47 Jahren: es ist ein Armutszeugnis für die Kirche, dass dieses Buch noch immer sehr aktuell ist.

Axel Stark, Passau



Impressum:

Redaktion: Klaus Mass, Kapellenstraße 7, 85254 Einsbach, pfarramt-christ-katholisch@web.de

Namentlich gekennzeichnete Artikel müssen nicht unbedingt die Lehrmeinung der Kirche wiedergeben.

Leserbriefe sind stets erwünscht.





Zum Vater Unser

Vom übernatürlichen Brot oder dem was uns bevorsteht

Von Klaus Mass


In den vergangenen Jahren ist eine starke Diskussion (auch in dieser Zeitschrift)  um das Gebet der Christen schlechthin entbrannt, es geht um nichts weniger als um das Gebet Jesu, um das „Vater unser“ selbst. Sogar Papst Franziskus hat in die Diskussion eingegriffen und Textkorrekturen verlangt. In zahlreichen Sprachen wurden diese umgesetzt. Im deutschen Sprachraum haben die zuständigen Bischöfe jedoch mit Blick auf den ökumenischen Einheitstext jede Korrektur abgelehnt.


In der Diskussion steht vor allem jener Satz: „Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen.“ Die theologisch bessere Variante sei: „Und führe uns in der Versuchung und erlöse uns von dem Bösen.“

Der Theologe Eckhard Nordhofen hat in seinem höchst lesenswerten Buch „Corpora – Die anarchische Kraft des Monotheismus“ auf einen weiteren verunglückten Satz der üblichen „Vater unser“- Übersetzungen hingewiesen. „Unser tägliches Brot gib uns heute.“ Gemäß dieser Bitte beten Christen ums tägliche Brot und erbitten damit alles Notwendige zur heutigen Lebensbewältigung. Nach Nordhofen wird die Gebetsbitte jedoch gründlich missverstanden, wenn hier lediglich materielles, irdisches Brot von Gott erbeten wird.


So verweist Nordhofen darauf, dass Jesus seinem Gebet ein Wort vorausschickt. „Wenn ihr betet, dann plappert nicht wie die Heiden, denn euer Vater weiß was ihr braucht.“ Beten im Sinne Jesu meint folglich nicht das Erflehen von konkreten irdischen Bedürfnissen. Das wäre ein Rückfall ins Heidentum, eine Reduzierung Gottes auf einen himmlischen Funktionsträger, auf einen überirdischen Dienstleister. Gebet im Sinne Jesu kann nichts anderes sein als das jüdische Glaubensbekenntnis Schma Israel:


„Höre, Israel: Der HERR, unser Gott, ist der einzige HERR. Und du sollst den HERRN, deinen Gott, lieben, von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit deiner ganzen Kraft. Und diese Worte, die ich dir heute gebiete, sollen in deinem Herzen bleiben, und du sollst sie deinen Kindern einschärfen, und du sollst davon reden, wenn du in deinem Haus sitzt und wenn du auf dem Weg gehst, wenn du dich niederlegst und wenn du dich erhebst. Du sollst sie als Zeichen auf deine Hand binden und sie als Merkzeichen auf der Stirn tragen, und du sollst sie auf die Türpfosten deines Hauses schreiben und an deine Tore.“ (Dtn.6,4-9)


Gebet im Sinne Jesu bedeute, Gott mit ganzer Kraft in unser Herz, in unsere Kinder, in unser Haus einzuschreiben. Gott in unser ganzes Leben hineinzunehmen und aus ihm heraus zu leben. In diesem Sinne ist folglich auch mit den Worten umzugehen, die Jesus jetzt seinen Jüngern gibt, die er in die DNA des Herzens seiner Kirche schreibt.


Das Vater Unser steht ganz in der Provokation, die Jesus begeht und die ihm am Ende das Leben kosten soll. Gott gleich schreibt er Worte in das Herz seines Volkes! Das Herrengebet steht in der Maxime Jesu: „Wer mich sieht, sieht den, der mich gesandt hat“ (Joh 12,45).

Das „Vater Unser“ erfüllt den Prolog des Johannesevangeliums: „Allen aber, die ihn aufnahmen, gab er Macht Kinder Gottes zu werden, allen, die an seinen Namen glauben.“

„Ich gehe hinauf zu meinem Vater und zu eurem Vater, zu meinem Gott und zu eurem Gott“ (Joh 8,17).


Der Apostel Paulus dürfte ganz eindeutig unser Gebet vor Augen haben, wenn er schreibt: „Ihr habt den Geist empfangen, der euch zu Söhnen macht, den Geist, in dem wir rufen „Abba“ Vater! So bezeugt der Geist selber unserem Geist, dass wir Kinder Gottes sind.“ (Röm 8,15) und im Galaterbrief: „Weil ihr aber Söhne seid, sandte Gott den Geist seines Sohnes in unser Herz den Geist, der ruft „Abba“ Vater.“ (Gal 4,6)


Unser Vater in den Himmeln, geheiligt werde dein Name.

Es soll kommen dein Königtum.

Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auch auf Erden.

Unser epiousion Brot gib uns jeden Tag / heute.

Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.

Führe uns in der Versuchung / führe uns nicht in Versuchung / bewahre uns vor der Versuchung

und erlöse uns von dem Bösen.


Nordhofen geht nun davon aus, dass mit dem epiousion Brot kein tägliches, materielles Brot gemeint sein kann. Zumal Jesus selbst, wenige Verse nach dem „Vater Unser“, im Matthäusevangelium sagt: „Sorgt euch nicht um euer Leben und darum, dass ihr etwas zu essen habt.“ (Mt 6,25).


Das Herrengebet ist uns in zwei Versionen, einmal bei Matthäus und einmal bei Lukas überliefert, beide verwenden den Begriff „epiousion“. Es ist das einzige Adjektiv, welches im gesamten Gebet verwendet wird. Ein Adjektiv, welches uns das Brot näher beschreibt, um welches es geht. Ein Wort, welches umso rätselhafter wird, wenn einem bewusst wird, dass die Evangelisten hier ein Wort anführen, welches sich nirgendwo sonst in der griechischen Sprache findet. Ein Neologismus, ein singulärer Begriff, welchen die Evangelisten oder auch die ersten Missionare mit demselben Wort aus dem aramäischen Urtext ins griechische übersetzt haben müssen. Bei unserem Brot kann es sich folglich nicht um ein tägliches Brot handeln. Es muss ein einzigartiges Brot sein. Und tatsächlich nimmt Jesus beim Mahl ein Stück Brot und behauptet: „Dies ist mein Leib“.


Der sonst nirgendwo auftauchende Neologismus epiousion ist eine Zusammensetzung aus epi und ousia. Der altkirchliche Theologe Hieronymus übersetzte die Bibel aus dem Griechischen in die lateinische Sprache und benutzte dabei folgenden Begriff: supersubstantialem. Wieder ein Neologismus, den es so im Lateinischen nicht gibt, welcher allerdings ganz unserer griechischen Vorlage entspricht. Der Begriff epiousion bezeichnet also ein „überwesentliches“ Brot. Mit Rückgriff auf das apokryphe „Evangelium der Hebräer“ spricht Hieronymus an anderer Stelle auch vom „Brot für morgen“, oder vom „Brot der Zukunft“.


So überzeugend Nordhofen das Brot des „Vater Unsers“ mit dem Leib Christi gleichsetzt, so zurückhaltend ist der Exeget Gerhard Lohfink an dieser Stelle. Lohfink bleibt bei der aramäischen Fassung des „Evangeliums der Hebräer“ und damit beim „Brot für morgen“. Lohfink kann sich dabei auch auf die immer wieder in der Apostelgeschichte auftretende Wendung „vom bevorstehenden Tag“ (epinai) beziehen.


Beide sind sich darin einig, dass die Gebetsbitte nichts mit materieller Sicherheit, oder der Befriedigung von Grundbedürfnissen zu tun hat. Die Jünger sollen sich um das Brot für morgen eben nicht sorgen, sondern darauf vertrauen, dass, auch wenn sie ohne Geld, Stock und Schuhe auf der Wanderung sind, sie doch darauf hoffen dürfen, dass irgendjemand von den Kindern Gottes sie über Nacht aufnehmen und ihnen das Brot für morgen geben wird.


In diesen Wortbildern scheint sowohl bei Nordhofen, als auch bei Lohfink das biblische Manna auf. Das Wunderbrot vom Himmel, mit welchem Gott sein Volk in der Wüste gespeist hat und von dem man keine Vorräte anlegen kann. Jesus selbst hat sich mit dem Himmelsbrot identifiziert, allerdings nicht mit irgendeinem „Sattmacher“, sondern mit dem wahren Himmelsbrot (Joh, 6,35). In diesem Sinne dürfen wir mit Jesus beten:


Unser Vater in den Himmeln, geheiligt werde dein Name.

Es soll kommen dein Königtum.

Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auch auf Erden.

Das übernatürliche (bevorstehende) Brot, gib uns heute.

Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.

Bewahre uns vor der Versuchung

und erlöse uns von dem Bösen.


Die frühen Christen haben dieses Gebet nicht nur am Sonntag zur Eucharistie gesprochen, wo es als eucharistisches Tischgebet bis heute seinen Platz behauptet, sondern wohl auch jeden Tag, bevor sie täglich ein Stück vom nach Hause mitgebrachten eucharistischen Brot aßen.